{"id":244,"date":"2008-02-05T08:09:00","date_gmt":"2008-02-05T08:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2008\/02\/05\/einfach-nicht-tot-zu-kriegen"},"modified":"2026-09-04T12:16:22","modified_gmt":"2026-09-04T12:16:22","slug":"einfach-nicht-tot-zu-kriegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=244","title":{"rendered":"Herk Harveys &#8220;Carnival of Souls&#8221; und Christian Petzolds &#8220;Yella&#8221;: Einfach nicht tot zu kriegen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_c9ea7d51666f4a11bbcf4170ed7ab5f7mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>W\u00dcRDIGUNG von Herk Harveys \u201eCarnival of Souls\u201c. Ein f\u00fcr 30\u2019000 Dollar gedrehtes B-Movie wird fr\u00fchzeitig auf dem Friedhof der Billighorror-Filme begraben, um zwanzig Jahre sp\u00e4ter wieder aufzuerstehen als Inspiration f\u00fcr Kritiker, Kultfilmfans und findige Film- und Buchautoren: Eine W\u00fcrdigung des \u201efilms that wouldn\u2019t die\u201c anl\u00e4sslich des Kinostarts seines sp\u00e4ten Nachkommen \u201eYella\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fakten sprechen eindeutig gegen \u201eCarnival of Souls\u201c: Seine Besetzung \u2013 unbekannt bis unerfahren. Regisseur und Drehbuchautor \u2013 zum Film gekommen \u00fcber wenig glamour\u00f6se Industrieauftragsarbeiten, zu denen sie nach diesem Dreh wieder zur\u00fcckkehrten. Ein Budget \u2013 so niedrig, dass der Film sich bestenfalls ein kurzes Leben als Double-Feature-H\u00e4lfte erhoffen konnte. Doch 45 Jahre sp\u00e4ter ist \u201eCarnival of Souls\u201c immer noch da, um zu bleiben. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs, der ebenso mysteri\u00f6s scheint wie der Film selbst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man nehme nur diese Er\u00f6ffnungssequenz: Der Bildschirm ist noch nicht richtig hell geworden, da wird der Blick bereits mitten in die Handlung geworfen: Zwei geparkte Autos, in einem drei M\u00e4dchen, im anderen zwei Jungs, die nicht einfach zu reden beginnen, sondern bereits mitten im Gespr\u00e4ch sind, ungewohnt unvermittelt, als w\u00e4re eine einst vorhandene erste Filmrolle irgendwann verloren gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">45 Jahre nach dieser Aufzeichnung m\u00f6gen wir uns f\u00fcr mit allen cinematischen Wassern gewaschen halten, alle Irritierungs- und Verfremdungstaktiken mit einem m\u00fcden G\u00e4hnen quittieren, und dennoch: Diese Szene, in der die Worte den Figuren nur asynchron \u00fcber die Lippen gehen, kommt in ihrer r\u00fcden Unmittelbarkeit nichts weniger als schlagartig auf einen zu, im seltsamen Widerspruch stehend zur schweren Langsamkeit des restlichen Filmes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dann passiert, ist oft genug zitiert worden: Die M\u00e4dchen lassen sich zu einem Rennen mit den Jungs provozieren, kein Wort ist mehr zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend die Wagen nebeneinander \u00fcber eine Br\u00fccke rasen, und pl\u00f6tzlich \u2013 der Ausl\u00f6ser bleibt wie so viele entscheidende Momente des Films im Dunklen; verlieren die M\u00e4dchen die Kontrolle \u00fcber den Wagen? dr\u00e4ngen die M\u00e4nner sie ab? \u2013 bricht der Wagen durch das Br\u00fcckengel\u00e4nder und versinkt mit einem Wasserglas-Platsch im Fluss. Die Kamera verharrt auf der Stelle, an der das Fahrzeug versunken ist und filmt unbewegt (vielleicht auch fassungslos) die sich langsam beruhigende Oberfl\u00e4che, \u00fcber die die Credits laufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wiedergeburt(en)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch nat\u00fcrlich ist das nur der Anfang. Stunden sp\u00e4ter durchforstet ein Suchtrupp erfolglos den Fluss, als pl\u00f6tzlich aus den Fluten ein M\u00e4dchen emporsteigt. Mit dem zitternden, stakenden Schritt eines neugeborenen Fohlens (den Nina Hoss in \u201eYella\u201c erfolgreich zu kopieren versucht) und weit aufgerissenen Augen erklimmt sie eine Sandbank, zum Erstaunen aller Betrachter. Sie selbst hingegen scheint wenig \u00fcberrascht, h\u00f6chstens ein wenig irritiert setzt sich in ein Auto und f\u00e4hrt los, hin zu einem neuen Lebensabschnitt, den sie als Organistin einer kleinen Kirche bestreiten will. Doch etwas stimmt nicht mit dieser Frau, mit diesem Leben; eine seltsame Ruine vor der Stadt \u00fcbt eine geradezu magische Anziehungskraft auf sie aus, und immer wieder erscheint ihr das gespenstische Gesicht eines Wesens, das bis heute nur unter dem Namen \u201eThe Man\u201c bekannt geblieben ist (und von Regisseur Herk Harvey h\u00f6chstpers\u00f6nlich verk\u00f6rpert wird).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_3c2d840ac2ba48409a5721a39ef13aa5mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Der Plot erscheint auf den ersten Blick eher konventionell f\u00fcr einen Gruselfilm, er allein h\u00e4tte schwerlich \u201eCarnival of Souls\u201c \u00fcber die Zeit retten k\u00f6nnen. Dennoch: Nach einem moderaten Start in den 60ern, in denen der Film um einige wichtige Szenen gek\u00fcrzt nur im Doppel mit dem mittlerweile l\u00e4ngst vergessenen \u201eThe Devil\u2019s Messenger\u201c lief, hat der Film seit den 80er-Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt, als Kritiker- und Festivalliebling ebenso wie als Inspirationsquelle mehrerer Filme und B\u00fccher (darunter immerhin ein Nobelpreisroman). Was genau unterscheidet diesen Film von der Unzahl seiner Zeitgenossen, die (meistens zu Recht) ebenso schnell wieder vergessen wie gedreht wurden? Eine erste Antwort ist denkbar einfach, f\u00fchrt aber immerhin auf die richtige Spur: W\u00e4hrend die meisten Horror-Filme der 50er- und 60er-Jahre heutzutage noch als alles M\u00f6gliche funktionieren m\u00f6gen \u2013 als Lachvorwand an Trash-Film-Abenden, als Artefakt der Filmgeschichte, als obskure Sammlerobjekte \u2013 Grusel verm\u00f6gen sie nicht mehr auszul\u00f6sen. Nicht zuletzt, weil ihre einst so erschreckenden Effekte in der R\u00fcckschau nur noch gut gemeint erscheinen. \u201eCarnival of Souls\u201c dagegen umweht bis heute eine Aura des Unheimlichen, des Beunruhigenden, obwohl \u2013 oder gerade weil \u2013 er auf die \u00fcblichen Spezial- und Schockeffekte beinahe g\u00e4nzlich verzichtet. Was bleibt, sind eine Reihe wirksam eingesetzter filmischer Mittel, die mit Effekthascherei nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Elegie der Einsamkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist etwa das Geh\u00f6rte: Die Tonspur scheint die Bilder absichtlich nicht immer zu treffen, eilt ihnen voraus oder hinkt ihnen hinterher \u2013 und verst\u00e4rkt erstaunlicherweise nur den Effekt des Irrealen, statt auf Produktionspatzer zu verweisen. Die Musik von Gene Moore wabert sph\u00e4risch vor sich hin, synthetische Orgelkl\u00e4nge weben dichte, \u00fcber den Bildern schwebende Klangteppiche. So weit, so sehr der Tradition des 50er- und 60er-Jahrehorrors verpflichtet. Aus dieser heraustretend steigert sich Moores Musik aber selten in theatralische H\u00f6hen, die Spannung wird nicht in entscheidenden Momenten durch druckvolle Crescendos \u00fcberakzentuiert \u2013 und bleibt genau deswegen latent \u00fcber den gesamten Film erhalten. Was aber vor allem anderen die gespenstische Wirkung dieses Tons erzeugt, ist die Tatsache, dass h\u00e4ufig nicht sicher ist, ob die Musik nur f\u00fcr den Zuschauer h\u00f6rbar ist oder Teil der Filmwelt \u2013 oder aber gar nur in der Einbildung der Hauptdarstellerin existiert, die innerhalb der Filmrealit\u00e4t in einer eigenen, stummen Welt lebt (nur selten schreit sie im Angesicht des Schreckens, den Rest des Films \u00fcber l\u00e4sst sie den Horror wortlos \u00fcber sich ergehen, ebenso gel\u00e4hmt wie fasziniert). \u201eCarnival of Souls\u201c ist ein Lehrst\u00fcck in Sachen gelungener Tondramaturgie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sind aber auch diese schwarz-weissen Bilder, die geradezu bescheiden bleiben in ihrem Verzicht auf alles Reisserische, Spektakul\u00e4re, Auff\u00e4llige. Ein einziges Mal wird der Zeitraffer eingesetzt, um eine Szene ins Unwirkliche zu heben, ansonsten zeigt die Kamera einfach nur Menschen. Auch die Gespenster sind als solche noch zu erkennen, hinter ihrer den Tod nur halb vorspiegelnden Schminke. Wo \u201eCarnival of Souls\u201c allerdings doch noch das \u00dcberlebensgrosse ins Bild holt, da tut er dies einzig und allein \u00fcber die Auswahl der Schaupl\u00e4tze: Diese Aufnahmen von Mary gleich zu Beginn des Films, wie sie in der Produktionshalle einer Orgelfabrik ein Instrument bedient, das sie in seiner Riesenhaftigkeit beinahe verschwinden l\u00e4sst (obwohl sie es ist, die der Orgel ihren Willen aufzwingt, was freilich nicht immer so bleiben wird) \u2013 das ist ein Tableau f\u00fcr die Filmgeschichte. Die zweite Monumentalszenerie, die nur noch gr\u00f6sser wirkt dadurch, dass die Mehrzahl der Szenen in einfachen Familienh\u00e4usern spielt, ist nat\u00fcrlich der titelgebende \u201eCarnival\u201c, die Hauptinspirationsquelle der Geschichte. Ein Vergn\u00fcgungstempel, der den gr\u00f6ssten Ballsaal der USA behauste, ein Luxusbad, das, nachdem sich der See, an dessen Rand es einst stand, zur\u00fcckzog, als sinnentleerte Ruine stehenblieb, als Monument der Nutzlosigkeit und der Verg\u00e4nglichkeit der Vergn\u00fcgungssucht: Architekturgewordene Metapher. Diesem Geb\u00e4ude ein filmisches Denkmal gesetzt zu haben, w\u00e4re schon Verdienst genug f\u00fcr einen Film.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber da ist auch noch dieses Skript: Wenn \u201eCarnival of Souls\u201c heute nicht bloss als Unterhaltungs-Gruselfilm wahrgenommen wird, sondern (\u00fcbrigens zum v\u00f6lligen Erstaunen seiner Sch\u00f6pfer) immer wieder auch als durchdachte, ja geradezu philosophische Reflektion \u00fcber den Tod, dann ist das in erster Linie der Verdienst von John Cliffords Drehbuch. Mary ist nicht (wie in vielen anderen Horror-Filmen) ein M\u00e4dchen, das \u201ein der Bl\u00fcte ihres Lebens\u201c aus ebendiesem gerissen zu werden droht. Es geht nicht darum, mit ihr um dieses Leben als h\u00f6chstes Gut zu f\u00fcrchten. Im Gegenteil: Die Figur der Mary ist eine Soziopathin, im Leben ebenso einsam wie im Tod. Die Ann\u00e4herungsversuche der (lebendigen) M\u00e4nnerwelt erscheinen ihr ebenso erschreckend wie die Einholungsversuche der Geister, sie ertr\u00e4gt keine Gesellschaft, egal von wem.  So einsam erscheint dieses Leben, dass man sich, sobald diese Frau dann doch noch darum zu rennen beginnt, fragt, was sie damit eigentlich retten will. \u201eCarnival of Souls\u201c ist nicht bloss ein Film \u00fcber den Tod, sondern (und vielleicht in sogar in erster Linie) einer \u00fcber die Melancholie der Einsamkeit, seine vereinsamte Heldin in ihrem abweisendem Wesen und ihrer emotionalen Leere eine zutiefst tragische Gestalt, mit der nicht recht gef\u00fchlt werden kann, um die man nicht richtig Angst hat \u2013 aber f\u00fcr die man nichtsdestotrotz f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzten Endes ist \u201eCarnival of Souls\u201c aber \u2013 um eine ebenso zwischen unsterblich und untot pendelnde Floskel zu benutzen \u2013 mehr als die Summe dieser Teile: Ein aus seiner Zeit und seinem Rahmen gefallener Gl\u00fccksgriff, dessen unwahrscheinliches Weiterleben \u00fcber die ihm bestimmte Lebensspanne hinaus ebenso zu seinem Mythos beitr\u00e4gt wie die Geschichte der nicht sterben wollenden Frau, die er erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2008\/02\/05\/carnival-of-souls\/\">auf nahaufnahmen.ch<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00dcRDIGUNG von Herk Harveys \u201eCarnival of Souls\u201c. 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