{"id":266,"date":"2016-08-01T14:25:18","date_gmt":"2016-08-01T14:25:18","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2016\/08\/01\/ico-ahnenforschung-im-traumschloss"},"modified":"2026-09-04T10:36:02","modified_gmt":"2026-09-04T10:36:02","slug":"ico-ahnenforschung-im-traumschloss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=266","title":{"rendered":"&#8220;ICO&#8221;: Ahnenforschung im Traumschloss"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_bbbb8a57b5c0466aa4b3ed970c4db7c4mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>ESSAY Fumito Ueda schuf mit dem Computerspiel ICO ein stilles Meisterwerk. Doch die bemerkenswerte Architektur dieses Gedankengeb\u00e4udes steht auf einem Fundament, an dem verschiedene grosse K\u00fcnstler und Tr\u00e4umer gearbeitet haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Das Fundament<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fumito Udeas Ausnahmespiel ICO wird zu Recht bewundert f\u00fcr seinen Sinn f\u00fcr das Wesentliche: Nichts, was auch angedeutet werden kann, wird ausgedeutet. Diese Reduktion auf das Entscheidende umfasst auch die Vorgeschichte der Handlung: Wer die Eltern des kindlichen Protanoisten Ico waren, warum ihn seine H\u00f6rner zum Opfer machen, ob es im Schloss ein Leben vor der gro\u00dfen Leere gab und welchen Platz darin Yorda, die zweite kindliche Hauptfigur, einnimmt \u2013 all diese Dinge bleiben offen und regen deshalb die Vorstellungskraft umso mehr an. Aber auch wenn die Vorgeschichte des Protagonisten Ico im Mysteri\u00f6sen verbleibt, so l\u00e4sst sich doch immerhin die Vorgeschichte des Computerspiels ICO detailliert nacherz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Erz\u00e4hlung lassen sich als Urahnen der Spielcharaktere <i>Die Hirtin und der Schornsteinfeger<\/i><a href=\"http:\/\/maerchen.com\/andersen\/die-hirtin-und-der-schornsteinfeger.php\"> <\/a>in Hans Christians Andersens gleichnamigen M\u00e4rchen ausmachen. Andersen erz\u00e4hlt mit feinem Humor die Geschichte dieser zwei Porzellanfiguren, die in einer F\u00fcgung des Schicksals nebeneinander abgestellt wurden und sich, nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen, ineinander verlieben. Als ein groteskes, geschnitztes Wesen seinen Anspruch auf die Hirtin laut zu machen beginnt, beschlie\u00dft das Liebespaar, das Heil in der gemeinsamen Flucht zu suchen. Doch nach einem beschwerlichen Abstieg vom Tisch und einem Aufstieg durch den Kamin auf das Dach erkennt die Hirtin, dass die weite Welt zu ungeheuerlich f\u00fcr sie ist, verflucht die Abenteuerlust ihres Liebhabers, und \u00fcberredet ihn, wieder in die vertraute Enge der Kunst- und Kitschsammlung zur\u00fcckzukehren: <i>Die Hirtin und der Schornsteinfeger<\/i> ist ein verkehrtes M\u00e4rchen, mit einer ged\u00e4mpften Abenteuerlust und einer verkitschen Liebe, die gro\u00df und gro\u00dfartig nur in einer Welt wirken kann, die auf einem einzigen Tischblatt Platz hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_1a7832a3900c494887ea547b0927ce04mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Das Erdgescho\u00df<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folgt man ICOs Ahnenreihe bis ins Jahr 1946, faltet sich die Welt zwischen Tisch und Kamin pl\u00f6tzlich auf in einen Spielfilm mit hundert schr\u00e4gen Stockwerken und tausend schiefen Winkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Andersens minimalistisches M\u00e4rchen nicht ohne geh\u00f6rige Verschiebung der Proportionen in einen Spielfilm umgewandelt werden konnte, musste dem franz\u00f6sischen Regisseur Paul Grimault und seinem Freund, dem Schriftsteller Jacques Pr\u00e9vert, von Anfang an klar gewesen sein. Und tats\u00e4chlich war <i>La Berg\u00e8re et le Ramoneur<\/i>, so der Name ihres geplanten Films, nie als etwas Geringeres denn als ein Werk f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher konzipiert: Der erste abendf\u00fcllende Animationsfilm aus Frankreich sollte es werden, ausgef\u00fchrt mit einem f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse unerh\u00f6rt gro\u00dfen Team \u2013 eine europ\u00e4ische Antwort auf die Disney-Studios, die nach ihrem die Kunstform ersch\u00fctternden Dreierschlag von <i>Pinocchio<\/i> (1940), <i>Fantasia <\/i>(1940) und <i>Dumbo <\/i>(1941) gerade kreative Luft holten f\u00fcr den \u00fcberdimensionierten <i>Cinderella<\/i>, der das Ende der ersten Goldenen \u00c4ra des Studios einl\u00e4uten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Grimault und Pr\u00e9vert wollten mit dem amerikanischen Titanen nicht einfach gleichziehen, sie wollten eine neue Art von Animationsfilm produzieren, der in Allegorien zu Kindern wie Erwachsenen sprechen, dabei aber zu den historischen Umw\u00e4lzungen nicht schweigen sollte. Und so ersetzten sie den geschnitzten Schweren\u00f6ter aus Andersens Geschichte durch einen schnurrb\u00e4rtigen Despoten, der die Hirtin und den Schornsteinfeger quer durch ein gewaltiges Schloss verfolgt, in dem kein Leben mehr Platz findet au\u00dfer einer endlosen Reihe instrumentalisierter und identischer Polizei-Soldaten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>La Berg\u00e8re et le Ramoneur <\/i>war ein gewollt \u00fcberdimensioniertes Projekt \u2013 wie monstr\u00f6s es aber schlie\u00dflich werden sollte, hatten weder Grimault noch Pr\u00e9vert vorhersehen k\u00f6nnen. Nachdem der Film schon mehrere Jahre in Produktion war, wurden den hochfliegenden Ambitionen unversehens die Beine weggetreten, als Grimault von der Produktion seines eigenen Films ausgeschlossen wurde. Die verst\u00fcmmelte Version, die das Studio in Eigenregie fertigstellte und 1953 versp\u00e4tet unter dem Titel <i>La Berg\u00e8re et le Ramoneur<\/i> in die Kinos brachte, wurde von Grimault und Pr\u00e9vert nicht als ihr eigenes Werk anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_cd907667793f457f83f0d14bf0776357mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der n\u00e4chste, entscheidende Schritt in dieser Entstehungs- als Leidensgeschichte trat mit der Freigabe der Rechte Ende der 60er-Jahre ein. Grimault kaufte sie auf und k\u00e4mpfte rund zehn weitere Jahre um eine Finanzierung, bis er den Film im Jahr 1979 endlich fertigstellen konnte gem\u00e4\u00df der Vision, die er und der zwischenzeitlich verstorbene Pr\u00e9vert mehr als 30 Jahre fr\u00fcher entworfen hatten. Im Vergleich zu <i>La Berg\u00e8re et le Ramoneur <\/i>war der Film nun um 45 Minuten gewachsen, in denen sich die Balance verschoben hatte: Weg von der Hirtin und dem Schornsteinfeger, die letztlich eher eine Rolle als Katalysator der Handlung einnehmen, und hin zum Tyrannen und seinem neuen vorwitzigen Gegenspieler, die dem Film auch seinen neuen Titel geben sollten: <i>Le Roi et l\u2019Oiseau<\/i>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Erfolg kam sp\u00e4t, aber verdient: die Zuschauerzahlen in Frankreich waren, so Grimaults eigene Einsch\u00e4tzung, h\u00f6chst befriedigend. Dass der Film seinen Anspruch, ein Werk f\u00fcr die Geschichte zu sein, auch tats\u00e4chlich einl\u00f6sen konnte, zeigt sich unter anderem darin, dass er in Frankreich bereits mehrfach restauriert und in die Kinos geschickt worden ist. Au\u00dferhalb Frankreichs jedoch ist er einem breiteren Publikum weitgehend unbekannt. Dieses Schicksal teilt er mit seinem sp\u00e4teren Erben ICO. Gemeinsam ist Film wie Spiel aber auch, dass dieses Desinteresse in keinem Verh\u00e4ltnis steht zum Einfluss, den die Werke auf einige entscheidende Leute aus\u00fcben sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der japanische Animationsfilmregisseur <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Isao_Takahata\">Isao Takahata <\/a>etwa betont oft und gerne, dass <i>La Berg\u00e8re et le Ramoneur<\/i> ihm als jungen Mann die Augen \u00f6ffnete f\u00fcr alles, was im Animationsfilm \u00fcberhaupt m\u00f6glich sei \u2013 eine Begeisterung, die er mit Yasuo Otskuka teilte und laut Aussage der beiden ma\u00dfgeblich dazu beitrug, dass sie sp\u00e4ter gemeinsam mit einem weiteren japanischen Zeichner namens Hayao Miyazaki ein legend\u00e4res Studio unter dem Namen Ghibli gr\u00fcnden sollten. Tats\u00e4chlich ist der Einfluss von Grimaults magnus opum auf die Filme Miyazakis unverkennbar: Die visuelle Gestaltung des Roboters in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Schloss_im_Himmel\"><i>Laputa <\/i><\/a>(1986) etwa ist unverkennbar beeinflusst von der Vernichtungsmaschine, die sich am Ende von <i>Le Roi et l\u2019Oiseau <\/i>gegen den K\u00f6nig wendet, und im titelgebenden <i>Schloss des Cagliostro <\/i><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Schloss_des_Cagliostro\">des gleichnamigen Films<\/a> ist die Baukunst der unwahrscheinlichen Trutzburg des Tyrannen gespiegelt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_3ef2d917e8cb44729836b4490074e693mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich ist es dieser letzte, heimliche Protagonist, der mehr als der K\u00f6nig und der Vogel, mehr als die Hirtin und der Schornsteinfeger, das eigentliche Erbe Grimaults darstellt: Diese \u00fcber 256 Stockwerke f\u00fchrende, so elegante wie irre Architektur des zentralen Schauplatzes mit seinen zahllosen Fluchten, wechselnden Perspektiven, mit seinen Erkern und ganz und gar halsbrecherischen Treppenanlagen. Es ist eine w\u00fcrdige Repr\u00e4sentation der verst\u00f6rten Psyche eines so einsamen wie selbstverliebten Herrschers, der Nichts in der Welt sehen will, au\u00dfer sein Antlitz, gespiegelt in unz\u00e4hligen und \u00fcber den Verlauf des Films zunehmend l\u00e4cherlichen Statuen seiner selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es ist zugleich eine visuelle Chiffre f\u00fcr die Megalomanie und den Machthunger dieser Figur, die ihrem Schloss einverleibt, was immer ihr fl\u00fcchtiges Interesse weckt: Das Schloss des K\u00f6nigs ist nicht zuletzt ein Sammelsurium architektonischer Highlights aus allen Epochen der Kunstgeschichte, die nicht zusammenpassen oder -geh\u00f6ren wollen, aber von der Herrschsucht ihres K\u00f6nigs in eins gezwungen werden. Und im Untergrund lauert all das, was der Despot aus den Augen verlieren will. Die Resultate seiner Willk\u00fcr &#8212; die in den dunklen Untergrund und eine Welt aus stampfenden Maschinen getriebene Bev\u00f6lkerung. Das Schloss ist, mit anderen Worten, eine ganz und gar fantastische Sch\u00f6pfung, und das, was jedem Zuschauer von <i>Le Roi et l\u2019Oiseau <\/i>am lebendigsten in Erinnerung bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Der Turm<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer dieser aufmerksamen Zuschauer war Fumito Ueda, der sp\u00e4tere Autor des Computerspiels ICO. Als Absolvent einer Kunsthochschule, an der er abstrakte Kunst studierte, wurde Ueda zweifelsohne einer F\u00fclle von Inspirationsquellen ausgesetzt, von denen er einige auch wiederholt beim Namen genannt hat: Anstatt sein Team kostspielig nach Europa zu schicken, um vor Ort Schlossarchitektur zu studieren, zeigte er ihnen die Gravuren von <a href=\"http:\/\/www.trignac-gerard.com\/\">G\u00e9rard Trignac<\/a>. Und der Einfluss des italienischen Surrealisten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giorgio_de_Chirico\">Giorgio de Chirico<\/a> wird in der <a href=\"http:\/\/twitter.com\/adrianchm\/status\/577628489551122432\">Gestaltung der japanischen Verpackung<\/a> offensichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die Traumarchitektur de Chiricios erkl\u00e4rterma\u00dfen auch eine Inspirationsquelle f\u00fcr Grimault war, hei\u00dft aber nicht, dass<i> Le Roi et l\u2019Oiseau<\/i> aus ICOs Ahnenreihe gestrichen werden kann. Vielmehr wirkt Uedas erstes Meisterwerk wie eine R\u00fcckkehr zu dessen Wurzeln: Die sprachliche und inhaltliche Komplexit\u00e4t, mit der Grimault und Pr\u00e9vert Andersens Erz\u00e4hlung in etwas sehr Eigenes und vor allem auch sehr Anderes verwandelten, an dessen Ende die urspr\u00fcnglichen Protagonisten kaum mehr Platz haben, wird von ICO wieder zur\u00fcckgedreht: Ein Junge, ein M\u00e4dchen, ein Antagonist, und die Flucht \u2013 dies sind die simplen Pfeiler von<i> Die Hirtin und der Schornsteinfeger<\/i>. Es ist auch alles, was ICO braucht. Auf dem Weg zum Spiel streift es sogar noch Andersens Ironie ab: Ueda meint es ernst, was im ironie\u00fcbers\u00e4ttigten 21. Jahrhundert zweifelsohne eine richtige Entscheidung war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Zeichnung der auf nur scheinbar verletzlichen Figuren, in ihrer \u00fcbermenschlichen Anmut \u2013 bei Grimault sind es \u00fcberzeichnet sch\u00f6ne Gem\u00e4lde statt Porzellanfiguren, die zum Leben erweckt werden, und auch bei Ueada ist ein Hang zum Idealen unverkennbar \u2013 und ihrer schier m\u00e4rchenhaften Gewandtheit aber ist ICO sehr nahe bei <i>Le Roi et l\u2019Oiseau<\/i>. Und es macht Sinn, dass Ueda, der laut eigener Aussage von Kindheit auf fasziniert war von der Bewegung von Menschen, Grimaults in Animation \u2013 in Bewegung also \u2013 versetzte Aneignung der geteilten Vorbilder sehr genau studierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_2efd7b5dbcdc4624866f110932b07104mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Einfluss ist letztlich aber auch in der Gestaltung des Schlosses erkennbar, von dem Ueda sagt, dass es von Anfang an als eigenst\u00e4ndiger Charakter behandelt wurde. \u00dcber die Architektur dieses Schlosses wurde viel geschrieben, aber was aus heutiger Sicht vermutlich am bemerkenswertesten ist, ist, wie wenig es ein Computerspiel-Raum ist. Es gibt erstaunlich wenig unsichtbare W\u00e4nde, und kaum \u00fcbersignalisierte Wege und Routen: jeder Sims in Reichweite ist erklimmbar, auch wenn das Ersteigen nirgendwohin f\u00fchrt, Orientierung wird nicht gestiftet, sondern im Begehen mit seinen \u00fcberweiten Ausblicken auf das Kommende und das Gekommene erlernt. Es wird auch kaum R\u00fccksicht genommen auf \u00fcbliche Leveldesign-Weisheiten: das mit dem \u00f6stlichen und westlichen Observatorium zwei beinahe identische R\u00e4ume durchschritten werden m\u00fcssen, ist unter dem Diktat endlosen Spa\u00dfes vielleicht unverzeihbar. Aber diese Symmetrie hat einen viel wichtigeren Effekt: Sie macht das Schloss bei aller fantastischen Architektur als Raum glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glaubw\u00fcrdigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit Sinn. Ueda erkl\u00e4rte in einem Interview die Faszination verfallener Gem\u00e4uer zwar, dass sie Zuschauer zwinge, die vergangene Zeit in ihrer Fantasie zu rekonstruieren. Beim Schloss von ICO scheint dieses Unternehmen aber buchst\u00e4blich ins Leere laufen zu m\u00fcssen: ein Geb\u00e4ude, das aus nichts als endlos weiten Hallen, unm\u00f6glich langen und unsicheren Verbindungsstegen und in den Himmel aufragenden T\u00fcrmen zu bestehen scheint, l\u00e4sst sich schwer mit Leben f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um eine weitere und letzte Linie von Werk zu Werk zu ziehen: Auch die <a href=\"http:\/\/teamico.wikia.com\/wiki\/Ico:_Castle_in_the_Mist\">Romanadaption des Spiels<\/a> ist eine Ausnahmeerscheinung: Sie ist nicht als erweiterte Marketingma\u00dfnahme von einem angeheuerten Schnellschreiber rausgehauen worden, sondern wurde von der respektierten japanischen Autorin Miyabi Miyuki als Herzensprojekt eigenst\u00e4ndig verfasst. Miyuki bem\u00fcht sich sehr darum, die L\u00fccken in der Erz\u00e4hlung zu schlie\u00dfen, die Uedas Spiel l\u00e4sst. Doch gerade dort, wo sie Yordas fr\u00fcheres Leben zu rekonstruieren versucht und der Architektur des Schlosses einen Zweck geben will, scheitert sie mal um mal und kommt nicht viel weiter, als den R\u00e4umen eine zeremonielle Funktion zuzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_94aa0f9c70bf41dca0256c87f8e81160mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber vermutlich ist es letztlich genau dies, was dieses Schloss so au\u00dferordentlich in jedem Sinn macht: Es gen\u00fcgt sich damit, m\u00e4rchenhaft zu sein. Ein Objekt, das Staunen und Schwindel und Furcht erregt. Und vielleicht zeigt sich hier die Verwandtschaft mit <i>Le Roi et l\u2019Oiseau<\/i> deutlicher als irgendwo sonst: Die Konstruktionen in ihrem Zentrum wurden geschaffen im Wissen darum, dass sie weder Sinn noch Zweck zu haben brauchen \u2013 oder jedenfalls keinen anderen als den, dazustehen als ein Monument und eine Reflektion des Willens von zwei mal zwei eigenwilligen Sch\u00f6pfern: dem liebestollen K\u00f6nig und dem \u00fcberambitionierten Schw\u00e4rmer Grimault auf der einen Seite, und der Schattenk\u00f6nigin und dem stillen Fantasten Ueda auf der anderen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass ihre beiden Schl\u00f6sser auch zu historischen Landmarken werden sollten, ist da nur folgerichtig: Alle Macht den Tr\u00e4umern. Und alle Macht ihren Luftschl\u00f6ssern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text <a href=\"http:\/\/www.videogametourism.at\/content\/spiel-des-monats-ahnenforschung-im-traumschloss\">erschien urspr\u00fcnglich<\/a><a href=\"http:\/\/www.videogametourism.at\/content\/spiel-des-monats-ahnenforschung-im-traumschloss\"> <\/a>im Rahmen der &#8220;Spiel des Monats&#8221;-Reihe auf Video Game Tourism.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ESSAY Fumito Ueda schuf mit dem Computerspiel ICO ein stilles Meisterwerk. 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