{"id":241,"date":"2006-10-30T09:43:00","date_gmt":"2006-10-30T09:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2007\/10\/30\/die-verwendung-des-plurals-als-verzweiflungstat"},"modified":"2026-09-04T12:25:19","modified_gmt":"2026-09-04T12:25:19","slug":"die-verwendung-des-plurals-als-verzweiflungstat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=241","title":{"rendered":"Die Verwendung des Plurals als Verzweiflungstat"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_51d01bb44773432c80a8b1841db91e69mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>KURZGESCHICHTE, in der keine K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten herumspritzen, aber daf\u00fcr Fett, obwohl K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten passender w\u00e4ren, wenn man damit prim\u00e4r Augensekrete meint. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese Zeit war der Laden gew\u00f6hnlich voll, zumindest f\u00fcr diejenigen, die den Fehler machten, nicht allein unterwegs zu sein. Ich schaute mich um, ich hatte die Wahl und stellte mein Tablett schliesslich auf einer schmalen Theke ab, zwischen Menschen, denen ich keine Beachtung schenkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schob mir einen Hocker heran, setzte mich und begann zu essen. Beim ersten Biss in den Burger spritzte Fett in hohem Bogen hervor. Meine Augen folgten unwillk\u00fcrlich der Flugbahn, doch als sie auf den Mann neben mir trafen, prallten sie ab und wanderten zur\u00fcck auf die \u00fcberbordende Buntheit der Burgerverpackung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte eine M\u00fctze getragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Bisse schlang ich in grossen Brocken herunter, ich kannte den Geschmack zu gut, der sich beil\u00e4ufig in meiner Mundh\u00f6hle einstellte, als dass es sich gelohnt h\u00e4tte, allzu viel Zeit auf das Kauen zu verwenden. Schliesslich war diese Vertrautheit der Grund, weshalb ich hierher kam: man durfte damit rechnen, einigermassen rasch bedient zu werden, einigermassen satt zu werden, einigermassen bald wieder gehen zu k\u00f6nnen. Man musste mit keinen \u00dcberraschungen rechnen. Ich war ein beh\u00e4biger Mensch, ich mochte nicht m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb fand ich mich auch empfindlich gest\u00f6rt, als sich mir von rechts eine spitze Stimme ins Ohr zu bohren begann. Das M\u00e4dchen, dem die Stimme geh\u00f6rte, beklagte sich in einem hemmungslos um Aufmerksamkeit heischenden Teenagerton \u00fcber seinen Freund (ein Name, den ich jedes Mal wieder vergessen hatte, sobald sie ihn aussprach), \u00fcber dessen R\u00fccksichtslosigkeit, in ihrer Anwesenheit dauernd Thai mit seinen Eltern zu sprechen, obwohl er genau wisse, dass sie kein Wort verstehe, und&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es lag weniger an dem, was sie sagte, als an der Art, wie sie sprach \u2013 sie dehnte die hellen Vokale am Satzende ins Unermessliche und peitschte die Tonlage dabei allm\u00e4hlich in Schwindel erregende H\u00f6hen, ich nehme an, es sollte Mitleid erregen \u2013 jedenfalls wohnte ihren Worten etwas unglaublich Zwingendes inne, und da ich unter Druck schon immer schnell nachgegeben hatte, schaute ich mir sie an: ihre Jeanshose, \u00fcber deren Saum ihr Beckenknochen blass gl\u00e4nzte, den verschwenderischen Fellbesatz ihrer Kapuze, den Jungen an ihrer Seite, der j\u00fcnger wirkte als sie, wie es in diesen Jahren bei Gleichaltrigen oft der Fall ist. Er gefiel mir in seiner unbeholfenen Aufrichtigkeit, seine Augen, denen jeder, mit Ausnahme dieses M\u00e4dchen, ansehen konnte, wie unheimlich verknallt er in sie war, w\u00e4hrend er wortlos da sass, seinen Blick im Profil ihres Gesichtes vergraben, das beim Sprechen starr auf die Wand vor sich gerichtet blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als w\u00e4re es als Kommentar zu diesem Bild gemeint, erklang unvermittelt ein Ger\u00e4usch, das im ersten Moment wie ein gerundetes, weit ausholendes Seufzen wirkte, aber noch im selben Atemzug zu einem vertrockneten Lachen zusammenschrumpfte&#8230; Was immer es auch gewesen sein mochte, es war von links gekommen, von unter dieser M\u00fctze, und ich wagte einen Blick aus dem Augenwinkel. Der Mann sass in unver\u00e4nderter Haltung da, die Ellbogen auf dem Tresen aufgest\u00fctzt, die verschr\u00e4nkten H\u00e4nde vor dem Mund, ein leichtes Zittern durchfuhr seinen K\u00f6rper. Im Schatten der M\u00fctze war sein Gesicht nicht vollst\u00e4ndig zu erkennen, aber sein Blick schien aus dem Fenster zu fallen, hinunter auf eine Kreuzung im Halbdunkeln. Ich wollte wissen, ob der Anlass f\u00fcr dieses Ger\u00e4usch dort unten zu finden war, doch ich schaute nur kurz hin \u2013 es mag merkw\u00fcrdig klingen, aber ich sp\u00fcrte deutlich, dass dies seine Kreuzung war, und dass es mir nicht zustand, sie ihm wegzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also wandte ich mich wieder ab und kaute tr\u00e4ge auf den Resten des Burgers herum, um Gleichm\u00e4ssigkeit im Mahlen und Schneiden meiner Z\u00e4hne bem\u00fcht&#8230; zu meiner Irritierung wollte sie sich nicht einstellen, und ich fand mich pl\u00f6tzlich dankbar f\u00fcr die Ablenkung, welche die Stimme des M\u00e4dchens bot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Erz\u00e4hlung war bei einer Geburtstagsfeier angelangt, der Geburtstagsfeier ihres Freundes, zu der sie alleine hingegangen sei, letzte Woche, auch wenn sie niemanden dort gekannt habe, abgesehen von ihrem Freund und dessen Eltern, und ihr Freund habe sie den ganzen Abend ignoriert und Thai gesprochen, sie sei sich so schmerzhaft ausgegrenzt vorgekommen, und der einzige Mensch, der sich wirklich mit ihr unterhalten habe, sei der Vater ihres Freundes gewesen, und manchmal, da habe sie einfach das Gef\u00fchl&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Stimme flachte ab, sie sprach nicht \u00fcber ihr Gef\u00fchl, und ihr Schweigen brach so unerwartet \u00fcber uns herein, dass die Stille, die es nach sich zog, klamm und betreten wirkte. Einige Augenblicke lang (an der Wand haftend der des M\u00e4dchens, in ihr Gesicht gebohrt der des Jungen, unten auf der Kreuzung der des Mannes, meiner gefangen vom w\u00e4ssrigen Muster der Thekenoberfl\u00e4che) liessen wir diese Stille aufsteigen, \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg, doch als sie ein paar Momente lang dort oben geblieben war, in denen wir zu gel\u00e4hmt und \u00fcberrascht von der pl\u00f6tzlichen Peinlichkeit der Situation waren, um unserer aufkommenden Unruhe Ausdruck zu verleihen, schien sie von selbst wieder herabzusinken und die Leere zwischen uns auszuf\u00fcllen&#8230; ich konnte mir nicht helfen \u2013 einen Moment lang \u00fcberkam mich das Gef\u00fchl, dass aus alledem etwas werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch dann liess der Mann mit der Wollm\u00fctze das Schweigen platzen, er murmelte halblaut Scheissescheissescheisse, und nur Sekunden sp\u00e4ter folgten die ersten Worte des Begleiters des M\u00e4dchens, ein unentschiedenes \u201eDas ist nicht in Ordnung\u201c, und ich musste l\u00e4cheln, ich weiss nicht warum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Burger war vollst\u00e4ndig aufgegessen und das Getr\u00e4nk heruntergeschluckt, aber ich blieb sitzen und spielte mit dem Strohhalm in meinem Becher, bereit. Doch das M\u00e4dchen redete wieder, und von links kam nichts als dieses Lachen, das nun deutlich erkennbar war; es war die Verbitterung darin gewesen, die es als Seufzen hatte erscheinen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Fensterspiegelung suchte ich nach dem Bild des Mannes, aber entdeckte nur die Kreuzung, auf die ich kein Anrecht hatte, ich weiss nicht, vielleicht war es wirklich zum Verzweifeln. Ich wollte mir diese Frage nicht ernsthaft stellen, nahm mein Tablett und ging damit zum M\u00fclleimer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg zum Ausgang musste ich noch einmal am Tresen vorbei und sah zum ersten Mal das Gesicht des Mannes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war jung, und ich dar\u00fcber \u00fcberrascht \u2013 aber das war auch schon alles.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text entstand, mehr oder weniger, im McDonald&#8217;s am Bahnhofplatz in Z\u00fcrich. Er erschien in der Anthologie <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Talwind-Oberwalliser-Gegenwartsliteratur-Charles-St%C3%BCnzi\/dp\/3908141451\">Talwind<\/a>. Er ist, wie man so sagt, blutig authentisch, denke ich, auch wenn ich ihn (vielleicht deshalb) nur bedingt gelungen finde. Den Titel mag ich allerdings nach wie vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KURZGESCHICHTE, in der keine K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten herumspritzen, aber daf\u00fcr Fett, obwohl K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten passender w\u00e4ren, wenn man damit prim\u00e4r Augensekrete meint.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":925,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-241","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literarische-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=241"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":926,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions\/926"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/925"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}