{"id":15,"date":"2008-07-16T07:16:00","date_gmt":"2008-07-16T07:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2008\/07\/16\/pink-the-brain"},"modified":"2026-09-04T12:13:41","modified_gmt":"2026-09-04T12:13:41","slug":"pink-the-brain","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=15","title":{"rendered":"&#8220;Tokyo X Erotica&#8221; von Takahisa Zeze: Pink &#038; The Brain"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized has-custom-border\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"820\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/tokyo_erotica-1024x820.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-416\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;aspect-ratio:16\/9;object-fit:cover;object-position:55% 41%;width:789px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/tokyo_erotica-1024x820.jpg 1024w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/tokyo_erotica-300x240.jpg 300w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/tokyo_erotica-768x615.jpg 768w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/tokyo_erotica.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>KRITIK von \u201eTokyo X Erotica\u201c von Takahisa Zeze, der Sex-Filme als Mittel der Gesellschaftskritik und metaphysischen Spekulation schafft. (Und diesem Blog den Titel gegeben hat.)<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als shitenn\u00f4 bezeichnet man sie in Japan, die vier Regisseure, die Ende der 80er-Jahre antraten, um dem langsam dahinsiechenden \u201epinku eiga\u201c eine Adrenalinspritze mitten ins Herz zu versetzen. Im Westen wird das meist als \u201eDie Vier Teufel\u201c \u00fcbersetzt, um auf das Ungeh\u00f6rige in ihren Filmen zu verweisen. Will man am Bild des alle Regeln verachtenden Diabolischen festhalten, dann w\u00e4re Takahisa Zeze wohl so etwas wie der Geh\u00f6rnteste unter seinen Kollegen. Nicht, dass die Filme der anderen Drei \u2013 Kazuhiro Sano, Hisayasu Sat\u00f4 und Toshiki Sat\u00f4 \u2013 nicht auch bahnbrechend innovativ und gelegentlich unangenehm w\u00e4ren; aber Zeze ist dennoch so etwas wie der Prototyp dieser \u201eNouvelle Vague\u201c des japanischen Sex-Kinos: ein Intellektueller, der an den besten Universit\u00e4ten Japans studiert hat und entsprechende Anspr\u00fcche auch an seine Filme stellt, ein Gratg\u00e4nger zwischen Porno-, Mainstream- und dem, was hierzulande wohl \u201eIndependent\u201c-Kino heissen w\u00fcrde, der trotz kommerziellen Erfolgs in anderen Bereichen immer wieder zu den Anf\u00e4ngen seiner Karriere im Pink Film zur\u00fcckkehrte. Eine Karriere, ungew\u00f6hnlich genug f\u00fcr die japanische Filmindustrie (und hierzulande ohnehin v\u00f6llig undenkbar).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bringt einen Mann wie Zeze zum Sex-Kino? Die Antwort lautet schlicht: Freiheit. Ende der 80er-Jahre, in einer Zeit, in der das traditionsreiche japanische Studiosystem endg\u00fcltig zu erodieren drohte und der Pink Film unter der \u00fcberm\u00e4chtigen Konkurrenz des Video-Hardcore-Porno wankte, erkannte Zeze in der d\u00e4mmernden Apokalypse eine Chance: Die Wege zum ersten eigenen Film seien hier doch ungleich k\u00fcrzer als im Mainstream-Studio-System. Und \u00fcberhaupt: Wenn der Pink Film sowieso vor die Hunde gehen sollte, dann w\u00fcrde man ihm vielleicht auch freie Hand lassen. Die Rechnung ging auf: \u00c4hnlich wie Shinya Tsukamoto und eine Handvoll weiterer Indie-Regisseure, die mit Werken wie \u201eTetsuo\u201c anno 1989 die Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit und der eigenen Kinog\u00e4nger wieder auf das japanische Kino lenkten und es damit vor dem Versinken in Ignoranz und Belanglosigkeit retteten, verhalfen auch die Vier Teufel dem \u201epinku eiga\u201c zu einer Renaissance.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gestatten: Jean-Luc Zezemush<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei erf\u00fcllen ihre Filme die Richtwerte dieses Subgenres des Sex-Films gerade noch: Sie dauern meistens eine Stunde, sie bieten das geforderte Minimum von f\u00fcnf Sex-Szenen, sie werden in einer Kette spezialisierter Kinos vorgef\u00fchrt und sie entstehen unter den drakonischen Bedingungen eines Budgets von rund 30\u2019000 Dollar und einer Drehzeit von weniger als einer Woche. Alles andere jedoch wurde einer radikalen Frischzellenkur unterzogen. Auf der formalen Ebene griff man zu allerlei Arthouse-Gimmicks: Jump Cuts und h\u00e4ufige Formatwechsel, das Einreissen der Vierten Wand sowie aussergew\u00f6hnliche Kamerawinkel \u2013 Zezes Treppenwitz, einen seiner Filme unter dem Pseudonym \u201eJean-Luc Zezemush\u201c zu drehen, kommt nicht von ungef\u00e4hr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den formalen Neuerungen entsprechen nicht minder radikale inhaltliche, wobei vor allem die Szenen zwischen dem Sex ausgeweitet und erz\u00e4hlerisch genutzt werden: Die Filme der shitenn\u00f4 thematisieren die Vereinsamung der Menschen im urbanen Raum, die Abgr\u00fcnde der menschlichen Psyche (wobei Mord und Vergewaltigung h\u00e4ufige Motive sind), gelegentlich auch offen die Leerstellen, die das herrschende \u00f6konomische und politische System produziert und in denen dennoch Menschen nisten. In Zezes Filmen tritt zudem immer wieder die Religion auf, in symbolischen Verweisen und Gespr\u00e4chen \u00fcber Reinkarnation und Schicksal.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_407d724976bb43e08b6774fb928de514mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Wenig erstaunlich, dass diese idiosynkratische Art des Filmemachens die Aufmerksamkeit der \u00f6stlichen wie westlichen Cineasten weckte, die die Vier Teufel \u2013 allen voran Zeze \u2013 ab Mitte der 90er-Jahre in Retrospektiven und Festivals hofierten. Ebenso wenig erstaunlich, dass dies starker Tobak war f\u00fcr die traditionellen Pink-Konsumenten, die im Sex-Kino nichts weiter suchten als einige schnelle Minuten, in denen Denken so ziemlich das Letzte ist, woran gedacht wird. Der Spagat zwischen den k\u00fcnstlerischen Ambitionen und der Bedienung dieser urspr\u00fcnglichen Zielgruppe zeigt sich nirgends sch\u00f6ner als in einer Politik der Doppel-Titel-Gebung, die zur veritablen Kunstform gereift ist, mit Takahisa Zeze als ihrem unangefochtener Meister: Sein Deb\u00fctfilm wurde beworben als \u201eExtracurricular Lesson: Violent Assault\u201c, bekannter ist er allerdings als \u201e<strong>Go to Haneda and You Will See Kids Who Have Become Pirates Waiting to Depart<\/strong>\u201c. Ebenso sch\u00f6n: \u201eMy Train Is Supposed to be Going North But It\u2019s Going South\u201c (der in den Kinos lief als \u201eMolester Train: Mischievous Wives\u201c). Und nat\u00fcrlich der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u201eThe Phenomenon Called Myself Is a Single Blue Illumination Within the Assumed Organic Interchanging Electric Lamp\u201c, alias \u201eGarden of No Men: Uniform Lesbian\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Geburt, Leben, Tod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagegen mutet der Titel \u201eTokyo X Erotica\u201c schon fast prosaisch an. Abgesehen davon ist dieser 2001 erschienene Film (der damit einer der aktuellsten pinku eigas Zezes ist) aber durchaus repr\u00e4sentativ f\u00fcr das Schaffen des Regisseurs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film setzt ein mit einer kurzen Sequenz, in der ein junger Mann, Kenji, Opfer des Gas-Anschlags der Aum-Sekte im Jahr 1995 wird. Kenji und seine Ex-Freundin Haruka (Yumeka Sasaki) bilden das Zentrum des Films, dessen f\u00fcnf Episoden \u00fcber Zeit und Raum verteilt sind und sich lose um das Paar gruppieren: Am Tag des Anschlags empf\u00e4ngt eine Frau ihren Liebhaber, der der Yakuza angeh\u00f6rt. Eine Episode ist Haruka gewidmet, die 1997 in einem seltsam \u00fcberstylten Loft bezahlten Sex hat und schliesslich den Tod findet. Eine weitere spielt 1989: nicht nur das Jahr, in dem Zeze als Pink Regisseur deb\u00fctierte, sondern auch die Zeit politischer Umw\u00e4lzungen, wie TV-Bilder des Massakers am Tiananmen-Platz in Peking zeigen. Die Protagonisten dieser Episode k\u00fcmmern sich freilich wenig darum und widmen sich stattdessen einer alkoholschwangeren Party, deren Freiz\u00fcgigkeit den unbeschwerten Hedonismus der Pr\u00e4-Aids-\u00c4ra heraufbeschw\u00f6rt. Schliesslich gibt es Szenen aus der gemeinsamen Vergangenheit Harukas und Kenjis  \u2013 und ihrer Zukunft, die den Tod \u00fcberdauert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Pink Film ist nicht nur diese Struktur, sondern auch das digitale Format, in dem \u201eTokyo X Erotica\u201c gedreht wurde \u2013 es erlaubt eine relativ freie Kameraf\u00fchrung und eine umfassende Farbmanipulation, die monochrome Schwarz-Weiss-Bilder ebenso wie quasi-psychedelische Buntheitsexzesse umfasst. Und sie verleiht dem Film eine unfertige Note, einen Anschein von Improvisation, der gelegentlich ins (Pseudo-)Dokumentarische kippt: Dann n\u00e4mlich, wenn die Schauspieler \u2013 ohne aus ihrer Rolle zu fallen \u2013 in Interviews Fragen er\u00f6rtern wie die, ob die Zeit vor der Geburt l\u00e4nger sei als die nach dem Tod. Letzterer bleibt allgegenw\u00e4rtig in Zezes Film, in Gespr\u00e4chen ebenso wie in personifizierter Form, die gelegentlich (durchaus auch beim Sex) Mahnungen und Drohungen an die Protagonisten richtet \u2013 und dabei bewusst nicht immer Ernst zu nehmen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Funken von Humor tun dem schwer mit Gedankengut beladenen Film durchaus gut. Dennoch wirkt er zuweilen etwas \u00fcberambitioniert oder gar pseudo-tiefgr\u00fcndig. Ein Vorwurf, der Zeze w\u00e4hrend seiner gesamten Karriere verfolgte \u2013 nicht immer zu Unrecht. Auch in \u201eTokyo X Erotica\u201c wirkt die formale Experimentierfreudigkeit und die metaphysische Dimension gelegentlich etwas selbstgef\u00e4llig. Doch selbst Kritiker m\u00fcssen dem Film eine beeindruckende Effizienz im Erz\u00e4hlen zugestehen, zu der nicht zuletzt die Sex-Szenen einen erheblichen Teil beitragen. Ihre Bandbreite ist gross, sie reicht von anal bis zu oral, von Bondage bis zum Sex im Hasen-Kost\u00fcm \u2013 und doch ist den meisten von ihnen eines gemein: Dass sie beschreibend wirken. Was sie beschreiben, sind Beziehungen zwischen Menschen \u2013 die in ihrer Bandbreite derjenigen der betriebenen Kopulations-Varianten in nichts nachstehen. Selbst dort, wo den Figuren keinerlei Bildschirmzeit ausserhalb des Betts bleibt, werden sie nicht selten zu plastischen und durchaus mehrschichtigen Figuren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verglichen mit der hiesigen filmischen Kultur, die zwischen unverhohlener Hardcore-Pornographie und dem besch\u00e4mten Wegblenden vor Sexszenen beinahe keinerlei Nuancen zu kennen scheint, wirkt die Wiederentdeckung dieser dramaturgischen M\u00f6glichkeiten  \u2013 allen Nouvelle Vague-Strategien zum Trotz \u2013 fast am Erstaunlichsten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2008\/07\/16\/tokyoxerotica\/\">auf nahaufnahmen.ch<\/a>. Wer mehr wissen will \u00fcber pinku eiga (oder zumindest meine Faszination mit dem Thema vor Jahren), kann gerne auch <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2008\/03\/16\/behind-the-pink-curtain\/\">meine Zusammenfassung\/Kritik <\/a>von Jasper Sharps Standardwerk zum Thema, &#8220;Behind The Pink Curtain&#8221; lesen. Oder meine Kritiken zu weiteren pinku eiga, wie <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2007\/05\/16\/strange_saga_of_hiroshi\/\">die zu &#8220;The Strange Saga of Hiroshi, The Freeloading Sex Machine&#8221;<\/a>, die  zur sch\u00f6nsten Alters-Sex-Romanze <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2009\/04\/16\/tasogare-von-shinji-imaoka\/\">&#8220;Tasogare. Liebestoll im Abendrot&#8221; <\/a>oder <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2011\/07\/05\/nifff-2011-tag-2\/\">die zu &#8220;Underwater Love&#8221;<\/a>, in der Christopher Doyle koppulierende, liebeskranke Schildkr\u00f6tenwesen filmt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von \u201eTokyo X Erotica\u201c von Takahisa Zeze, der Sex-Filme als Mittel der Gesellschaftskritik und metaphysischen Spekulation schafft. (Und diesem Blog den Titel gegeben hat.)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":854,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-15","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-film"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":856,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15\/revisions\/856"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/854"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}