{"id":18,"date":"2009-02-09T08:31:00","date_gmt":"2009-02-09T08:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2009\/02\/09\/1-mann-2-kubikmeter-beton-1-raues-erwachen"},"modified":"2026-09-04T12:22:27","modified_gmt":"2026-09-04T12:22:27","slug":"1-mann-2-kubikmeter-beton-1-raues-erwachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=18","title":{"rendered":"Shinya Tsukamotos &#8220;Haze&#8221;: 1 Mann, 2 Kubikmeter Beton &#038; 1 raues Erwachen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized has-custom-border\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-383\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-300x225.jpg 300w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-768x576.jpg 768w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/haze-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>KRITIK von Shinya Tsukamotos \u201eHaze\u201c. Und irgendwo auch eine Einf\u00fchrung in meinen Respekt vor dem Regisseur, den ich einmal einen der konsequentesten und originellsten unserer Zeit nannte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shinya Tsukamoto wird Zeit seines Schaffens der Regisseur von \u201eTetsuo\u201c bleiben. In seiner ersten Sch\u00f6pfung pulsierte im Rhythmus stampfender Maschinenkolben ein dunkles Herz, m\u00e4chtig genug, um das gesamte japanische Filmschaffen neu anzutreiben. So jedenfalls will es die Geschichtsschreibung, die festh\u00e4lt: Anno 1989 war die Filmnation Japan nur noch als Schatten ihrer einstigen Gr\u00f6sse im internationalen Ged\u00e4chtnis pr\u00e4sent, nachdem das Studiosystem implodiert war und die ehemals ruhmreichen Riesen Daiei, Nikkatsu und Toho dem Untergang entgegen siechten. Tsukamotos schwarz-weisser Bastard aus kaltem Stahl und schw\u00e4renden Fleischwunden wirkte wie die unheilige Verk\u00f6rperung dieser apokalyptischen Stimmung, ein Geist, der stets das B\u00f6se repr\u00e4sentierte und doch Gutes schaffte: Er bohrte sich und einer neuen Generation japanischer Filmemacher einen Weg in das Bewusstsein der (inter-)nationalen Zuschauer, die ihn am Fantafestival von Venedig pr\u00e4mierten und im Folgenden zum Kult erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine surreal anmutende Erfolgsgeschichte f\u00fcr einen kaum 70 Minuten langen, auf 16mm gedrehten Independent-Film, der eine Handlung nur sehr vage, seine Wurzeln im experimentellen Theater aber \u00e4usserst klar erkennen l\u00e4sst. Wer den Film gesehen hat, versteht diese Reaktion jedoch nicht nur instinktiv, sondern gewissermassen tiefenneuronal: \u201eTetsuos\u201c Mischung aus \u00fcberstilisierten Alptraum-Bilderfolgen, zuckelnden Stakkatoschnitten, evokativen Kamerawinkeln, Stopmotion-Mutationen, gellenden Soundeffekten und h\u00e4mmernder Industrial-Musik ist bis heute unausweichlich verst\u00f6rend. Cyberpunk mag im 21. Jahrhundert nur noch wie ein Hypebegriff aus altvorderen Zeiten klingen \u2013 Tsukamotos Film \u00fcber einen Mann, der zur Maschine wird, hat sich schlicht jedem Alterungsprozess widersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der K\u00f6rper und die Stadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein fr\u00fcher Erfolg wie dieser k\u00f6nnte einen Regisseur l\u00e4hmen oder ihn aus Trotz neue Wege einschlagen lassen; Tsukamoto jedoch zeigte sich unbeeindruckt und machte schlicht und einfach \u2013 weiter. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich kaum ein Erstlingsfilm erinnern, in dem Arbeitsmethoden (Tsukamoto amtet in der Regel als Drehbuchschreiber, Kameramann, Regisseur, Produzent und oft auch als Darsteller), Stil, Stimmung und dominante Themen einer gesamten Karriere bereits \u00e4hnlich vollst\u00e4ndig entwickelt waren. Insofern, und nur insofern bleibt Tsukamoto durchaus bereitwillig der Regisseur von \u201eTetsuo\u201c (dessen dritter Teil 20 Jahre nach dem ersten gerade fertig gestellt wurde), ohne dass sich seine Karriere darauf reduzieren liesse. Seine Treue zum eigenen Werk ist kein Anzeichen von Stillstand, sondern fr\u00fcher Reife; Tuskamoto sieht keinen Zweck in der Neuerfindung seiner Positionen, wo er auch eine st\u00e4ndige Aktualisierung seiner bereits in \u201eTetsuo\u201c angelegten Interessen und Mittel betreiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist manchmal offensichtlich, wie im Pseudo-Remake \u201eTetsuo: Body Hammer\u201c (1992) oder dem Box-Film \u201eTokyo Fist\u201c (1995), unter dessen realistischem Szenario dieselbe Mutationslust lauerte wie je. Gelegentlich m\u00f6gen sich dagegen die Produktionsbedingungen \u00e4ndern vom ultra-unabh\u00e4ngigen  zum Auftragsfilmen, wie etwa in \u201eHiruko The Goblin\u201c (1991) oder j\u00fcngst den \u201eNightmare Detective\u201c-Filmen. Und gelegentlich scheint auch das Szenario frappant wenig mit den Cyberpunk-Anf\u00e4ngen zu tun zu haben, wie in der weiblichen Selbsterm\u00e4chtungs-Fabel \u201eA Snake of June\u201c (2002) oder dem morbid-bizzaren Liebesdrama \u201eVital\u201c (2004). Doch immer gelingt es Tsukamoto, seine bevorzugten Themen und Stilmittel   einzubringen \u2013 n\u00f6tigenfalls subtil: Der Mensch gegen seine urbane Umgebung, die Ver\u00e4nderung als Hoffnung und Bedrohung sowie die Faszination f\u00fcr den K\u00f6rper, die vom beobachtenden Realismus \u00fcbergangslos abgleitet in fetischierenden Hyper- oder Surrealismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Labyrinth und das Wieso<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHaze\u201c stellte dennoch eine \u00dcberraschung dar innerhalb der wie aus einem Guss gefertigten Karriere Tsukamotos: Nach einer Dekade zunehmender Distanz zu den surrealen Anf\u00e4ngen war hier anno 2005 wieder ein Film, der unverkennbar zur\u00fcck auf Start wollte: \u201eHaze\u201c ist nicht einmal 50 Minuten lang und denkbar independent- unabh\u00e4ngiger denn je, profitiert Tsukamoto doch von allen (monet\u00e4ren, r\u00e4umlichen, konzeptuellen) Freiheiten, die mit dem digitalen Filmen einhergehen. Und \u201eHaze\u201c ist zutiefst allegorisch \u2013 man beachte das eingeklammerte Gore, das Tsukamoto erneut nutzt, um k\u00f6rperliche Extremzust\u00e4nde auch f\u00fcr den Zuschauer k\u00f6rperlich erfahrbar zu machen. \u201eHaze\u201c ist ein klaustrophobisches Ungeheuer, voll und ganz auf Zerst\u00f6rung gepolt, von Organen und K\u00f6rpern, von Identit\u00e4ten und Geschichten, von Gewohnheiten und Erwartungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_7441196be47d4f7e8c8cc3dabf668e84mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nicht-Geschichte dazu ist rasch erz\u00e4hlt: Ein Mann (Tsukamoto selbst) erwacht. Er erinnert sich an nichts, aber er sp\u00fcrt Schmerz, er sieht um sich und sieht nichts als Beton, er ist gefangen, und er will sich befreien. Doch in einem Raum, der kaum Platz zum Atmen und noch weniger zum Bewegen l\u00e4sst, bedeutet jedes Vorw\u00e4rtskommen zwangsl\u00e4ufig weiteren Schmerz \u2013 man war sich der unerbittlichen Rauheit von Beton selten bewusster als beim Ansehen dieses Films. Und Beton ist nicht genug. Hinter jedem zweiten Schritt lauern Spitzen, Zacken, Klingen, Messer, S\u00e4gen, H\u00e4mmer, und \u00fcberall und nirgendwo, nat\u00fcrlich der Urschrecken selbst: Das Ungewisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tsukamoto hat genug Erfahrung in der Inszenierung von schadhaften K\u00f6rpern, um im Ultra-Expliziten nur eine Methode unter vielen zu sehen. Immer noch ist das Sounddesign, die Musik, der Schnitt entscheidender: This ain\u2019t no torture porn. Im Gegensatz zu Eli Roth und Co. hat Tsukamoto nicht nur Ideen, sondern eine Vision, und ein Endziel, das sich nicht in drastischer Effizienz ersch\u00f6pft. Eher schafft er eine Art Neuformulierung des kanadischen Indie-Hits \u201eCube\u201c (1997), die im Gegensatz zu diesem weiss, wenn auch in der erdr\u00fcckenden Enge Freir\u00e4ume gelassen werden sollten: Der Mann trifft auf eine Frau (Kaori Fujii), sie reden, aber sie k\u00f6nnen sich ihre Lage nicht erkl\u00e4ren. Selbstverst\u00e4ndlich \u2013 Tsukamoto hat mit \u201eHaze\u201c keinen Sci-Fi-Streifen geschaffen, sondern eine Allegorie, deren Wert sich bekanntlich nicht an dem bemisst, worauf sie eindeutig verweist, sondern an dem, worauf sie plausiblerweise verweisen k\u00f6nnte. Einige Deutungen werden nahe gelegt, keine aufgezwungen \u2013 zwingend, und zwar \u00fcberaus, ist in Shinya Tsukamotos Universum einzig und allein die Teilhabe an der schmerzhaften Verwandlung der K\u00f6rper der Protagonisten. Eine Verwandlung, an deren Ende alles stehen kann \u2013 manchmal sogar Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2009\/02\/09\/haze-von-shinya-tsukamoto\/\">auf nahaufnahmen.ch<\/a>. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von Shinya Tsukamotos \u201eHaze\u201c. 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