{"id":257,"date":"2013-09-13T18:20:00","date_gmt":"2013-09-13T18:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2013\/09\/13\/ein-haus-f\u00fcr-fremde"},"modified":"2026-09-04T12:31:49","modified_gmt":"2026-09-04T12:31:49","slug":"ein-haus-fur-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=257","title":{"rendered":"Ein Haus f\u00fcr Fremde"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_25306e6e147d4571bb7a70fcef48e697mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>ESSAY \u00dcber Gone Home, Jugendliteratur und den mangelnden Mut von Spielen, offen wie ein Buch zu sein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand, der zur\u00fcckkehrt von einer Reise, sollte \u00fcberrascht dar\u00fcber sein, das Daheim verwandelt zu sehen in ein Spukhaus. All die hell ausgeleuchteten Zimmer sind pl\u00f6tzlich heimgesucht von den noch lebendigen Erinnerungen an die Ferne, die hier keinen Platz mehr finden. In den vertrauten Ecken und Winkeln lauern Schatten des Alltags, den man verleugnen muss, um bei Verstand zu bleiben. \u201e<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Post-vacation_blues\">Post-vacation blues<\/a>\u201c nennt dies ein bemerkenswert oberfl\u00e4chlicher Wikipedia-Artikel hinter vorgehaltener Hand, um den wahren Namen nicht aussprechen zu m\u00fcssen: Horror vacui.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war gerade erst zur\u00fcckgekehrt von einer Korea-Rundreise, noch sehr blues, noch ordentlich Horror in den Knochen, als ich Gone Home spielte. Kein Wunder, dass ich mich identifizieren konnte mit der Protagonistin Katie, die nach langer Reise zu einem Haus zur\u00fcckkehrt, das nicht ihr Daheim ist \u2013 ich sah die Welt mit ihren Augen, auf und jenseits des Schirms. Doch wir teilten uns nicht nur den Blick, sondern auch einen Moment der Erkenntnis, die mit jedem neuen Schritt in unseren fremd gewordenen H\u00e4usern unleugbarer wurde: Wir waren zu sp\u00e4t gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gone Home ist, um dies vorweg zu nehmen, auch meiner Ansicht nach eine absolut bemerkenswerte Erfahrung. Es ist der allzu rare Fall eines Spiels, das in einer erkenn- und erinnerbaren Realit\u00e4t verankert ist. Die mit und in ihm erz\u00e4hlte Geschichte steht mit ihrer Allt\u00e4glichkeit, die nur sanft ans Melodrama grenzt, in diesem Medium schlicht allein da. Kein Wunder, dass die emotional und intellektuell chronisch ausgehungerte Kritikergemeinde es mit Haut und Haaren verschlingen musste: Am Abend, an dem ich das weitl\u00e4ufige Anwesen der Greenbriar-Familie auf den Kopf stellte mit der asozialen Gr\u00fcndlichkeit, die nur ein Spieler an den Tag legen kann, war Gone Home kaum drei Wochen erschienen. Doch die Menge der (durchaus lesenswerten) Texte \u00fcber, um und zum Spiel war bereits un\u00fcberschaubar geworden. Und mein Hirn, das sich in drei Wochen Reise keineswegs seine Aktualit\u00e4tsh\u00f6rigkeit abgew\u00f6hnt hatte, dachte: \u201eDu bist zu sp\u00e4t. Es ist bereits alles gesagt worden, was es dazu zu sagen gibt.\u201c Und das ist tats\u00e4chlich ein Problem. Nicht f\u00fcr mein d\u00fcnnh\u00e4utiges Ego, sondern f\u00fcr Gone Home.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Holen wir ein wenig aus: In diesen Ferien habe ich zwei Romane, bzw. Romanzyklen gelesen, Gene Wolfes Book of The New Sun und Neil Gaimans American Gods, und mich dabei bestens unterhalten gef\u00fchlt. Wie Wolfe, sowohl Idol als auch Lehrmeister f\u00fcr den j\u00fcngeren Autor, einmal in einem Brief zu Gaiman gesagt hat: \u201eMy definition of good literature is that which can be read by an educated reader, and reread with increased pleasure.\u201d Das Book of The New Sun wird diesem Anspruch mehr als gerecht: es ist ein endlos hintergr\u00fcndiges Werk, das in die schlummernde Obskurit\u00e4t halbvergessener Genre-Literatur getaucht ist und dennoch Lexika und buchlange Exegesen seiner Geheimnisse auf sich gezogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">American Gods ist weniger ambitioniert, aber durchaus ebenfalls ein Buch, das eine angenehm prickelnde Kurzzeit-Obsession verdient. Es ist gespickt voll von Querverweisen, Anspielungen und anderen Artefakten nerdiger Besessenheit. Wenig erstaunlich also, dass <a href=\"http:\/\/frowl.org\/gods\/\">eine Seite wie diese <\/a>existiert: Sie listet akribisch genau alles auf, was American Gods an realweltlichen Bez\u00fcgen zu bieten hat. Jede Station des (fiktiven) Transamerika-Roadtrips, der im Zentrum des Romans steht, jede einzelne Gottheit, die von Gaiman f\u00fcr seine Liebeserkl\u00e4rung an den Mythos aus real existierenden Legenden und Sagen entf\u00fchrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Fan-Rekonstruktion von Gaimans Recherchearbeit bietet eine durchaus lesenswerte Erg\u00e4nzung zum Roman. Ironischerweise ist die interessanteste Sektion der Seite aber <a href=\"http:\/\/frowl.org\/gods\/forgotten.html\">ausgerechnet jene<\/a>, bei der die Schwarmintelligenz an ihre Grenzen gestossen ist: An mehreren Stellen seines Romans erw\u00e4hnt Gaiman betont beil\u00e4ufig einen Vergessenen Gott, eine Art wandelnden Unsagbarkeitstopos, der sich der Beschreibung und damit auch der Zuordnung schlicht entzieht. Es kann nicht erstaunen, dass diese personifzierte Leerstelle in einer Subkultur, in der Wissen um m\u00f6glichst obskure Fakten die wichtigste Ressource darstellt, als offene Wunde empfunden wird. Wer ist dieser Gott? Welchem Pantheon entspringt er? Wie hei\u00dft er? \u201eI wish Neil would just let us know\u201c, verschafft ein Fan seiner Frustration Ausdruck und verkennt dabei vollkommen, was Neil Gaiman nat\u00fcrlich wei\u00df: American Gods w\u00e4re ein \u00e4rmerer Roman, wenn er die vermeintliche Wahrheit tats\u00e4chlich aussprechen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dies bringt uns zur\u00fcck zu Gone Home, ein Spiel, das eines teilt mit dem Book of The New Sun und American Gods: Alle drei Werke bergen Mysterien, R\u00e4tsel und eine mehr oder weniger implizite Einladung, sie zu entschl\u00fcsseln. Interessanter als diese oberfl\u00e4chlche Gemeinsamkeit sind aber die Unterschiede in der Art und Weise, wie diesen Mysterien begegnet wird. Gene Wolfes B\u00fccher sind, wie Peter Wright<a href=\"http:\/\/ultan.org.uk\/review-botns\/\"> <\/a><a href=\"http:\/\/ultan.org.uk\/review-botns\/\">es formuliert hat<\/a>, endlos abgr\u00fcndige R\u00e4tsel, die nicht errichtet wurden, um Wolfes Virtuosit\u00e4t zur Schau zu stellen. Stattdessen existieren sie ganz f\u00fcr jene magischen Momente, in denen der Leser seine eigene Intelligenz daf\u00fcr bewundern kann, eine weitere Facette dieses gordischen Erz\u00e4hlknotens erfasst zu haben. Erfasst, wohl gemerkt, nicht gel\u00f6st \u2013 das Book of The New Sun l\u00e4sst, wie jede gro\u00dfe Literatur, alle allzu eindeutigen (und damit auch einschr\u00e4nkenden) Lesarten ins Leere laufen. Jedem Wolfe-Leser d\u00e4mmert irgendwann eine Erkenntnis, die allen Geisteswissenschaftsstudenten im ersten Semester eingesch\u00e4rft wird: Es gibt keine Wahrheiten, sondern nur mehr oder weniger \u00fcberzeugende Interpretationen. Und auch wenn Leser von American Gods diese Weisheit dem Vergessenen Gott zum Opfer dargebracht haben m\u00f6gen \u2013 zumindest der Romanautor ist mit ihr bestens vertraut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Gone Home? Gone Home ist nicht nur, wie American Gods, von einer nerdigen Gemeinschaft mit offenen Armen aufgenommen worden. Es ist auch unverkennbar einer solchen entsprungen, mit entsprechenden Konsequenzen. Die Geschichte des Greenbriar-Clans wird, wie die ausufernde Diskussion um das Spiel gezeigt hat, verstanden als Puzzle, das eine richtige L\u00f6sung hat, die erkennbar wird, sobald alle Teile ineinandergreifen. Dass diese Perspektive von den Spielern und Kritikern eingenommen wird, kann nicht \u00fcberraschen. Was \u00fcberrascht, ist, dass sie offenbar auch von den Entwicklern geteilt wird, die immer wieder in Kommentarsektionen von Blogs auftauchten und gratulierten zur erfolgreichen und korrekten Etnschl\u00fcsselung der von ihnen in Gegenst\u00e4nden und R\u00e4umen verborgenen Geschichte. Ein Verhalten, wie es bereits Jonatahn Blow weiland an den Tag legte, wenn er sich einmischte in <a href=\"http:\/\/www.critical-distance.com\/2009\/04\/22\/braid\">die nicht minder engagiert gef\u00fchrte Diskussion<\/a> um Braid und seine &#8220;Bedeutung&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der \u2013 leidigen \u2013 Diskussion dar\u00fcber, ob Gone Home \u00fcberhaupt ein Spiel sei oder nicht, wird sich vielleicht kein besseres Argument finden als das hier zur Schau gestellte Selbstverst\u00e4ndnis der Entwickler. Sie sind Game-Designer, durch und durch. Eine Geschichte, so interessant und nuanciert sie im Detail auch sein mag, ist in ihren Augen eine Herausforderung, ein Hindernis, das es zu \u00fcberwinden gilt, damit im Hirn das Achievement \u201eGot it!\u201c aufploppen kann. Gone Home kennt keine Vergessenen G\u00f6tter, keine verborgenen Winkel, von denen selbst die Entwickler nicht genau wissen, was sich in ihnen verbirgt. Alles muss seinen Zweck haben, nichts bleibt offen. So etwas kommt nat\u00fcrlich zu einem Preis: Dass die Spieler (halb) im Scherz anfangen, selbst Geheimnisse an das Spiel heranzutragen, wie etwa Michael Abbotts \u201e<a href=\"http:\/\/www.brainygamer.com\/the_brainy_gamer\/2013\/08\/brainy-gamer-podcast-episode-42.html\">Secret Room<\/a>\u201c oder den Geister-Running Gag auf <a href=\"http:\/\/www.giantbomb.com\/reviews\/gone-home-review\/1900-591\/\">Giant Bomb<\/a>, ist die freundliche Seite dieser Abgeschlossenheit. Sie hat aber auch eine wenig harmlose Seite: Die Tatsache n\u00e4mlich, dass die \u00fcblichen Spoilerwarnungen und Klagen \u00fcber den mangelnden \u201eWiederspielwert\u201c f\u00fcr einmal tats\u00e4chlich gerechtfertigt scheinen. Nicht, weil die absolut irrelevante Spielstunden\/Preis-Rechnung objektiv ung\u00fcnstig ausfallen w\u00fcrde. Sondern weil dieses Home tats\u00e4chlich nur Fremde willkommen hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist Gone Home dadurch \u201cbad literature\u201d im Sinne Wolfes? Nun&#8230; nicht wirklich. Es ist ja, was ich nur wiederholen kann, noch nicht einmal ein schlechtes Spiel. Dennoch: Will das Computerspiel die von anderen Medien markierten H\u00f6hen erreichen, nach denen sich Gone Home so offenkundig reckt, bleibt noch viel zu tun. Vor allem muss es sich bewusst machen, welche seiner Konventionen es ablegen will, und welche nicht. Ansonsten riskiert selbst noch das interessanteste Spiel, sich in k\u00fcrzester Zeit in jener betretenen Stille wiederzufinden, in der tats\u00e4chlich alles gesagt wurde, was es zu sagen gibt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Artikel erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/videogametourism.at\/content\/ein-haus-fuer-fremde\">auf Videogame Tourism<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ESSAY \u00dcber Gone Home, Jugendliteratur und den mangelnden Mut von Spielen, offen wie ein Buch zu sein.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":966,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,9],"tags":[],"class_list":["post-257","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-games","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=257"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":967,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/257\/revisions\/967"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/966"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}