{"id":240,"date":"2007-07-04T14:35:00","date_gmt":"2007-07-04T14:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2007\/07\/04\/die-poesie-der-auswegslosen-gewalt"},"modified":"2026-09-04T12:23:49","modified_gmt":"2026-09-04T12:23:49","slug":"die-poesie-der-auswegslosen-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=240","title":{"rendered":"Die Poesie der auswegslosen Gewalt: Park Chan-wooks Vengeance-Trilogie"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_c35b669c9b514fa5adea912ce1c232c4mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>Fr\u00fcher ESSAY zu Park Chan-wooks Vengeance-Trilogie. Nur einer von vielen, vielleicht aber der beste Grund f\u00fcr einen Besuch des NIFFF 2007 ist die Anwesenheit des s\u00fcdkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook, der sich den Ruf eines der innovativsten und radikalsten Filmemacher dieses Zeit erarbeitet hat. In Neuch\u00e2tel wird in einer Retrospektive seines Werks auch die Trilogie zu sehen sein, die massgeblich f\u00fcr diesen Erfolg verantwortlich ist. Grund genug, Parks Rache-Epos einmal in seiner Gesamtheit Revue passieren zu lassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich weiss nicht genau, wie viele Filme ich in den letzten drei, vier Jahren gesehen habe. Vermutlich liegt die Zahl irgendwo im hohen dreistelligen Bereich. Davon d\u00fcrfte ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel auf Kinobesuche fallen. Und keiner hat sich tiefer im Ged\u00e4chtnis verankert als jener Abend in Friedrichshain, an dem in einem von DEFA-Geistern heimgesuchten Ostberliner-Multiplex \u201eOldboy\u201c gezeigt wurde. Ich kenne noch die Nummer des Saals (5), der Sitzreihe (12) und die Anzahl der ausser mir anwesenden Kinog\u00e4nger (8). Und ich erinnere mich exakt an den Moment, als der Abspann einsetzte und sich die Kamera zu Walzertakten in den Himmel schraubte, w\u00e4hrend ich angestrengt \u00fcberlegte, wie ich dieses Erlebnis f\u00fcr meine Begleitung in Worte fassen soll (entschieden habe ich mich letztlich f\u00fcr ein denkbar profanes \u201eGott, was f\u00fcr ein grossartiger Film\u201c, das meiner Begeisterung ebenso wie meiner Sprachlosigkeit gerecht werden sollte).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte zwei der intensivsten Stunden meines Kino-Lebens hinter mir, war im wippenden Dreiviertel-Takt durch ein Panoptikum widerstrebender Gef\u00fchle gef\u00fchrt worden, die von Momenten (seltenen, trockenen) Lachens, tief empfundener Anteilnahme und stupender \u00dcberraschung \u00fcber verschiedene Schattierungen von Verzweiflung, Abscheu und blankem Entsetzen reichten, bis schlussendlich alles in einem seltsamen Ersch\u00f6pfungszustand gipfelte, der sich mit der Zeit in eine Form von Dankbarkeit wandelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schw\u00e4rmereien eines realit\u00e4tsentfremdeten Fanboys, k\u00f6nnte man sp\u00e4testens an dieser Stelle einwenden. Und l\u00e4ge damit nicht einmal so falsch, w\u00e4re da nicht die schiere numerische Beweiskraft all jener, denen es \u00e4hnlich ergangen ist: Kaum jemand, der unvorbereitet an einen Teil der Vengeance-Trilogie geriet, und vom Gesehenen nicht nachhaltig aufgew\u00fchlt geworden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_1d5f085118154bfda27ca58f13d9ceedmv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie der gr\u00f6ssere Teil des westlichen Publikums bin ich erst mit dem Mittelteil auf die Serie aufmerksam geworden. Am Anfang stand jedoch ein Film, der \u201eOldboy\u201c in der Intensit\u00e4t der Bilder und der Publikumsreaktionen mindestens ebenb\u00fcrtig ist. Nachdem Park mit dem Politdrama \u201eJoint Security Arena\u201c (2000), das eine fatale Freundschaft zwischen nord- und s\u00fcdkoreanischen Soldaten in der \u201eneutralen\u201c Zone zwischen den Staaten zum Thema hatte, erste massive Publikums- und Kritikererfolge in der Heimat (und die ersten Triumphe an internationalen Festivals) feiern konnte, r\u00e4umte man ihm f\u00fcr seinen n\u00e4chsten Film gr\u00f6ssere k\u00fcnstlerische Freiheiten ein \u2013 und Park nutzte sie f\u00fcr einen Film, der nach seiner eigenen Aussage \u201ek\u00f6rperliche Reaktionen hervorrufen und das Publikum auslaugen soll\u201c: \u201eSympathy for Mr Vengeance\u201c (2002) erf\u00fcllte diese Vorgaben und \u00fcbertraf sie sogar, wie die Beschreibung einer Vorf\u00fchrung durch die koreanische Filmmacherin Kim Yong-hye anschaulich zeigt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn the beginning, the members of the audience (\u2026) whispered among themselves, trying to follow the plot. However, as the movie passed the middle section, all whispers died out and the audience became silent. The silence (\u2026) resulted from the sense of helplessness and confusion among the audience, being saturation-bombed with the images of violence, depicted in painstaking detail on the huge silver screen. When the film was finished, the audience left the theatre silently, deathly pale, as if they were patients who had just undergone particularly excruciating medical treatments.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es \u00fcberrascht wenig, dass Mr Vengeance die titelgebenden Sympathien von Kritiker- ebenso wie von Publikumseite her erst einmal versagt blieben. Erst zwei Jahre sp\u00e4ter sollte Park mit \u201cOldboy\u201d schliesslich den internationalen Durchbruch schaffen und auch in der Heimat als Regisseur wieder rehabilitiert werden. Zweifelsohne trug der grosse Preis der Jury von Cannes (notabene unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino, der in Park wohl einen Seelenverwandten auszumachen glaubte) sein Scherflein zum Bekanntheits-Boost bei. Unter den Fittichen des dermassen von h\u00f6herer Warte abgesegneten Nachfolgers konnte denn auch \u201eMr Vengeance\u201c retrospektiv als das Meisterwerk erkannt werden, dass es ohne Zweifel ist. Der Film fand Aufmerksamkeit und Lob auch im Westen, und als im Jahr 2005 schliesslich noch \u201eLady Vengeance\u201c das Licht der Welt erblickte, konnte sie sich in ein bereits fertig gemachtes Nest setzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine erstaunliche Karriere f\u00fcr eine Trilogie, die sich ganz und gar den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur angenommen hat und sie anhand einer ihrer archaischsten \u00c4usserungsformen verhandelt: der blutigen Rache, die die Charaktere ebenso wenig schont wie das Publikum.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d69d82e6e6584c05b7bc101f284b76c4mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Inhaltszusammenfassung der drei Filme kann bestenfalls als erste Ann\u00e4herung dienen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Mittelpunkt von \u201eSympathy for Mr Vengeance\u201c steht der taubstumme Fabrikarbeiter Ryu (Sin Ha-kyun), der bereit ist, sich bedingungslos f\u00fcr seine todkranke Schwester aufzuopfern. Da er nicht als Spender der ben\u00f6tigten Niere in Frage kommt und auf legalem Weg kein passendes Organ zur Verf\u00fcgung gestellt werden kann, wendet er sich in bedenklicher Naivit\u00e4t an die \u00f6rtliche Organ-Mafia &#8211; und wird von dieser in jedem Sinn des Wortes ausgenommen. Von \u00e4usserster Verzweiflung getrieben l\u00e4sst er sich von seiner Freundin, einer Kampfparolen brabbelnden selbst erkl\u00e4rten Terroristin (Bae Du-na) beschwatzen: Die Tochter des reichen Unternehmers Tong-jin (Song Kang-ho) soll entf\u00fchrt und danach unversehrt zur\u00fcckgegeben werden, um mit dem erpressten L\u00f6segeld die Operation von Ryus Schwester zu finanzieren. Aber alles, was eine Wendung zum Schlimmen nehmen kann, nimmt eine noch schlimmere, und l\u00e4sst am Ende mehr als nur eine vom Wunsch nach Rache zerfressene Gestalt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oh Dae-su (Choi Min-sik), ein impulsiver, aber in jeder anderen Hinsicht unauff\u00e4lliger Gesch\u00e4ftsmann und Familienvater, ist die Hauptfigur von \u201eOldboy\u201c. Eines Nachts wird er entf\u00fchrt und in eine m\u00f6blierte Einzimmerzelle gesperrt. Es wird die n\u00e4chsten 15 Jahre darin verbringen, abgeschnitten von jeglichem menschlichen Kontakt und in vollst\u00e4ndiger Ungewissheit \u00fcber die Identit\u00e4t und Motivation seiner Entf\u00fchrer. Als er eines Tages aus ebenso unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden wieder frei gelassen wird, ist sein Bewusstsein zusammengeschrumpft auf das alles beherrschende Bed\u00fcrfnis, seine Peiniger zu finden und zu bestrafen. Aber nach und nach muss Dae-su feststellen, dass seine Gefangenschaft mit der Entlassung aus der Zelle noch nicht beendet ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur \u201eLady Vengeance\u201c wird dLee Gum-ya (Lee Yeong-ae), die sich als 19-j\u00e4hrige schuldig an der Ermordung eines Kindes bekannt hat und nun nach 12-j\u00e4hriger Haft wieder frei gelassen wird. Im Gef\u00e4ngnis hat sie sich durch ihr vorbildliches Verhalten den Beinamen \u201edie herzensgute Lee Gum-ya\u201c erarbeitet (so auch der Originaltitel des Films), aber schon in den ersten Minuten wird klar, dass sie diese Herzensg\u00fcte mit den Gef\u00e4ngnismauern hinter sich gelassen hat: Angetrieben von \u2013 richtig \u2013 purer Rachsucht beginnt sie, die F\u00e4den zusammenzuf\u00fchren, die sie w\u00e4hrend den letzten 12 Jahren sorgf\u00e4ltig ausgelegt hat, um den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der sie damals in ihre Lage brachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Rundumschau l\u00e4uft Gefahr, mehr Missverst\u00e4ndnisse zu provozieren als Kl\u00e4rung zu schaffen. Die Unterschiede zwischen den Filmen scheinen geringer, als sie tats\u00e4chlich sind, und deutlich wird in erster Linie nur, was die Titel der Filme bereits verraten: Dass ihr gemeinsames Moment das Motiv der Rache ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_b790a2187a754c3ab8053caf3f7108b7mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist dies nicht originell, und Park ist sich durchaus der jahrtausendealten Tradition des Motivs insbesondere in der westlichen Fiktion bewusst: Zu seinen Vorbildern z\u00e4hlt er unter anderen Sophokles, Shakespeare und Dostojewski. Tats\u00e4chlich steht die Behandlung des Rache-Themas in der Vengeance-Trilogie den literarischen Vorbildern in mancher Hinsicht n\u00e4her als der cinematischen Tradition. Wo diese &#8211; etwa im Western, im Eastern und auch in vielen asiatischen Gangster-Filmen &#8211; h\u00e4ufig den ideologisch bedenklichsten und einfachsten Ausgang nimmt und in eine Form der Katharsis m\u00fcndet (&#8220;Kill Bill&#8221; des bereits erw\u00e4hnten Tarantino kann als sp\u00e4teres Kronbeispiel herangezogen werden), machen es Parks Filme weder den Charakteren noch dem Zuschauer derart einfach. Nicht nur, dass jeder der drei Filme unterschiedliche Facetten der dunklen Thematik ausleuchtet; alle Teile setzen sich auch f\u00fcr sich allein genommen in differenzierter Weise mit ihrem Hauptmotiv auseinander. Das Attribut &#8220;episch&#8221; ist deshalb durchaus angebracht, nicht, um die Trilogie \u00fcberfl\u00fcssigerweise in hochkulturelle Sph\u00e4ren zu heben, sondern um auf die Tradition hinzuweisen, in die sie sich stellen. Gerade in &#8220;Sympathy for Mr Vengeance&#8221; versperrte die unverhohlene Darstellung der Gewaltakte aber den Blick auf diese Vielschichtigkeit. Ein vorwurfsvoller Ton schwingt un\u00fcberh\u00f6rbar auch im obigen Zitat mit, aber er entspringt offensichtlich einem Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von Kim geschilderten heftigen Ablehnungsreaktionen sind n\u00e4mlich nur mittelbar dem Bombardement durch Bilder der Gewalt geschuldet. Tats\u00e4chlich kommen einige der grausamsten Szenen gerade nicht zur Abbildung, sondern werden durch eine kluge Montage, den Einsatz von Soundeffekten und die sprechende Mimik der Augenzeugen, die im Close-up tats\u00e4chlich in &#8220;painstaking details&#8221; gezeigt wird, nur angedeutet. \u00c4hnlich wie in Takashi Miikes &#8220;Ichi The Killer&#8221; wird so der Zuschauer zum eigentlichen T\u00e4ter, wenn er in seinem Kopf die erg\u00e4nzenden blutigen Bilder selbst entwickelt (ein Verfahren, das in den sp\u00e4teren Teilen der Trilogie noch ausgepr\u00e4gter zum Einsatz kommt). Was das Anschauen von &#8220;Sympathy for Mr Vengeance&#8221; letztlich so auslaugend macht, ist darum nicht die Rache, sondern die Sympathie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_75af3564963047469c9c4ce0c7fce79amv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die grosse Leistung sowohl des ersten Teils der Trilogie wie auch &#8220;Oldboys&#8221; ist die Menschlichkeit, mit der die Charaktere gezeichnet, und die Brillanz, mit der sie von ihren Darstellern verk\u00f6rpert werden. Das Publikum wird beinahe zwangsl\u00e4ufig dazu verleitet, am Schicksal der ProtagonistInnen Anteil zu nehmen, selbst dann noch, wenn die Hauptfigur wie in &#8220;Sympathy for Mr Vengeance&#8221; inmitten des Films unvermittelt wechselt. Grund daf\u00fcr ist, dass es in Park Chan-wooks Filmen zwar zahlreiche Gewaltakte von gnadenloser Brutalit\u00e4t gibt; aber es gibt keine Monster oder Psychopathen, die als Personifikation des reinen B\u00f6sen daf\u00fcr verantwortlich gemacht und folglich vom eigenen Gef\u00fchlshaushalt ausgeschlossen werden k\u00f6nnen. Es gibt nur radikal ungl\u00fcckliche Menschen (im doppelten Sinne sowohl von \u201egl\u00fccklos\u201c als auch \u201etraurig\u201c), die von einem \u00fcber allem thronenden Fatum ins Verderben getrieben werden, sobald sie versuchen, sich dagegen aufzulehnen. Jede ihrer Entscheidungen ist falsch, und was die ersten beiden Teile der Rache-Trilogie so grausam macht, ist nicht die physische und psychische Gewalt, die den Charakteren angetan wird, sondern die Konsequenz, mit der Park seinen Protagonisten von allem Anfang an jeden vermeintlichen Ausweg aus ihrem Schicksal zumauert, und nur darauf wartet, dass sie sich die K\u00f6pfe an diesen Mauern blutig rennen. Man muss lange suchen, um eine vergleichbare bis zum bitteren Ende durchgezogene Verweigerung jeglichen Gl\u00fccks zu finden (und wird h\u00f6chstens noch bei Todd Solondz f\u00fcndig, dessen bittere Dekonstruktion der amerikanischen Gesellschaft oft selbst wie ein pers\u00f6nlicher Rachefeldzug anmutet und bei allem Humor nicht selten ans schmerzhaft Zynische grenzt.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Vengeance-Trilogie vor Zynismus und Nihilismus rettet, ist neben der Menschlichkeit, mit der die Figuren gezeichnet werden, auch die parabelhafte Natur der drei Filme. Als wichtigsten Einfluss auf seinen Zugang zum Filmemachen nennt Park Chan-wook den oft genug zum Vorbild gemachten Kafka, aber Park scheint den Schriftsteller aus Prag besser verstanden zu haben als viele seiner Kollegen. Die Irritation und Faszination in Kafkas Werken entspringt schliesslich nicht zuletzt der Endg\u00fcltigkeit, mit der sich seine Figuren in ein nicht selten absurdes Schicksal einzuf\u00fcgen bereit sind. Die Familie Samsa suchen nie nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr Gregors Verwandlung, ebenso wenig wie Joseph K. jemals die Legitimit\u00e4t des gegen ihn in die Wege geleiteten Prozesses in Frage stellt. Auch Parks Filme werden nur richtig verstanden, wenn sie als Experimente betrachtet werden, in denen Menschen in Extremsituationen geworfen werden, damit ihre (allzu menschlichen) Reaktionen beobachten werden k\u00f6nnen. Wo aber Kafkas Texte gerade durch die Anerkennung ihres Gleichnisstatus&#8217; vor dem Vorwurf des Nihilismus gesch\u00fctzt sind, ist die Vengeance-Trilogie gef\u00e4hrdeter: Sei es, weil die Menschlichkeit seiner Charaktere (im Gegensatz zu den &#8220;blanken&#8221; Figuren Kafkas) die ihnen angetanen Unbilden als unertr\u00e4glich erscheinen lassen, sei es, weil der Film als visuelles Medium eine gr\u00f6ssere &#8220;Authentizit\u00e4t&#8221; als die Literatur aufweist. Auf jeden Fall kann man nicht behaupten, dass Park sich mit Hinweisen auf den irrealen Charakter seiner Filme zur\u00fcckhalten w\u00fcrde. Schon &#8220;Sympathy for Mr Vengeance&#8221; ist gespickt mit Elementen, die eine &#8220;realistische&#8221; oder &#8220;naturalistische&#8221; Interpretation eigentlich unterlaufen m\u00fcssten: Neben der Unwahrscheinlichkeit mancher Handlungselemente ist es vor allem die visuelle Ebene, die Irritationen bereith\u00e4lt: Die \u00dcberbetonung der Farbe Gr\u00fcn (nicht nur in den Haaren Ryus), der Einsatz von Filtern, die Platzierung absurder Details in den Sets, und nicht zuletzt die fast schon pittoresk, oder poetisch zu nennende Inszenierung mancher Gewaltakte. So offensichtlich diese Punkte einem aufmerksamen (oder einem darauf hingewiesenen) Zuschauer erscheinen m\u00f6gen, so bereitwillig wurden und werden sie aber angesichts der einnehmenden Handlungsebene dennoch ignoriert. Vermutlich als Konsequenz daraus hat Park die grenzreale Natur in den sp\u00e4teren Filmen st\u00e4rker betont: Wo in &#8220;Sympathy for Mister Vengeance&#8221; die Kamera meist statisch ist und sich die Charaktere auf Distanz h\u00e4lt, ist sie in &#8220;Oldboy&#8221; st\u00e4ndig in Bewegung, umkreist ihren Anti-Helden Oh Dae-su und macht dadurch bewusst, dass er unter st\u00e4ndiger Beobachtung steht. Der st\u00e4rkere Einsatz von CGI-Effekten und die Einbindung von Traumsequenzen sind nicht nur Beweise f\u00fcr ein erh\u00f6htes Budget, sondern auch f\u00fcr Parks Bem\u00fchen, nicht wieder falsch verstanden zu werden. In &#8220;Sympathy for Lady Vengeance&#8221; schliesslich hat sich die Parabel vollends zum (schwarzen) M\u00e4rchen gewandelt, die CGI winkt dem Zuschauer allenthalben selbstbewusst entgegen, die Farbgebung erinnert mehr an Schneewittchen denn an Realismus, und auch der Humor ist zum ersten Mal alles andere als subtil.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d30f8cefd8b2468fb7b3fc6c172a64cdmv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist diese Ebene, auf der sich &#8220;Lady Vengeance&#8221; als Abschluss einer konsequenten Entwicklung erweist. Gleichzeitig ist der Preis des neuen Augenzwinkerns hoch: Die Kritik ist sich einig, dass &#8220;Lady Vengeance&#8221; der am wenigsten gelungene Teil der Trilogie ist, und im Klartext heisst dies in erster Linie: der am wenigsten eindringliche. \u00c4sthetisch ist er auf einem ebenso hohen Niveau wie seine Vorg\u00e4nger, aber wo die Anteilnahme des Zuschauers fehlt, wirkt manches davon wie Augenwischerei. Mitschuldig daran ist die Tatsache, dass Lee Guem-ja als die einzige der drei Hauptfiguren selbst \u00fcber ihr Schicksal bestimmt (die feministische Filmforschung darf sich ihren Teil dazu denken). Wo die Charaktere in &#8220;Sympathy for Mr Vengeance&#8221; zielstrebig in ihr Verderben hineinrennen und Oh Dae-su wenigstens \u00fcber weite Strecken des Films noch das Gef\u00fchl hat, die Dinge unter Kontrolle zu halten (bis ihm schliesslich mit aller H\u00e4rte das Gegenteil bewiesen wird), agiert ihr weibliches Pendant zu (fast) jedem Punkt des Films souver\u00e4n planend. Wie einer Wiedergeburt von D\u00fcrrenmatts alter Dame gelingt es ihr, als Spinne in einem Netz filigraner Pl\u00e4ne ihre Beute so lange zu bestricken, bis sie ihre Rache bekommt. Wo sich die Geschichte in \u201eOldboy\u201c und \u201eSympathy for Mister Vengeance\u201c in Spiralbewegungen immer tiefer zur Katastrophe hinabschraubt, entwickelt sie sich in \u201eSympathy for Lady Vengeance\u201c in Kreisen, die immer gr\u00f6sser werdend von Guem-ja ausgehen, bis als H\u00f6hepunkt endlich die Erl\u00f6sung steht \u2013 als einziger der drei Hauptcharaktere f\u00fchrt f\u00fcr Miss Vengeance die Rache zu einer Form der Katharsis (die aber auch nicht v\u00f6llig frei von Br\u00fcchen ist). Indem Park dem Zuschauer durch die \u00dcberstilisiertheit des Films die Identifikation gerade in dem Film verwehrt, dessen Rachekonzeption den Sehgewohnheiten am ehesten entspricht, umgeht er nat\u00fcrlich bewusst wieder die Fallstricke der Genrekonventionen. Aber die Art der Irritation ist eine g\u00e4nzlich andere: In den ersten Filmen war sie eine &#8220;verinnerlichte&#8221; f\u00fcr das Publikum, dass sich hin- und hergerissen f\u00fchlte zwischen dem mitgef\u00fchlten Wunsch, einem &#8220;unzivilisierten&#8221; Gef\u00fchl wie der Rache nachzugeben und dem Wissen um die Sinnlosigkeit dieses Wunsches, das Park in meisterhafte Weise immer mittransportiert. In &#8220;Lady Vengeance&#8221; dagegen ist die Verfremdung eine postmoderne, die eher die Sinnlosigkeit des Erz\u00e4hlens von Rache denn der Rache selbst zu thematisieren scheint (die vermehrten R\u00fcckbez\u00fcge auf die beiden Vorg\u00e4nger unterstreichen noch zus\u00e4tzlich den &#8220;Metastatus&#8221; des dritten Films). Als Endpunkt einer drei Filme w\u00e4hrenden Entwicklung macht dies durchaus Sinn. Aber dadurch wird &#8220;Lady Vengeance&#8221; auch zum einzigen Teil der Trilogie, der eine gr\u00f6ssere Existenzberechtigung im Verbund denn als eigenst\u00e4ndiges Werk hat. Wer nicht darauf verzichten will, eine der intensivsten Erfahrungen zu machen, die das zeitgen\u00f6ssische Kino zu bieten hat, ist darum gut beraten, den Einstieg in Park Chan-wooks Welt \u00fcber einen der anderen beiden Filme zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich auf nahaufnahmen.ch, in der Zeit der grossen Begeisterung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher ESSAY zu Park Chan-wooks Vengeance-Trilogie. 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