{"id":243,"date":"2008-02-01T14:27:00","date_gmt":"2008-02-01T14:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2008\/02\/01\/horror-vacui"},"modified":"2026-09-04T12:17:07","modified_gmt":"2026-09-04T12:17:07","slug":"horror-vacui","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=243","title":{"rendered":"Christian Petzolds &#8220;Yella&#8221;: Horror Vacui"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_3791ab2a6c454b66a856948898c68181mv2.png\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>KRITIK von &#8220;Yella&#8221;, in dem Christian Petzold B-Movie-Klassiker mit der ostdeutschen Wirtschaftskrise zusammenf\u00fchrt. Und damit den ultimativen Horrorfilm f\u00fcr die Generation Praktikum schafft.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Christian Petzolds &#8220;Die innere Sicherheit&#8221;, waren es die Mitglieder der RAF, die von der Geschichte \u00fcberholt und \u00fcberfahren eine Schattenexistenz in einer Welt f\u00fchrten, in der sie l\u00e4ngst jeden Platz verloren hatten. Im nur lose verwandten Nachfolger &#8220;Gespenster&#8221; waren es die pers\u00f6nlichen Geister der Vergangenheit, die die Protagonistinnen nicht loslassen wollten. In &#8220;Yella&#8221; schliesslich geht das Gespenst der deutschen Wiedervereinigung um:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die namensgebende Heldin (an der Berlinale ausgezeichnet als beste Darstellerin: Nina Hoss) ist eine jener Existenzen, die vom versprochenen Aufschwung Ost \u00fcbergangen wurden: Yella will, Yella muss aus ihrer Heimat Wittenberge fl\u00fcchten, einer kleinen ostdeutschen Stadt, die ihren resignierten Einwohner keinerlei Zukunftsperspektiven bieten kann. Der Ausweg f\u00fchrt in den Westen: Sie hat eine Anstellung gefunden, dr\u00fcben, in Hannover. Doch als sie abreisen will, wird sie auf dem Weg zum Bahnhof in einen Unfall verwickelt, den sie seltsam unbeschadet \u00fcbersteht. Schaden nehmen allerdings ihre Tr\u00e4ume, kaum ist sie im Westen angekommen: Die Firma, bei der sie unterkommen sollte, hat Insolvenz angemeldet, und gerade als Yella notgedrungen zur\u00fcck zu ihrem alten Leben kehren will, lernt sie den Risikokapitalgeber Philipp (Devid Striesow) kennen. Er macht sie zu seiner Assistentin und f\u00fchrt sie in die zwielichtige Welt des Grosskapitals ein. Als sich auch noch eine Liebe zwischen den beiden anbahnt, scheint Yella am Ziel &#8211; w\u00e4ren da nicht jene Einbr\u00fcche der Vergangenheit, die in immer bizarreren Formen ihre neue Existenz zu (zer-)st\u00f6ren drohen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zeit f\u00fcr Nebens\u00e4chliches<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christian Petzold hat seine Filmsprache gefunden: Wie andere Vertreter der so genannten &#8220;Berliner Schule&#8221; \u00fcbt er sich in n\u00fcchternen Bildkompositionen (in &#8220;Yella&#8221; wie in den meisten seiner Filme festgehalten von der Kamera Hans Fromms) und entschleunigt das Erz\u00e4hlen auf ein Tempo, das sich und seinen Schauspielern Zeit l\u00e4sst &#8211; Zeit f\u00fcr subtile Bewegungen, Ver\u00e4nderungen des Gesichtsausdrucks, der K\u00f6rperhaltung, die ganze Seiten an Dialog ersetzen k\u00f6nnen. Wenn bei Petzold dennoch geredet wird, bleibt Platz f\u00fcr Humor, f\u00fcr alltagsnahe Gespr\u00e4che, aber es f\u00e4llt nicht ein unn\u00f6tiger Satz. Verstehen Regisseur und Schauspieler ihr Handwerk, dann kann dieses &#8220;Show, not tell!&#8221;-Prinzip auch aus scheinbar nebens\u00e4chlichen Szenen eine enorme Tiefe hervorf\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christian Petzold versteht sein Handwerk ohne Zweifel, nicht umsonst gilt er als eine der Leitfiguren der Berliner Schule. Mit dieser Sicherheit im R\u00fccken konnte er sich mit &#8220;Yella&#8221; &#8211; unter Beibehaltung aller formalen Tugenden &#8211; an ein abenteuerliches Projekt wagen: Er nimmt die Rahmenhandlung von Herk Harveys B-Movie-Klassiker &#8220;Carnival of Souls&#8221;, einer gelungenen Meditation \u00fcber den Tod im Kleid eines Kult-Horrorfilms, und verkn\u00fcpft es mit einer dokumentarischen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Missst\u00e4nde der zwischendeutschen Wirtschaftsmalaise. Ungew\u00f6hnlich ist f\u00fcr Petzold nicht die Ahnlehnung an die Popkultur im Allgemeinen und das Genre-Kino im Besonderen &#8211; in &#8220;Die innere Sicherheit&#8221; zitierte und dekonstruierte er etwa das Road Movie -, sondern die Spannweite der Einflussfaktoren. Wie gelungen die Verm\u00e4hlung von quasi-dokumentarischer Strenge und B-Movie-Zitaten letztlich wirkt, h\u00e4ngt stark von der Disposition des Zuschauers ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zielgruppenhorror<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn einerseits kann man &#8220;Yella&#8221; erfahren als handwerklich zwar makellose (zumindest in diesem Punkt d\u00fcrfte man sich einig sein), aber letztlich auf hohem Niveau scheiternde Finger\u00fcbung, als Reigen unterk\u00fchlter Bilder, der unn\u00f6tig aufgespreizt wird zwischen zwei zu weit auseinander liegenden Polen. In diesem Fall muss &#8220;Yella&#8221; manieriert wirken, wie eine Reissbrett-Konstruktion, die ihr Ideen-Skelett nie mit Fleisch drapieren kann. Die Figuren f\u00f6rdern diese Sichtweise, indem sie kaum emotionale Ankn\u00fcpfpunkte bieten, sie sind seltsam blank, die Welt, die sie bewohnen, bleibt unnahbar, leer, mit einem Wort: Seelenlos.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d3e61c832bba4839ab44a13f85ddfd8fmv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch genau hier setzt die zweite Sehweise an, in der aus \u201eYella\u201c ein hochgradig beklemmender Horror-Film wird. Den Kern relevanter Horrorgeschichten bilden bekanntlich seit jeher reale \u00c4ngste, Missst\u00e4nde und Probleme; und &#8220;Yella&#8221; findet in dieser Hinsicht im Land von Hartz IV, 1-Euro-Jobs und der wirtschaftbedingten Entv\u00f6lkerung und Vergreisung ganzer St\u00e4dte einen fruchtbaren Boden bereitet. In Petzolds Film gibt es keine scare tactics, keine Blutfont\u00e4nen &#8211; und dennoch ist eine latente Bedrohung schon fast greifbar allgegenw\u00e4rtig: In Form von Existenzangst, von Furcht davor, in die Bedeutungs- und Arbeitslosigkeit absinken zu m\u00fcssen. Das macht &#8220;Yella&#8221; zu einem Horrorfilm sui generis, der in seiner formalen Strenge Freir\u00e4ume schafft, die der Zuschauer mit seinen eigenen \u00c4ngsten f\u00fcllen kann, oder besser muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Petzold erstmals auch Momente des Fantastischen in einen Film einbaut, ist da eigentlich zweitrangig. Bereits der Verweis auf &#8220;Carnival of Souls&#8221; nimmt n\u00e4mlich eine Pointe vorweg, die nicht als \u00dcberraschungsmoment gedacht sein kann: Yella ist mit ihrem Autounfall in eine Zwischenwelt geraten, in die ebenfalls aus der Pop-Kultur hinreichend bekannte twilight zone. Die Welt des Risikokapitals, die \u00fcberzeichnet inszeniert wird als riskantes Spiel, als Schlachtfeld der gegenseitigen \u00dcbervorteilungsversuche, bleibt deshalb letztlich diffus, unnahbar, traumgleich in jedem Sinn. Petzold bedient sich in eindr\u00fccklicher Weise vor allem des Tons (unbedingt im Kino oder mit Kopfh\u00f6rern ansehen!), um Br\u00fcche und St\u00f6rungen einer Realit\u00e4t anzudeuten, die f\u00fcr Yella nie real werden kann. In dieser seelenlosen Atmosph\u00e4re agiert Nina Hoss entsprechend somnambul und l\u00e4sst in jedem (Augen-)Blick, in jedem Schritt und jeder Geste sp\u00fcren, dass diese Yella sich und der Welt um sich unsicher ist. Yella ist verloren, eine lost soul, und sie ahnt es, auch wenn sie es sich nicht eingestehen kann. Sie sucht nach einem Platz in der f\u00fcr sie neuen Welt, nach einem Auskommen und einem Heimkommen, und \u00f6ffnet doch nur unausweichlich dem Unheimlichen T\u00fcr und Tor. Yella l\u00e4dt nicht als Figur zur Identifikation ein, sondern als Sinn-Bild f\u00fcr die allgegenw\u00e4rtige Bedrohung durch das Scheitern in einem sie \u00fcberrollenden System. Vielleicht kann den Horror dieses Films tats\u00e4chlich nur empfinden, wer sich selbst einmal in einer \u00e4hnlichen Lage befunden, beziehungsweise (in einer Form vorauseilender Existenzangst) zumindest darin imaginiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man darf von Petzolds filmgewordenem Bekenntnis zur Konstruiertheit also halten was man will. Wenigstens kann man ihm die Leistung nicht absprechen, zum ersten Horror-Film der Hatz IV-Empf\u00e4nger und Generation Praktikum geworden zu sein &#8211; wenn man so will.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich auf nahaufnahmen.ch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von &#8220;Yella&#8221;, in dem Christian Petzold B-Movie-Klassiker mit der ostdeutschen Wirtschaftskrise zusammenf\u00fchrt. Und damit den ultimativen Horrorfilm f\u00fcr die Generation Praktikum schafft.<\/p>\n<p>In Christian Petzolds &#8220;Die innere Sicherheit&#8221;, waren es die Mitglieder der RAF, die von der Geschichte \u00fcberholt und \u00fcberfahren eine Schattenexistenz in einer Welt f\u00fchrten, in der sie l\u00e4ngst jeden Platz verloren hatten. 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