{"id":245,"date":"2008-02-05T13:32:00","date_gmt":"2008-02-05T13:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2008\/02\/05\/man-muss-sich-sisyphus-als-einen-autofahrenden-menschen-vorstellen"},"modified":"2026-09-04T12:15:27","modified_gmt":"2026-09-04T12:15:27","slug":"man-muss-sich-sisyphus-als-einen-autofahrenden-menschen-vorstellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=245","title":{"rendered":"Monte Hellmans &#8220;Two-Lane Blacktop&#8221;: Man muss sich Sisyphus als autofahrenden Menschen vorstellen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d9a00b2d2d3e46b18e494cea00379d86mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>KRITIK von Monte Hellmans \u201eTwo-Lane Blacktop\u201c. Was waren noch einmal die Zutaten eines z\u00fcnftigen Road Movies? Eine bolztaugliche Strasse? Check! Aussenseiter gegen den Rest der Welt? Check! Gr\u00f6lende Tunes, dr\u00f6hnende und brummende Motoren? Doppel- und Dreifach-Check!!! Und dennoch ist \u201eTwo-Lane Blacktop\u201c anders. Und zwar ganz sch\u00f6n.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da wird nicht gezaudert noch gez\u00f6gert: In den ersten f\u00fcnf Minuten h\u00f6ren wir genau einen Satz an Dialog, aber um die f\u00fcnfzig verschiedene Tonlagen vibrierender Motoren. Mindestens. Wir befinden uns inmitten eines Rennens. Der Sport heisst Dragster-Race, die Distanz ist eine Viertelmeile, und unser Protagonist, das immerhin ist klar, ist ein frisierter 55er Chevy. In ihm befindet sich ein Mann, der unbeschrieben genug ist, um f\u00fcr die L\u00e4nge des Films nicht \u00fcber die Bezeichnung \u201eThe Driver\u201c hinauszukommen. Gespielt wird er von James Taylor, einem S\u00e4nger auf seinem einzigen Trip ins Schauspielfach; er bleibt wortkarg, aber sieht dabei immerhin so abgefuckt-cool aus, wie es sich jeder Grunger knapp zwanzig Jahre sp\u00e4ter, in den fr\u00fchern 90ern also, nur wird ertr\u00e4umen k\u00f6nnen. Das Rennen geht los, die Motoren heulen, und am anderen Ende der Strecke wartet schon die Polizei. Der 55er Chevy wendet, um seinen Sieg geprellt, auf offener Strasse, schnappt unterwegs einen weiteren Mann auf, der einfach nur \u201eThe Mechanic\u201c heisst (Denis Wilson, seines Zeichens Drummer der Beach Boys, in seiner ersten und einzigen Film-Performance), und braust davon. Das w\u00e4re wohl der Moment, in dem einer der beiden Insassen seinem Adrenalin\u00fcberschuss Ausdruck verschaffen k\u00f6nnte mittels eines gezirkelten \u201eWuuuu-huus!\u201c, hochgereckter F\u00e4uste, oder was sich die Film- und Autoindustrie sonst so ausgedacht haben mag in Sachen unsubtiler Euphorie-Marker. Aber: nein. Die Gesichter beider M\u00e4nner bleiben unbewegt, ernst allenfalls, und sie schweigen sich an. Sp\u00e4testen hier sollte auch dem langsamsten Zuschauer zweierlei schwanen: Erstens \u2013 diese M\u00e4nner machen das nicht zum Kick, sie tun es, weil ihnen sonst nichts \u00fcbrig bleibt. Zweitens \u2013 this ain\u2019t your ordinary road movie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rennen um den McGuffin-Cup<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Zuschauer, die sich lieber sanft aufs Glatteis f\u00fchren lassen wollen, wird aber doch noch einmal der Genre-Baukasten aufgesperrt. An einer Rastst\u00e4tte begegnen Fahrer und Mechaniker stereotyp einem alles andere als stereotypen M\u00e4dchen (Laurie Bird spielt vor allem sich selbst, einen r\u00e4tselhaften, sprunghaften, abgr\u00fcndigen Charakter). \u201eThe Girl\u201c gesellt sich aus einer Laune heraus zu ihnen und darf zwischenzeitlich als eine Art Romanze funktionieren. Um die Genre-Konstellation komplett zu machen, beschert ein Tankstellenstop dem Trio schliesslich noch die Begegnung mit einem Pontiac GTO und dem Zuschauer sein zweites grosses Aha-Erlebnis des Abends. Denn sp\u00e4testens hier d\u00fcrfte ihm bewusst werden, dass man es bei \u201eTwo-Lane Blacktop\u201c nicht nur mit einem ungew\u00f6hnlichen, sondern auch einem ungew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Road Movie zu tun haben k\u00f6nnte: Gefahren wird der GTO n\u00e4mlich von Warren Oates, und ihm dabei zuzusehen, wie er \u00fcber seine Rolle hinausw\u00e4chst, ist allein schon Grund, diesen Film zu m\u00f6gen. Mindestens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nat\u00fcrlich kommt es, wie es kommen muss, wenn sich derart viel geballte M\u00e4nnlichkeit und Motorenpower auf engem Raum versammeln: 55er Chevy fordert Pontiac GTO zu einem Rennen heraus, bei dem es ums Ganze gehen soll, und das heisst nat\u00fcrlich: Die Fahrzeugpapiere des jeweils anderen. Flugs noch einen Zielpunkt ausgemacht, m\u00f6glichst am anderen Ende der Staaten, und fertig ist der lupenreine Autorenn\/Rennauto-Filmplot. Der wird aber nur allzu bald im Vollgas hinter sich gelassen: McGuffin nannte Herr Hitchcock eine solche falsche F\u00e4hrte einst, die als vermeintlicher Aufh\u00e4nger letztlich nirgends hinf\u00fchrt, oder allenfalls noch: Geradewegs in die Irre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der erfahrene Existenzialismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn kaum hatte Regisseur Monte Hellman zugesagt, das Drehbuch zu einem Film umzusetzen, der im Deutschen salopp-treffend \u201eAsphaltrennen\u201c heisst, da machte er sich auch schon daran, dieses Drehbuch von Grund auf umzugestalten. Was von den Produzenten als launiger Race-Film f\u00fcr ein junges Publikum konzipiert war, wurde in den H\u00e4nden Hellmans und seines Drehbuchschreibers Rudy Wurlitzer zu etwas g\u00e4nzlich Anderem: Dem existentialistischsten aller Road Movies, 20 Jahre bevor Filme wie \u201eThelma&amp;Louise\u201c erneut versuchten, die radikale und nicht immer angenehme Freiheit auf der Strasse erlebbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d9a00b2d2d3e46b18e494cea00379d86mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eTwo-Lane Blacktop\u201c \u00e4hnelt in mancherlei Hinsicht dem 55er Chevy in seinem Zentrum: Da bleibt kein Platz f\u00fcr schm\u00fcckendes Beiwerk; der Innenraum ist auf das absolut Wesentliche reduziert, doch unter einer Karosserie, die derart abgewetzt ist, dass sie die Coolness alter Tage nur noch erahnen l\u00e4sst, rackert ein Getriebe, das die desolate Erscheinung L\u00fcgen straft. Auch in Hellmans Film ist der Glanz des Road Movies stumpf geworden, von ihm bleibt nicht viel mehr als ein Ideenger\u00fcst, mit dem neckisch umgegangen wird: Kameraeinstellungen, der Umgang mit dem Soundtrack, ja sogar die Fahrszenen sind immer ein wenig an den Genre-Konventionen vorbeiinszeniert. Der Kern des Films aber ist reduzierte, cinematische Hochleistung pur: Dialoge sind selten, aber nicht selten strotzend von staubtrockenem Humor (\u201eWhere are you going?\u201c \u201eWest.\u201c \u201eCool, I\u2019ve never been West.\u201c); die Schauspielleistungen sind so minimalistisch wie pr\u00e4zise; und keine einzige Szene wird verschwendet, wenn sie meistens auch nur dazu da sind, die namenlosen Figuren plastischer zu gestalten und dabei vergessen, die Handlung voranzutreiben. Der Plot interessiert in \u201eTwo-Lane Blacktop\u201c aber ohnehin niemanden wirklich, es rollt halt einfach immer weiter voran mit der Existenz dieser Menschen, die von den eben noch kursierenden Hippie-Utopien auf maximalm\u00f6gliche Distanz gegangen sind. Zur Freiheit, die sie sich auf der Strasse erfahren, sind sie verdammt \u2013 sie scheinen weniger unterwegs zu sein, weil sie es wollen, als vielmehr einfach darum, weil sie es k\u00f6nnen. Und manchmal wirken sie gl\u00fccklich dabei. Wenn dann der Schluss gekommen ist \u2013 notabene einer der radikaleren und besseren der Filmgeschichte -, da vermutet man, dass es wohl irgendwie weiter gehen wird mit ihnen. Aber nicht f\u00fcr den Zuschauer, der bis dahin aber bereits genug gesehen haben d\u00fcrfte; genug, um zu begreifen, dass er gerade eine der sch\u00f6neren cinematischen Wiederentdeckungen der letzten Jahre machen durfte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2008\/02\/05\/two-lane-blacktop-von-monte-hellman\/\">auf nahaufnahmen.ch.<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von Monte Hellmans \u201eTwo-Lane Blacktop\u201c. Was waren noch einmal die Zutaten eines z\u00fcnftigen Road Movies? Eine bolztaugliche Strasse? Check! Aussenseiter gegen den Rest der Welt? Check! Gr\u00f6lende Tunes, dr\u00f6hnende und brummende Motoren? Doppel- und Dreifach-Check!!! 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