{"id":250,"date":"2011-08-06T14:19:00","date_gmt":"2011-08-06T14:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2011\/08\/06\/kein-verstecken-kein-davonrennen"},"modified":"2026-09-04T12:02:38","modified_gmt":"2026-09-04T12:02:38","slug":"kein-verstecken-kein-davonrennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=250","title":{"rendered":"&#8220;Kakurenbo&#8221;: Kein Verstecken, kein Davonrennen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_cbe92839c4a74506aacdc6dd3e4887b4mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;object-fit:cover\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>KRITIK von Shuhei Moritas und Daisuke Sajikis erstaunlichem DIY-Anime. Acht Kinder verlieren sich beim Spiel in den Eingeweiden eines verlassenen Stadtteils. \u201eKakurenbo\u201c bedient sich zu gleichen Teilen bei japanischen M\u00e4rchen, urbanen Distopien und dem Horror-Genre, um dem Zuschauer eine halbst\u00fcndige Lektion im Unheimlichen zu erteilen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Versteck-Spiel? Eine psychologische Splitterbombe erster G\u00fcte. Das reinste Kinderspiel? Nat\u00fcrlich! Lehrt es den stummelbeinigen Erdbewohner doch more Lektionen f\u00fcrs Leben: Dass mit dem Verschliessen der eigenen Augen vor dem Grauen noch rein gar nichts gewonnen ist, zum Einen. Zum anderen den suizid\u00e4ren Leitgedanken, dass man, wenn das schon so ist, genausogut der Gefahr im vollen Lauf entgegenrennen kann. Das Versteck-Spiel bereitet uns also nicht nur vor auf Karrieren als Evil Knevil-Wiederg\u00e4nger oder jenen verzweifelten Moment beim Anbruch der Sperrstunde, der endg\u00fcltig \u00fcber die Bettenbelegung der Nacht entscheidet. Es ist auch eine fr\u00fche Auseinandersetzung mit der Fiktion des Horror-Genres und der an den Rand der Zivilisation verdr\u00e4ngten Realit\u00e4t, dass man gelegentlich auch als letztes Glied der Nahrungskette Beute statt J\u00e4ger sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der japanische Zeichentrickfilm \u201eKakurenbo\u201c weiss all dies und verschmilzt es zu einem kompakten Film, der Erkl\u00e4rungen und langf\u00e4dige Handlungsstr\u00e4nge suspendiert zugunsten von omnipr\u00e4senten Ahnungen und Erinnerungen. Wenn, so heisst es am Anfang in aller K\u00fcrze, sieben Kinder ihre Gesichter hinter Masken verborgen haben und ihren Weg in ein verfallenes Viertel am Zentrum einer unbeschriebenen japanischen Metropole finden, dann beginnt das Spektakel: ein Versteck-Spiel auf Leben und Tod, gespielt um des Spielens willen. Vom Gewinner spricht hier niemand, die Verlierer aber verschwinden spurlos. \u201eKakurenbo\u201c inszeniert den Wettlauf der Kinder im charakteristischen Rhythmus des Versteckspiels, immer intensiv, im scharfen Wechsel von Perioden angespannten Lauerns und Adrenalinexplosionen im manischen Wettl\u00e4ufen zum Schlagmal \u2013 ein Rhythmus, der nat\u00fcrlich zugleich der des Horror-Films ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_836e745984a045e496d2bffabfeb925emv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Horror ist in diesem Anime ohnehin nie weit, und auch er r\u00fchrt an Urt\u00fcmliches und Unbewusstes \u2013 zumal der Mythos bereits im Wortsinn steckt: Im Japanischen lautet der Begriff f\u00fcr spurloses Verschwinden \u201aKamikakushi\u2018, w\u00f6rtlich \u201eversteckt werden durch einen Gott\u201c. Der Name des Fangen-Spiels, der aktiven Kehrseite des Versteckens also, lautet dagegen \u201aOnigokko\u2018 \u2013 ein Wort, das mit \u201aOni\u2018 wortw\u00f6rtlich den D\u00e4mon im Leib tr\u00e4gt. Und so beschw\u00f6rt \u201eKakurenbo\u201c auch die fremde, doch im Archetypischen vage vertraute Welt der japanischen Mythologie herauf, die etwa auch Myazakis \u201eSpirited Away\u201c so endlos faszinierend machte. Wo die D\u00e4monen und G\u00f6tter dort aber in altert\u00fcmlichen Bauten konserviert wurden, ist die Architektur in \u201eKakurenbo\u201c schon fast post-urban: Inspiriert von den pathologischsten Ausw\u00fcchsen des modernen St\u00e4dtebaus wie der Kowloon Walled City in Hongkong, ist die St\u00e4tte des Versteckens ein Ort, der letztlich alle Versuche der Kinder, ihn sich im Spiel anzueignen, ins Leere laufen lassen muss. Das Verschweissen von Ur-Mythischem und Hyper-Modernem gelingt auf der visuellen Ebene nahtlos. Dies ist umso bemerkenswerter, als \u201eKakurenbo\u201c durch und durch eine Independent-Produktion ist, im Kern das Werk zweier Personen: Des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Shuuhei Morita und des Zeichners Daisuke Sajiki. (Reiji Kitasato steuerte erst in einer sp\u00e4teren Phase die \u00e4usserst eindringliche Klangspur bei.) Dem Film selbst sieht man dies kaum an: Die Charaktere sind trotz ihrer durch die Maske behinderten Mimik ausdrucksstark, die Hintergr\u00fcnde strotzen vor Details, die Farb- und Lichtgebung sind atmosph\u00e4risch und die Animationen sind beinahe immer fl\u00fcssig \u2013 \u201eKakurenbo\u201c sieht weit besser aus, als man es f\u00fcr m\u00f6glich halten sollte. Erm\u00f6glicht wurde das gesamte Projekt durch Cel Shading: Sajikis Entw\u00fcrfe wurden von Morita in 3D-Modelle umgesetzt, die anschliessend im Zusammenspiel der beiden koloriert und gerendert wurden. Das Ergebnis hat allerdings nicht von der detailarmen Flachheit, die dieser Prozess im schlimmsten Fall produzieren kann \u2013 im Gegenteil: \u201eKakurenbo\u201c zeichnet eine Welt zwischen einer f\u00fcr die Kindheit verlorenen Zukunft und einer unbestimmten Vergangenheit, eine Welt zwischen Technologie und Handwerk \u2013 eine Welt, in der man sich verlieren kann, bevor man 25 Minuten sp\u00e4ter noch etwas ausser Atem und klamm wieder vor dem Fernseher ausgespuckt wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2011\/08\/16\/%e2%80%9ekakurenbo-hide-and-seek%e2%80%9c-von-shuhei-morita-und-daisuke-sajiki\/\">auf nahaufnahmen.ch<\/a>. Dort findet sich auch eine Kritik zu &#8220;Short Peace&#8221;, einem Omnibus-Projekt, zu dem Shuuhei Morita den oscarnomierten Kurzfilm &#8220;Possessions&#8221; beigesteuert hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von Shuhei Moritas und Daisuke Sajikis erstaunlichem DIY-Anime. 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