{"id":265,"date":"2015-03-11T07:25:00","date_gmt":"2015-03-11T07:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2015\/03\/11\/home-is-where-the-heart-of-your-stories-is"},"modified":"2026-09-04T11:37:11","modified_gmt":"2026-09-04T11:37:11","slug":"home-is-where-the-heart-of-your-stories-is","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=265","title":{"rendered":"&#8220;Sunless Sea&#8221;: Home Is Where The Heart of Your Stories Is"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_054ad18ffb694bed90e500e5a7ea1f7amv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ESSAY Eine Auseinandersetzung mit der fantastischen Seefahrer-M\u00e4r <\/strong>&#8220;<strong>Sunless Sea<\/strong>&#8220;<strong>. In Wahrheit jedoch eine Ausrede, um \u00fcber wichtigere Dinge zu sprechen: Die Notwendigkeit von Geschichten, Familie und dem letzten Resten Daheim.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>The inventory of the world, the mapping of its surface, from Timbuktu to Tahiti, marked the end of all hope. The pilgrimages and voyages to the Fortunate Isles have the same goal: to find for this life a haven of grace. When the hope of paradise is banished from this life, and when we are irredeemably doomed to fail, then, like a collective dream that would this roundabout way to speak, the image of an imaginary city emerges in the description of real life, engaging in a reversal of signs of this world and of the beyond. (Jean Roudant, Les villes imaginaires)<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Vater war Seemann. Teil einer Hochseeflotte, die \u00fcberraschend gro\u00df ist f\u00fcr ein Binnenland, aber einer Nation angemessen, deren Streben nach neuen Ufern sie, wenn auch nur kurz, an die Spitze des weltweiten Segel- und Beachvolleyball-Rankings f\u00fchrte. Mein Vater ist kein allzu gespr\u00e4chiger Mann. Was ich wei\u00df \u00fcber seine Jahre auf hoher See, setzt sich zusammen aus Bruchst\u00fccken, die Alter und Alkohol \u2013 die zwei gro\u00dfen Feinde der Matrosen in ihren reisenden Jahren \u2013 gelegentlich aus ihm hervorlocken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ruf der See erreichte ihn, so viel wei\u00df ich mittlerweile, \u00fcber Jack London und Ernest Hemingway, diese Schutzpatrone einer abenteuerlichen M\u00e4nnlichkeit, wie sie auch im gezeitenfernen Tal seiner und meiner Geburt verstanden wird. Mein Vater lie\u00df sich unmittelbar nach einer Ausbildung anheuern, die zu gleichen Teilen Zufall, Trotz und bewusst gew\u00e4hltes Tor zu den ersehnten Reisen war, auf einem Schiff, das den Namen der heimatlichen Kleinstadt \u201cAscona\u201d nicht anders als ironisch tragen konnte angesichts seiner gewaltigen Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d4f478fe98e64dbaa29b11c6620282d0mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Eckdaten sind klar. Was aber passierte zwischen jenem Moment, als mein Vater zum ersten Mal seine Seemannsbeine testen musste, und jenem, als er wenige Jahre darauf f\u00fcr immer zur\u00fcckkehrte, ist Gegenstand mehr von Ger\u00fcchten als Geschichten. Ich glaube mich zu erinnern an die Erz\u00e4hlung von einem Baby-Elefanten, der dem Frachtraum entkam und quer durch ein frisch gestrichenes Deck stampfte, um f\u00fcr seine Verfolger kreisrunde Fu\u00dfabdr\u00fccke zu hinterlassen. An eine Fahrt auf dem Jangtsekiang einer epischen Zechtour in Shanghai entgegen, das kaum eine Handvoll Hotels f\u00fcr Ausl\u00e4nder bereithielt, aber einen T\u00e4towierschuppen, dem mein Vater ein bleibendes Andenken an diese Jahre verdankt. An den Jungen, der meinen Vater in gebrochenem Englisch um Geld bittet und von ihm seinen gerade ausgezahlten Monatslohn erh\u00e4lt. (Die zweite Geschichte mit einem Zeugnis, nicht in Form einer T\u00e4towierung zwar, aber in der eines Foto eines jungen Afrikaners, auf dessen R\u00fcckseite handschriftlich das Ausma\u00df der Dankbarkeit vermerkt ist.) An Geschichten von St\u00fcrmen, in deren Wellen das Schiff haushoch in die Luft gehoben und wieder auf die Meeresoberfl\u00e4che geschleudert wurde, von fliegenden Fischen und um den Bug spielenden Delfinen. Von wenigstens einem Raub\u00fcberfall, der endete in einer Nacht im Gef\u00e4ngnis, f\u00fcr den Beraubten und nicht den R\u00e4uber. Und von jenem Landgang, der meinen Vater beinahe das Leben gekostet h\u00e4tte, als die Gangway bei seiner R\u00fcckkehr heftig ins Schwanken geriet und er metertief in das brodelnde Wasser des Hafens st\u00fcrzte. Wie bei allen Geschichten, die den Weg \u00fcber das Meer zu uns gefunden haben, wei\u00df niemand genau \u2013 und der Erz\u00e4hler am allerwenigsten \u2013 was sich von alledem wirklich zugetragen hat, was ihnen umgekehrt eine Art unwiderlegbarer Wahrheit verleiht. Ebenso wahr ist, dass mein Vater nach wenigen Jahren zur\u00fcckkehrte. Einmal noch sollte ihn seine Fernsucht zu einem Abenteuer dr\u00e4ngen (in der W\u00fcste dieses Mal, in einem Land, in dem Alkohol verboten war \u2014 als m\u00fcsse die Distanz zu seinen ersten Reisen so gross wie m\u00f6glich sein). Doch hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits eine Frau kennengelernt, mit der er sich bald darauf endg\u00fcltig niederlassen w\u00fcrde, im Haus, in dem er aufgewachsen war. Die Sch\u00e4tze, die ihm geblieben sind von seinen Jahren auf hoher See, sind bescheiden: Schnitzereien von chinesischen Fischern, eine h\u00fcfthohe Vase, auf der das Guilin-Gebirge abgebildet ist. Ein verbleichender Anker auf seinem Oberarm. Die Geschichten, die ich mehr zu sch\u00e4tzen wei\u00df als er. Und vor allem: das unausl\u00f6schbare Wissen um die Bedeutung des Daheims. Sunless Sea ist das erste Spiel, das diese Gaben wirklich zu w\u00fcrdigen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_84669416edf64d1ca9be07713fb605dbmv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es kann nicht erstaunen, dass ein Spiel \u00fcber die Erkundung eines zwischen Erde und H\u00f6lle gelegenen Ozeans versteht, dass man Seemannsgarn nicht in Gold aufwiegen kann. Wer eine solche See nicht nur befahren, sondern erschaffen hat, muss den Seemann kennengelernt haben, hat mit ihm in dunklen Kaschemen Grog getrunken und ihn erlebt in seiner doppelten Rolle als Urvater aller Erz\u00e4hlung und als leibhaftiger Beweis f\u00fcr die Existenz einer anderen, so verheissungsvollen wie unnabahren Welt. Failbetter Games kennen und bewundern diese grossartige, trunkene Gestalt, und sie sind wild entschlossen, auf Teufel komm raus selbst in die Seemanns-Rolle zu schl\u00fcpfen: Und so erz\u00e4hlen sie ihre Erz\u00e4hlung von der sonnenlosen See, erz\u00e4hlen Geschichten \u00fcber Spinnen, die in den Geweben unserer Tr\u00e4ume Jagd machen, \u00fcber St\u00e4dte, deren Tage gemessen werden am Verwittern eines Baumes, \u00fcber K\u00f6che, die bei Walf\u00e4ngern lernen, f\u00fcr ertrunkene K\u00f6nige ein Bankett zu bereiten und \u00fcber alle jemals versandten Briefe, die nie ihren Empf\u00e4nger fanden. Failbetter Games erz\u00e4hlen diese Geschichten und unz\u00e4hlige mehr, wie alle gro\u00dfen Seefahrer von Sindbad bis Gulliver vor ihnen Geschichten erz\u00e4hlten: St\u00fcck f\u00fcr unglaubliches St\u00fcck, mit trunkenem Charme und einem heiligem Furor, als m\u00fcsse der Aberglaube nur gro\u00df genug sein, um die Zeiten zur\u00fcckzuholen, in denen am Rande der Seekarte nichts als Drachen lauerten und auf der R\u00fcckseite der Welt Menschen, deren Zehen nach hinten zeigen. Sunless Sea ist aber nicht weniger auch ein Spiel \u00fcber das Erz\u00e4hlen, in dem abenteuerliche Begegnungen ebenso gut eine Geschichte zur\u00fccklassen k\u00f6nnen wie eine Narbe, und in dem beides gleicherma\u00dfen t\u00f6dlich ist. Es ist ein Spiel, in dem das eigene Kind verdorben werden muss mit Seemannsgarn, bis es selber dem Ruf der unterirdischen See erliegt, ein Spiel, in dem Erz\u00e4hlungen von dunklen Begebenheiten, von sehnsuchtsvollen Erinnerungen oder dem Wallen der See wortw\u00f6rtlich Gold wert sind. Sunless Sea ist, mit einem Wort, ein einziger, raunender Liebesbrief an die Macht des Erz\u00e4hlens.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_d6ca9322861542aab036318e221cfdccmv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das allein w\u00e4re, bei Gott genug. Wieviel Failbetter Games aber von der Seefahrt verstanden haben, zeigen sie erst darin, dass in ihrem Spiel die Sehnsucht nach fernen Ufern \u00fcbertroffen wird nur von der Liebe f\u00fcr die heimischen Gestaden. Es ist diese zweite Liebe, die das Spiel endg\u00fcltig einzigartig macht in einem Medium, das gerne vergisst, wieviele Geschichten ihren Anfang darin nahmen, dass Odysseus einst f\u00fcr einen letzten Blick auf seine Heimat verzichtete auf die Unsterblichkeit. Sunless Sea macht den Wunsch nach der R\u00fcckkehr nicht nur zum Thema, sondern schmerzlich sp\u00fcrbar: \u201cLose your mind. Eat your crew\u201d lautet das oft zitiert Verkaufsversprechen, \u00fcber dessen Einhaltung ein unerbittlicher Terror-Wert wacht, der erschreckend schnell anw\u00e4chst, sobald die Spieler-Schaluppe die N\u00e4he einer K\u00fcste oder einsam in der Finsternis schwebenden Boje verlassen muss. Diese Angst, die die Crew zu verschlingen droht wie das Dunkel ihr Schiff, ist letztlich nichts anderes als die Furcht, die Heimat nie wiederzusehen, und Tod oft genug nur ein anderes Wort f\u00fcr die missgl\u00fcckte R\u00fcckkehr. Es gibt andere M\u00f6glichkeiten, den Wahnsinn auf Armesl\u00e4nge zu halten, aber all dies ist Symptombek\u00e4mpfung. Heilung allein verspricht lediglich der Fu\u00df, der die Mole des Heimathafens betritt. Wieder, und wieder. Jedesmal aufs Neue. M\u00fcndlich erz\u00e4hlte Geschichten wachsen in der Wiederholung, weil sie ein St\u00fcck jedes Menschen in sich aufnehmen, der sie erz\u00e4hlt. F\u00fcr die Geschichten von Sunless Sea gilt dies nur bedingt. Selbst seine wunderbarsten Worte laufen Gefahr, in der st\u00e4ndigen und starren Wiederholung totgeschliffen zu werden. Und dennoch w\u00fcrde ich ungern auch nur einmal verzichten auf diese S\u00e4tze, so oft ich sie auch gelesen haben mag: \u201cHome waters. Sailors dwadle at the rail, watching for the lights of London.\u201d Der Moment, in dem diese Worte aufscheinen und mit ihnen die Last der t\u00f6richten Entscheidungen von mir abf\u00e4llt, die mein Schiff an die Grenzen des Untergangs und mein Crew an den Rand des Wahnsinns getrieben haben \u2013 er geh\u00f6rt zweifelsohne zu den sch\u00f6nsten, die dieses Medium in j\u00fcngster Zeit zu bieten hatte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_2bc5831f6c4344eab03ed4f8b722dbf0mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht w\u00e4re es f\u00fcr Failbetter Games tats\u00e4chlich einfacher gewesen, lediglich eine weitere der in diesem Medium altbekannten Geschichten zu erz\u00e4hlen \u00fcber eine unaufhaltsam vorw\u00e4rts dr\u00e4ngende Irr- und Entdeckungsfahrt. Vielleicht auch lukrativer. Vielleicht w\u00e4re Sunless Sea tats\u00e4chlich ein zug\u00e4nglicheres Spiel geworden, wenn es den Spieler nicht in qu\u00e4lend langsam kreisenden Spiralen ins Dunkel hinaussenden w\u00fcrde, an deren Zentrum immer und immer wieder Fallen London steht. Mit Sicherheit aber w\u00e4re es ein \u00e4rmeres Spiel. Und eines, das der Wahrheit \u00fcber das Leben auf See, von dem mein Vater mir manchmal erz\u00e4hlt, sehr viel weniger nahe gekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text <a href=\"http:\/\/www.videogametourism.at\/content\/spiel-des-monats-home-where-heart-your-stories\">erschien urspr\u00fcnglich<\/a> im Rahmen der &#8220;Spiel des Monats&#8221;-Reihe auf Video Game Tourism.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ESSAY Eine Auseinandersetzung mit der fantastischen Seefahrer-M\u00e4r &#8220;Sunless Sea&#8221;. 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