{"id":246,"date":"2008-02-12T13:19:00","date_gmt":"2008-02-12T13:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2008\/02\/12\/am-anderen-ende-der-unschlud"},"modified":"2026-09-04T12:14:36","modified_gmt":"2026-09-04T12:14:36","slug":"am-anderen-ende-der-unschlud","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=246","title":{"rendered":"Gus Van Sants &#8220;Paranoid Park&#8221; und die Todes-Trilogie: Am anderen Ende der Unschuld"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_60f568ae7dfd44989d9d9e972b026514mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;object-fit:cover\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>KRITIK von Gus Van Sants &#8220;Paranoid Park&#8221; und seiner Todes-Trilogie. Nach einem t\u00f6dlichen Ausflug in die W\u00fcste, einem High School-Massaker und dem Tod eines Rockstars wendet sich Gus van Sant in seinem neuesten Film der Skaterszene von Portland zu. Und schliesst damit (beinahe) nahtlos an seine elegische Trilogie \u00fcber den Tod im Medienzeitalter an.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich schreibt das imagin\u00e4re \u201eHandbuch des Journalisten\u201c, irgendwo unter Paragraph 63c vermutlich, dem Kritiker ja die gesunde Distanz zu den Ausw\u00fcrfen der PR-Abteilungen vor. Manchmal jedoch gelingt es Letzteren derart perfekt, mit wenigen Worten so gl\u00fccklich ins Herz der Wahrheit zu treffen, dass diese gleich an Ort und Stelle auf der Strecke bleibt. So geschehen bei Gus van Sants neuem Film \u201eParanoid Park\u201c, dessen Plotzusammenfassung in der offiziellen Pressemappe ihrer messerscharfen Brillanz wegen in voller L\u00e4nge zitiert werden soll: \u201eAlex, a teenage skateboarder, accidentally kills a security guard in the vicinity of Paranoid Park, Portland\u2019s tough street park. He decides to say nothing.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist alles. Spoiler bereits inklusive. Und der Rest der Seite: nur weisses Papier. Nun dauert der Film aber ganze 85 Minuten und holte sich zudem den diesj\u00e4hrigen Spezialpreis der Jury in Cannes und den Spitzenplatz der Jahrescharts in den \u201eCahiers du cin\u00e9ma\u201c. Was zum Teufel also passiert da die ganze Zeit \u00fcber?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese Frage zu kl\u00e4ren, heisst es zun\u00e4chst ein wenig Anlauf holen, um im Eilverfahren durch die Karriere Gus van Sants zu zappen: Nach umjubelten Anf\u00e4ngen in der ebenso queeren wie originellen Independentszene mit Filmen wie \u201eMala Noche\u201c (1985) oder \u201eMy Own Private Idahoe\u201c (1991) legte er einen ausgedehnten und lukrativen Stopp in Mainstream-Hollywood ein. Dort liess er Ben Affleck und Matt Damon in \u201eGood Will Hunting\u201c (1997) zum vorerst letzten Mal f\u00fcr Jahre wie ernstzunehmende K\u00fcnstler aussehen, wiederholte dieselbe Geschichte eher erfolglos mit Sean Connery in \u201eFinding Forrester\u201c (2000) und nahm dazwischen noch den Ausdruck \u201eRemake\u201c dreister Weise beim Wort, als er Hitchcocks \u201ePsycho\u201c (1998) Szene f\u00fcr Szene nachstellte. Und dann hatte Gus van Sant auf einmal keine Lust mehr, mit den Grossen mitzuspielen. Stattdessen kehrte er lieber in den kleinen kreativen Indie-Sandkasten zur\u00fcck. Genauer gesagt: In die W\u00fcste, wohin ihn Matt Damon und der mittlerweile ebenfalls zu l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligem Ruhm gekommene Cassey Affleck begleiteten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Trilogie des mediatisierten Todes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film, den die drei mit einem kleinen Team drehten, heisst \u201eGerry\u201c (2002), und er hinterliess einen Gutteil der Kritiker und Zuschauer ratlos. Zwei M\u00e4nner unternehmen einen Ausflug in die W\u00fcste, verlaufen sich, leiden, und als der eine Tage sp\u00e4ter einen Weg hinausfindet, hat er seinen besten Freund hinter sich zur\u00fcckgelassen \u2013 ermordet von eigener Hand. Der Plot ist angelehnt an eine wahre Geschichte, die sich im Sommer 1999 in den USA ereignete und medial bis auf die Eingeweide ausgeschlachtet wurde. Doch was man dabei verzweifelt gesucht hatte, fand sich nicht: Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum ein Mann seinen besten Freund einfach so umbringen kann (seine eigene Antwort \u2013 aus Gnade \u2013 wollte man nicht gelten lassen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Gus van Sants Film liefert die Erkl\u00e4rung nicht, will es auch nicht, er spekuliert nicht, er psychologisiert nicht, ja er erz\u00e4hlt nicht einmal. \u201eGerry\u201c zeigt, inspiriert vom amtierenden Grossmeister der cinematischen Langsamkeit, dem Ungarn Bel\u00e0 Tarr, bloss zwei Menschen, die nicht viel tun, ausser zu laufen und dabei dem Tod langsam n\u00e4her r\u00fccken. Doch obwohl auf der Leinwand so gar nichts passiert, obwohl die Charaktere unbeschrieben bis zur Unkenntlichkeit bleiben, ist \u201eGerry\u201c beherrscht von einer latenten Spannung, die daher r\u00fchrt, dass der fatale Ausgang der Geschichte jederzeit klar ist \u2013 den Massenmedien sei Dank. Van Sant setzte diese Strategie noch zweimal ein, in \u201eElephant\u201c (2003), in dem er auf das High School-Massaker in Littleton rekurriert, und in \u201eLast Days\u201c (2005), in dem ein Rockstar, der nicht zuf\u00e4llig an Kurt Cobain erinnert, durch die so elegischen wie versifften letzten Tage seines Lebens taumelt. Alle drei Filme, die eine Art \u201eTrilogie des mediatisierten Todes\u201c bilden, verzichten darauf, dem Tun ihrer Akteure auf den Grund zu gehen oder im gewohnten Sinn eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Die Trilogie zeigt nur, sie zeigt K\u00f6rper, Gesichter, R\u00e4ume, und sie tut es in einer Reinheit und Sch\u00f6nheit, einer Bed\u00e4chtigkeit auch, die rar ist im Kino. Bringt der Zuschauer das entsprechende Talent zum Hinschauen mit, wird er mit Bildern von ungewohnter Kraft belohnt, die vor dem minutenlangen Blick bestehen k\u00f6nnen, ohne sich in Schnitte, Tempo, oder Effekte zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kreisen ums Unvermeidliche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um also auf die Ausgangsfrage zur\u00fcck zu kommen: Auch in \u201eParanoid Park\u201c, der lose anschliesst an diese Trilogie, passiert nicht viel. Nicht viel mehr an Handlung jedenfalls, als sich in zwei S\u00e4tze fassen liesse, siehe oben. Nun beinhalten diese S\u00e4tze aber abermals den Tod, und damit ein Ereignis, das ohnehin gewaltig genug ist, um das Leben eines Teenagers mehr zu verst\u00f6ren, als es in 85 Minuten darstellbar w\u00e4re. Van Sant ist es denn auch genug, jenseits von Ergr\u00fcndungen oder Erl\u00f6sungen einen Menschen zu zeigen, der, selbst noch etwas tapsig im Leben stehend, pl\u00f6tzlich mit dessen Ende in seiner brutalsten Form konfrontiert wird. Und zugleich den richtig grossen Fragen, wie der nach Schuld und S\u00fchne (der Film kann als sehr lose Variation von Dostojewskis Epochalroman verstanden werden), der nach dem Alleinsein unter Menschen, und der Last des Schweigens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verst\u00f6rt aber kann letztlich nur werden, was einmal in Ordnung war. Und so nimmt sich \u201eParanoid Park\u201c auch Zeit daf\u00fcr, das Leben seines Protagonisten um den tragischen Unfall herum auszuleuchten. Alex (Gabe Nevins) lebt eine eher unspektakul\u00e4re Teenager-Existenz, in der die Schule ein notwendiges \u00dcbel ist, die M\u00e4dchen manchmal verwirrend reif, die Eltern immer etwas zu besorgt, und eine Party noch ein Abenteuer. Eine Existenz mit einem klaren Mittelpunkt zumindest: Skateboarden. Alex und seine Freunde sind zwar mit Leib und Seele ihren Decks verfallen, aber doch zu jung, zu wenig skilled, um wirklich zur Szene zu geh\u00f6ren. Und so werden die Trips zum \u00f6rtlichen \u201eParanoid Park\u201c (eine Krater-Landschaft aus Beton, die von Skatern wie Junkies gleichermassen als Heimstatt akzeptiert wird) zum Ausflug ins Nirwana, zur St\u00e4tte der Fraternisierung mit den \u00c4lteren und Bewunderten, aber immer auch zur Bew\u00e4hrungsprobe. Und irgendwann auch zum Ort des S\u00fcndenfalls. Irgendwann? Irgendwann. Denn der S\u00fcndenfall steht vielleicht thematisch, aber nicht chronologisch im Zentrum von \u201eParanoid Park\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_319f0ca8ab11498498fa358109814d74mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vierte Film erinnert nicht nur aus diesem Grund deutlich an \u201eElephant\u201c, den Mittelteil der Trilogie. Wie dort die Handlung in immer neuen Schleifen auf das unvermeidliche Highschool-Massaker zulief, das dann doch immer wieder vor dem Auge des Zuschauers fern gehalten wurde, so wird auch die Geschichte in \u201eParanoid Park\u201c alles andere als geradlinig erz\u00e4hlt. Szenen werden ein erstes Mal scheinbar wahllos abgespult, verwirren, und tauchen an sp\u00e4terer Stelle erneut auf, mit leicht verschobener Perspektive. Manchmal findet die Perspektivenverschiebung auch nur im Kopf des Zuschauers statt, der beim zweiten Mal versteht, was beim ersten Mal noch v\u00f6llig im Dunkeln lag. Und so ist auch der Tod dann irgendwann pl\u00f6tzlich da, obwohl man geglaubt hat, ihn l\u00e4ngst kommen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abgeblendete Authentizit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt, das Sehen: \u201eParanoid Park\u201c ist erneut ein Film f\u00fcr das Auge. Es gibt vermutlich keinen anderen Filmemacher, der junge M\u00e4nner (andere Hauptakteure gibt es bei ihm nicht) so anmutig und zugleich realit\u00e4tsnah in Szene setzt wie Gus van Sant. Daran hat sich auch in \u201eParanoid Park\u201c nichts ge\u00e4ndert. Wieder laufen sie, blicken, sagen nicht viel, und doch sprechen ihre Gesichter und K\u00f6rper dabei B\u00e4nde. Van Sant beherrscht das Kunstst\u00fcck, sich nur auf die Oberfl\u00e4chen zu konzentrieren, und dabei doch mehr vom Innern seiner Charaktere zu zeigen, als es Legionen gut gemeinter Teenager-Dramoletten je gelingen wird. Ein Grund daf\u00fcr sind einmal mehr auch die Schauspieler. F\u00fcr \u201eParanoid Park\u201c wurden sie von der Strasse weg gecastet, sie sind zum Teil also tats\u00e4chlich, was sie spielen. Und das tut dem Film gut. Denn dadurch gelingt es van Sant und seiner Crew, bei aller Arthouse-Lastigkeit der filmischen Mittel immer noch den Anschein des Authentischen aufrecht zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein reiner Widerschein, darauf ist zu bestehen, auch wenn manche Kritiker angesichts des Umstands, dass einige der Schauspieler \u00fcber eine Myspace-Seite gefunden wurden, bereits von Authentizit\u00e4t jubelten. Die Lage ist in \u201eParanoid Park\u201c aber komplizierter: er will nicht einfach authentisch sein. Dass er dabei trotzdem der Realit\u00e4t gerecht wird, ist kein Widerspruch, sondern eine Leistung. Die Geschichte beruht schliesslich nicht auf einer wahren Begebenheiten, sondern einer Jugendbuch-Vorlage desselben Titels von Blake Nelson. Oder der Soundtrack, jene abenteuerliche Mischung aus Indie-Legenden wie Eliot Smith und Fellini-Scores: er wird sich auf keinem Ipod eines 16-J\u00e4hrigen anno 2007 finden lassen. \u201eParanoid Park\u201c versucht nicht, die \u201eRealit\u00e4t\u201c eines Teenager-Lebens nachzustellen, sondern Symbole daf\u00fcr zu finden, die nicht zwangsl\u00e4ufig der Erfahrungswelt eines Jugendlichen entspringen m\u00fcssen \u2013 aber nichtsdestoweniger meistens extrem angemessen sind. Case in point: kein Regisseur, dem an Authentizit\u00e4t gelegen ist, w\u00fcrde auf die Idee kommen, ausgerechnet Christopher Doyle als Kameramann anzuheuern. Doyle, bekannt f\u00fcr seine hyper-stilisierten Einstellungen in den Filmen Wong Kar-Wais oder Zhang Yimous (\u201eHero\u201c), mag ein begnadeter \u00c4sthet sein, dem aber nicht eben an realit\u00e4tsnahen Bildern gelegen ist. F\u00fcr Gus van Sant hat er verschiedene Formate, Techniken, Geschwindigkeiten zusammengerauft: Wir sehen Alex frontal in Super-Zeitlupe durch die Schulkorridore laufen, wir folgen ihm dicht auf den Fersen, wenn er sich rollend und schlurfend durch seine Welt bewegt. Und wir sehen ihm dabei zu, wie er am Rand des Skateparks tr\u00e4umend zusieht, wenn die Skater sich beinahe schwebend vor der Kamera bewegen, meistens festgehalten in grobk\u00f6rnigen Handkamera- oder 8mm-Bildern. Nie ist \u201eParanoid Park\u201c weiter entfernt von jeglicher Realit\u00e4t als in diesen Aufnahmen, die, verglichen mit der Ruppigkeit, H\u00e4rte und Geschwindigkeit \u201eauthentischer\u201c Skatevideos, geradezu einlullend und verfehlt wirken. Eine kurze Sequenz am Schluss macht dies \u00fcberdeutlich, kaum eine Minute, in der den Schauspielern die Kamera selbst in die Hand gedr\u00fcckt wurde. Sie tun nicht mehr damit, als sich selbst zu filmen. Beim Skaten. Beim Sichselbersein. Irgendwo im Niemandsland einiger Jahre, in denen das noch alles ist, was von ihnen erwartet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Sequenz, begl\u00fcckend, irgendwie, aber ebenso bedr\u00fcckend im Wissen darum, was kommen wird. Das Paradies, vor dem Verlust der Unschuld. Davon erz\u00e4hlt \u201eParanoid Park\u201c. 85 Minuten lang. Und braucht dazu nicht mehr und nicht weniger als eine Reihe von Bildern, in denen ganze Leben stecken.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich<a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2008\/02\/12\/paranoid-park-von-gus-van-sant\/\"> bei nahaufnahmen.ch<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von Gus Van Sants &#8220;Paranoid Park&#8221; und seiner Todes-Trilogie. Nach einem t\u00f6dlichen Ausflug in die W\u00fcste, einem High School-Massaker und dem Tod eines Rockstars wendet sich Gus van Sant in seinem neuesten Film der Skaterszene von Portland zu. 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