Weiter in den 52 Wochen und 52 Games, weiter zurück in der Erinnerung, weiter im Takt. Vollkommen ohne Absicht, aber mit einiger Insistenz, entwickelt sich diese Serie allmählich zu meinem persönlichen Gaming Made Me, der Autobiographie im Licht der eigenen Spiele-Vita… und wieso auch nicht: Es ist nicht das uninteressanteste der Leben, die wir führten. Woche 3, Thema 3: Natur.
Es war eine verdammt seltsame Reise, die dich hierher geführt hat. Wie auf einer Opiumwolke bist du heran geschwebt über Orte, Ereignisse und Wesen hinweg, die dir hätten Angst machen sollen. Und sei es nur, weil ihre blosse Existenz dir bewies, dass es da draussen jemanden gab, der Dinge Realität werden liess, von denen du noch nicht einmal zu träumen wagtest. Es war eine verdammt seltsame Reise gewesen, mit einem Ziel, aber keinem Zweck, den du hättest benennen können.
Und jetzt bist du da, stehst vor ihr, in all ihrer schwindenden Grösse, die sie auf Augenhöhe mit dir bringt, dieselbe kränkliche Farbe und abstossende Hässlichkeit, von der du weisst, dass sie auch dir zugeschrieben wird. Kein Kampf, stattdessen redet sie und redet und redet, und du versuchst mitzukommen, und schrumpfst doch mehr und mehr vor ihr zusammen. Unter ihren Andeutungen, ihren Liebkosungen, unter ihren entblössenden Fragen, denen du dich, Auskunftssuchender, stellen musst. Die erste entfremdet dich von deinen Freunden, die zweite trennt dich von ihnen. Jede von Wahnsinn gestreifte Äusserung schlägt eine weitere Kerbe in die letzten Zweifel, die dir als Panzer geblieben sind, bis dir klar wird, dass sie dir mehr genommen hat als nur deine Freunde. Sie hat dir alles genommen, dein Gedächtnis, deine Vergangenheit – sie hat dich ohne den Schutz all dieser Dinge zurückgelassen, ein Kind, voller Unverständnis, Angst und Wut. Sie war, sie ist deine Geliebte, deine Mutter, deine Schöpferin. Und dann, dann kommt sie mit so was:
“What can change the nature of a man?”
Eine verdammt heftige Frage für jemanden, der jeden Tag kämpft dagegen, dass die Natur in seinem Körper Überhand nimmt, und hadert mit der Unsicherheit, was überhaupt einen Mann ausmachen soll. (Und wie zum Teufel man einer wird.) Aber auch der eine magische Moment in Planescape: Torment, in dem das Spiel das hormon- und identitätsgebeutelte Hirn und Herz des 17-Jährigen spaltet, an derselben Stelle wie Hesses Steppenwolf, Salingers Fänger im Roggen und all die anderen grossen Würfe der Dich-Versteher, um sich einzunisten, für Jahre, und Jahrzehnte. Ravels Frage ist der Wendepunkt, der endgültig die Hero’s Journey travestiert, die Reise des Namenlosen mit seinen tausend Leben und tausend Gesichtern wandelt zur Coming of Age-Geschichte im Rückwärtsgang: Der ganze, lange Weg vom Tod zurück zum Ursprung, der eben zufällig eine fette, blaue Hexe ist. Das allein war schon sehr viel. Doch Planescape: Torment hatte noch mehr – eine passende Antwort auf seine eine grosse Frage: Was kann das Wesen eines Menschen ändern? Ein kurzes Schulterzucken, ein knappes “Whatever”, eigentlich aber eine unausgesprochene Aufforderung, selbst die Antwort zu finden, ausserhalb der Sichtweite der alten Frau, des Labyrinths, des Bildschirms. Und nach dieser Sprengung des Rahmens setzte das Spiel, als wäre nichts geschehen, an zu seinem zweiten Akt, der vielleicht nicht Dostojewski ist, aber von jemandem geschrieben, der die Hornbrille hat, um ihn gelesen zu haben, und die Eier, um es uns wissen zu lassen. Für einen kurzen Augenblick glaubte man, dies würde genügen, um… die Natur des Mediums zu verändern. Oder wenigstens der Geschichten, die in ihm erzählt werden.
Neulich bin ich in einer Bar einem jener Menschen begegnet – ein wenig jünger, ein wenig schöner -, die man für ihren Idealismus zugleich belächelt, bewundert und verhöhnt, erinnern sie einen doch an einen selbst, von früher. Und in einem Gespräch, in dem das Wesen des Menschen vielleicht tatsächlich Erwähnung fand, meinte sie plötzlich: Ich habe einen Freund, einen Gamer, der erzählte mir, nach jedem Spiel, das er beendet habe, schalte er die Konsole ab, und damit sei das Spiel endgültig vorüber. Nichts bleibe, nichts arbeite in ihm weiter. Ich guckte in mein Bier, und wechselte das Thema.
“What can change the nature of a man?”
Ich bin sicher, dass mich Computerspiele, in ihrer Allgegenwart und hartnäckigen Treue, verändert haben. Ich bin dennoch nicht sicher, ob ich der Aufforderung, ein einzelnes benennen zu müssen, das dies für mich getan hat, ohne Zögern nachkommen könnte. Immerhin: Ich bin sicher, welcher Name nach dem Zögern fallen würde.
Bravissimo. Ohne Zweifel ist P:T der schönste Beweis für die narrative Kraft von Games (nehmt das, Ludologengesocks!). Gute Wahl; danke für die Assoziation!
Wirklich schöner Text, vielen Dank dafür!
[...] Little Big Planet auf JohnnieBi, Red Dead Redemption auf Dons Welt und Planescape: Torment auf Go To Haneda)Alle Beiträge zum Thema “Natur”:Akais Laberecke: Harvest Moon / Fetzigs Welt: Just [...]