{"id":256,"date":"2013-08-21T11:23:00","date_gmt":"2013-08-21T11:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2013\/08\/21\/zumindest-eine-ahnung"},"modified":"2026-09-04T10:33:41","modified_gmt":"2026-09-04T10:33:41","slug":"zumindest-eine-ahnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=256","title":{"rendered":"Zumindest eine Ahnung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_68945754ce104a83b31713682a5211d4mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px\" role=\"none\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>SKIZZE der Stimmung auf dem Vorplatz des Besucherzentrums im Seoroksan-Nationalpark, irgendwo zwischen religi\u00f6ser und nostalgischer Sehnsucht.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim \u00dcberqueren dieser Br\u00fccke: Atmosph\u00e4re, dicht, greifbar, von A. treffend beschrieben als &#8220;Perfekt f\u00fcr einen Film von Wong Kar-wai.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die k\u00fcnstliche Beleuchtung, aufdringlich auff\u00e4llig selbst im abgeschalteten Zustand&#8230; kein Neon, zwar, sondern Lichterketten, mehr Tiki-Party im Hinterhof als Vegas oder Hongkong, aber von jener pr\u00e4zisen Verbrauchtheit, die sich an Orten wie diesem nie \u00fcberleben kann &amp; damit nie aus der Zeit fallen wird. (Wo Licht ist, ist Leben, und wo Leben ist, so die Logik dieser Orte, da ist immer auch: Geld. Dieses Verst\u00e4ndnis spricht aus jeder einzelnen aufgereihten Gl\u00fchbirne hier.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dar\u00fcber schwebt, um das Wong-Hafte noch verst\u00e4rken, Popmusik. Aus einer \u00c4ra, in der Eleganz das pr\u00e4gende Ideal war, vor Aufmerksamkeit, vor Sex. (Auch dies: nicht unzeitgem\u00e4ss, nicht \u00fcberlebt. Nicht an solchen Orten, nicht in solchen Momenten.) Etwas vage Rat Pack-Haftes, ein Hauch von Glamour &amp; einer Goldenen Zeit, die nur die wenigsten datieren k\u00f6nnten, aber alle wiedererkennen. Ob es sich dabei um ein Original handelt oder eine jener Aneignungen in der lokalen Sprache, die so gerne in Wongs Filmen verwendet werden, ist so schwer zu entscheiden, wie es letztlich unerheblich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies als Rahmen, der ausgef\u00fcllt ist von\u2026 Langeweile, Beh\u00e4bigkeit, Unzeit-M\u00fcdigkeit und Unentschlossenheit, die hier nur umso deutlicher hervortreten, als diese Kulisse das Gegenteil von Langeweile darstellen und bewirken m\u00f6chte. (Dabei ist nichts hier wirklich aufregend, die Buden, Restaurants, wollen auch ihrerseits nicht viel, ausser eben: einen Deut Aufmerksamkeit.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Verk\u00f6rperung dieser toten Zeit (weit hinter dem Mittag, zu weit vor dem Abendessen) steht dort ein Mann, um die 50, mit B\u00fcrstenschnitt und einem Gesicht wie einer verblichenen Aufnahme von Essen in der Auslage eines Restaurants. Er sitzt neben einer mobilen Eistheke, liest, als wolle er das Zeitlose der Szene unterstreichen, in einem Buch satt auf einem Smartphone, und schaut mit jahrzehntealter Gewohnheit kurz auf, als er unser Nicht-Koreanisch h\u00f6rt, und wieder weg, als er unsere Beil\u00e4ufigkeit registriert. Hinter ihm im Haus durch eine grossformatige Scheibe sichtbar (von A., nicht mir, ich bin zerstreut) eine Frau, seine vermutlich, die Essen zubereitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest sind offene Pl\u00e4tze, asphaltiert und zu ausgedehnt, um der Eingang eines Nationalparks zu sein, leergefegt von den Nachmittagsstunden, Parkpl\u00e4tze und Picknickpl\u00e4tze, in Sand und Kies und Beton gefasst umringen sie einige B\u00e4ume, Str\u00e4ucher und andere Inseln verfehlter Gesch\u00e4ftigkeit. Nichts ist abgestorbener als Nicht-Orte, die Leben kanalisieren, herbeiholen, b\u00fcndeln sollen, nachdem alles Leben aus ihnen gewichen ist. Sie sind nicht zwecklos, aber verfehlt in ihrem Dasein, obsolet auf Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wetter, ein z\u00f6gerlicher Vor-Regen-Nachmittag, verst\u00e4rkt den Eindruck der Hilflosigkeit, als w\u00e4re die gesamte Gegend erstarrt in einem einzigen eingefrorenen Stirnrunzeln, einem \u00fcberdimensionierten Schulterzucken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Die Parkpl\u00e4tze, die verfr\u00fchten Lichter aus dem flachgedr\u00fcckten Hotelbau, die nahtlos bewachsenen Berge, die all dies einschliessen und mit ihrer \u00dcberf\u00fclle an Vitalit\u00e4t zu verspotten scheinen, sie alle geben mir das Gef\u00fchl, angenehm verloren zu sein.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und in diese Szene w\u00e4chst pl\u00f6tzlich das Kl\u00e4ngeln einer Glocke hinein, formlos anmutend f\u00fcr meine Ohren, ortlos, bescheiden in ihrem geduckten Schepperton. Als wir endlich verstehen (A. erneut vor mir, ich bin noch immer langsam), dass es zu einem Gebet geh\u00f6rt \u2013 einem ungleich intimeren, als es das brausende Schallen der Katholikenglocke ank\u00fcndigt \u2013 ist der Moment, die Atmosph\u00e4re, beinahe \u00fcberspannt in ihrem Reichtum. Und als wir einige Schritte weiter, in einem totgeglaubten Ort die Statue des Buddhas sehen, sein Kopf im Profil, mit einer Kr\u00e4he im Haar (ihr Kr\u00e4chzen festgekrallt im L\u00e4uten der Glocke und dem Hall des Gesangs eines einzelnen M\u00f6nches), da haben wir pl\u00f6tzlich eine Ahnung davon, was Glauben bedeuten k\u00f6nnte, mehr, als wir es in vielen Jahren taten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SKIZZE der Stimmung auf dem Vorplatz des Besucherzentrums im Seoroksan-Nationalpark, irgendwo zwischen religi\u00f6ser und nostalgischer Sehnsucht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":692,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-256","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/256","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=256"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/256\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":712,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/256\/revisions\/712"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/692"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=256"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}