{"id":263,"date":"2014-09-15T07:50:00","date_gmt":"2014-09-15T07:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2014\/09\/15\/watch-out-it-s-a-trap"},"modified":"2026-09-04T11:59:21","modified_gmt":"2026-09-04T11:59:21","slug":"watch-out-it-s-a-trap","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=263","title":{"rendered":"Jonathan Glazers &#8220;Under The Skin&#8221;: Pass auf, es ist eine Falle!"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_6ddc4b61333c46669eb02734dd7a3b52mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>KRITIK von Jonathan Glazers &#8220;Under The Skin&#8221;, einem der seltenen Filmen, die man sogar im \u00fcbervollen Rahmen eines Festivals unverkennbar als bleibend erkennt.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Scarlett Johansson spielt ein sonderbares Wesen, das einsame M\u00e4nner mit dem Versprechen auf Sex in einen fatalen Hinterhalt lockt. Doch wer sich von Under The Skin eine Neuauflage von Species mit einem der wenigen echten Sexsymbole des Gegenwartskinos verspricht, ist dem Film bereits in die Falle gegangen. An einem Festival, an dem die gen\u00fcsslich inszenierte Verunstaltung und Vernichtung des menschlichen K\u00f6rpers zum Alltag geh\u00f6rt, sind sich die Zuschauer naturgem\u00e4ss einiges gewohnt. Der dem Grotesken zugeneigte Geist ist willig, das Sitzfleisch stark am NIFFF, und auch wenn die Samstagabendvorstellungen ein breiteres Publikum anlocken, war doch \u00e4usserst ungew\u00f6hnlich, was sich hier abspielte: Dutzende von Sitzen leerten sich \u00fcber den Verlauf eines Films, der nicht einmal sonderlich gewaltt\u00e4tig ist und in dem sich Johansson freiz\u00fcgiger gibt als je zuvor. Was war da los? Jonathan Glazer war los. Glazer ist der Regisseur von Sexy Beasts und Birth, zwei durchaus respektierten und sehenswerten Filmen. Dass er dennoch in erster Linie bekannt ist f\u00fcr Videoclips und Hochglanz-Werbespots, spricht nicht gegen diese Filme, sondern f\u00fcr die geradezu biblische Wucht der Bilder und T\u00f6ne in diesen Kurzformaten, in denen Autos an Passanten zerschellen und Mauern unter der heranst\u00fcrmenden Euphorie von Jeans-Tr\u00e4gern in St\u00fccke gehen: Wer diese Bilder gesehen hat, vergisst sie nicht mehr. Glazer ist offensichtlich ein Mann f\u00fcrs Ikonische.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_84145262271545f09689cab18c5860a3mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Under The Skin macht er von der ersten Sekunde an keinen Hehl daraus: Die Leinwand wird gleissend hell, unter pulsierenden Kl\u00e4ngen entwickeln sich langsam Bilder, die zwangsl\u00e4ufig W\u00f6rter aus der Rumpelkammer des Kritikerwortschatzes hervorlocken: Obskur, omin\u00f6s, opak, um nur in der verwaisten \u201eO\u201c-Abteilung zu st\u00f6bern. Eine Aura, eine Sph\u00e4re, ein Etwas wird umkreist, bis sich die Form wandelt zu einem Augapfel, der Scarlett Johansson in den Blick bekommt. Sie ist nackt, aber nicht das ist es, was den Blick fesselt, sondern der Raum, in dem sie sich befindet: noch nackter als sie, weiss, ohne Boden, Decke, W\u00e4nde, ein Raum ohne Dimensionen. Neben (vor? hinter? unter?) Johansson ist eine zweite Frau, offensichtlich zu Tode ver\u00e4ngstigt, weinend, hilflos. Johansson zieht die Frau mit unbewegter Miene aus, und sich ihre Kleidung an. Sekunden sp\u00e4ter wird die Frau von einem Motorradfahrer wie ein Sack Fleisch aufgeladen und entsorgt. Das ist Under The Skin: unterk\u00fchlt, brutal, abstrakt, und all das wird nicht besser werden. Und warum besser werden, wenn man von der ersten Einstellung an einer der interessantesten Genre-Filme der letzten Jahre ist? Oder anders: Under The Skin verh\u00e4lt sich zu Species, dem anderen Film um eine ausserirdische Venus-M\u00e4nnerfalle, exakt wie 2001: A Space Odyssey zu Star Trek. Verwechslungsgefahr besteht h\u00f6chstens auf ein Lichtjahr Distanz, aus der die Plot-Beschreibung zu zwei vagen S\u00e4tzen zusammenschrumpft. (Dass das NIFFF genau diesen Vorteil ausgenutzt hat, um ein paar Tickets mehr zu verkaufen, mag man ihm nicht \u00fcbel nehmen.) Alles \u00dcbrige aber ist anders, und zwar reichlich. Under The Skin will nicht eine Pf\u00fctze aus Adrenalin und Testosteron im Kinosessel zur\u00fccklassen. Under The Skin will vor allem eines: mit dem \u201ealien\u201c, dem Fremdartigen also, im \u201eAlien\u201c radikal ernst machen. Dies ist ein \u00fcber weite Strecken durch und durch kalter und kaltbl\u00fctiger Film. Bei aller Nacktheit ist Johannson entschieden kein \u201esexy Beast\u201c, und nichts, aber auch gar nichts, ist \u201eerotisch\u201c hier. Daf\u00fcr gelingt es Glazer und Johansson aber tats\u00e4chlich, neue Bilder und Stimmungen in ein Genre zu bringen, das \u2013 wie gerade an einem dem Generischen verpflichteten Festival wie dem NIFFF deutlich wird \u2013 selbst talentierte Regisseure oftmals nur aktualisieren, aber nie erneuern k\u00f6nnen. Die einen, vordergr\u00fcndig weniger spektakul\u00e4ren Bilder wurden von einer versteckten Kamera vom Beifahrersitz aus eingefangen, als Scarlett Johansson in einem abgewetzten Mantel und einer filzigen Per\u00fccke m\u00e4nnliche Fussg\u00e4nger in Glasgow ansprach. Die anderen Bilder, in denen eine Handvoll dieser br\u00fcnftigen M\u00e4nner in abstrakten Arrangements und entbeinten Farben schliesslich wortw\u00f6rtlich untergehen, sind zweifelsohne auff\u00e4lliger; sie sind Glazers k\u00fcrzeren Arbeiten n\u00e4her, oder, wenn man so will: ikonischer. Aber auf ihre Weise sind die ungleich n\u00fcchterneren Aufnahmen von Passanten, die um die Gunst einer bis zur Unkenntlichkeit upgefuckten Johansson buhlen und dabei nicht das mindeste Gesp\u00fcr daf\u00fcr zeigen, dass Johansson ihrerseits demonstrativ unmenschlich (und sehr \u00fcberzeugend) jegliche Empathie ausblendet, nicht minder irritierend. Und Under The Skin will irritieren, bewusst \u2013 und erfolgreich, misst man es an den leerger\u00e4umten Sitzen in Neuch\u00e2tel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_ed2377e358a641c5babf1169d7ca286cmv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorzeitig Ausgeschiedenen verpassten, wie Glazer schliesslich doch noch mit wenigen Strichen und noch weniger Worten eine rudiment\u00e4re Handlung anst\u00f6sst, die diese Irritation aufnimmt und umdreht. Das Johanssonsche Wesen beginnt allm\u00e4hlich, sich in seine menschliche Verkleidung einzuleben, und fl\u00fcchtet schliesslich vor der Existenz als \u00eatre fatale, die ihm zugedacht ist. Das Alien, das lernen will, was es bedeutet, Mensch zu sein: ein oft genug beschrittener Genre-Pfad, auf dem die Sentimentalit\u00e4t an allen Ecken und Enden lauert. Doch Glazer liegt es fern, die Fremdheit, der er sich mit Under The Skin mit (falscher) Haut und Haaren verschrieben hat, zugunsten von Pathos zu verraten: Johanssons pl\u00f6tzlich ohnm\u00e4chtig und orientierungslos gewordenes Alien muss nur allzu schnell lernen, dass sich seine Andersartigkeit nicht so leicht einholen l\u00e4sst. (Insofern ist einer der n\u00e4chsten Seelen(los)verwandten von Under The Skin wohl Daft Punks ebenfalls radikaler Electrorama, auch wenn dieser w\u00e4rmer ist und verspielter mit dem Genre-Schrott flirtet.) Immerhin wird die gehemmte Vermenschlichung so weit zugelassen, dass Momente warmen Humors m\u00f6glich werden, ja sogar solche z\u00f6gerlichen Mitgef\u00fchls \u2013 wenn nicht seitens der Figuren, so doch seitens der Zuschauer. Denn auch wenn die Distanz bis zum Ende zu gross bleibt, als dass wir mit Johannsons Alien f\u00fchlen konnten, so f\u00fchlen wir doch f\u00fcr es. F\u00fcr einen \u201eikonischen\u201c Film, der auch als reines Formexperiment seine Daseinsbereichtigung h\u00e4tte, ist dies doch bemerkenswert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2014\/07\/15\/under-the-skin-von-jonathan-glazer\/\">auf nahaufnahmen.ch<\/a>, im Rahmen der Berichterstattung \u00fcber Neuch\u00e2tel International Fantastic Film Festival, \u00fcber das ich jahrelang berichtet habe. (Und k\u00fcnftig wieder werde.) Wer mehr lesen will \u00fcber meine Abenteuer im Reich des Durchgedrehten, kann <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/?s=nifff\">dem entsprechenden Schlagwort<\/a> folgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KRITIK von Jonathan Glazers &#8220;Under The Skin&#8221;, einem der seltenen Filmen, die man sogar im \u00fcbervollen Rahmen eines Festivals unverkennbar als bleibend erkennt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":811,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-film"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=263"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":816,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions\/816"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/811"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gotohaneda.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}