{"id":270,"date":"2014-11-15T13:51:00","date_gmt":"2014-11-15T13:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2016\/10\/05\/die-kraft-der-bilder"},"modified":"2026-09-04T10:40:44","modified_gmt":"2026-09-04T10:40:44","slug":"die-kraft-der-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=270","title":{"rendered":"Splatter im M\u00e4rchenwald: Till Kleinerts &#8220;Der Samurai&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_13d318f84c7b4838a5aef72383427087mv2.png\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>MONSTER-INTERVIEW mit Till Kleinert zu seinem Film &#8220;Der Samurai&#8221;. Thematisiert: Genrekino und das Aufwachsen in der Provinz, Sexismus auf Fantasy Film Festivals, die deutsche Filmlandschaft, Computerspiele und Asia Extreme, und eigentlich alles andere, was sonst noch z\u00e4hlt.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Samurai ist einer der interessanten deutschen Filme des Jahres: Eine androgyne Gestalt schl\u00e4gt \u00fcber den Verlauf einer traumschweren Nacht gewaltsam Breschen in die Selbstverst\u00e4ndlichkeit eines Dorfes, l\u00e4sst dabei schwallweise Blut flie\u00dfen und die Popkultur aus den verrufensten Ecken der Erde herein. Mit beeindruckender Selbstverst\u00e4ndlichkeit verschmilzt Till Kleinert M\u00e4rchen und Genre-Kino, Coming Out-Drama und Splatter und siedelt sie um auf den f\u00fcr derartige Experimente bislang wenig fruchtbaren Boden der deutschen Provinz \u2013 eine Souver\u00e4nit\u00e4t, die umso mehr verbl\u00fcfft, als es sich bei &#8220;Der Samurai&#8221; um seine Abschlussarbeit f\u00fcr die dffb handelt. In einem ausf\u00fchrlichen Gespr\u00e4ch \u00e4u\u00dferst sich der Jung-Regisseur \u00fcber sein Setting, seine Einfl\u00fcsse, die Einstellung von deutschen Filmhochschulen zum Genre-Kino und die spannende und angespannte Rezeption seines Filmes im Festivalzirkus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Setting<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_47a015dc10ae4139aaac051286d3d9bfmv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Aspekt, der den SAMURAI abhob von den anderen Filmen am NIFFF, war zweifelsohne das Setting, ein deutsches Dorf. Du hast mehrfach angemerkt, dass DER SAMURAI autobiographische Z\u00fcge tr\u00e4gt. Bist du selbst in einem Dorf aufgewachsen, bis du irgendwann deinen inneren Wolf entdeckt hast und vom Dorf wegzogen bist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon auf deine erste Frage muss ich mit einer potentiell entt\u00e4uschenden Antwort aufwarten: tats\u00e4chlich komme ich mitnichten vom Dorf, sondern bin im Gegenteil als geb\u00fcrtiger Ostberliner so \u201aStadt\u2018 wie es in der damaligen DDR nur m\u00f6glich war. Die autobiographischen Bez\u00fcge sind aber trotzdem da, sie sind nur eher thematisch als r\u00e4umlich zu verorten. Die Verstockt- und Verklemmtheit unseres zweifelhaften Helden, ausgel\u00f6st durch das Gef\u00fchl des \u201aAndersseins\u2018 in einem als feindselig wahrgenommenen, von Normierungsdruck und klassischen M\u00e4nnlichkeitsritualen dominierten Umfeld, kommt direkt von mir. Auch Jakobs Versuch, sich diesem nicht idealen Umfeld zu entziehen, indem er sich ihm quasi auf institutioneller Ebene andient, sieht mir \u00e4hnlich; ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich in meiner Jugend Ferienlagerfahrten mit Gleichaltrigen dadurch \u00fcberstanden habe, dass ich mich bei den Betreuern lieb Kind gemacht habe und von ihnen im Gegenzug zu einer Art \u201aHilfsbetreuer\u2018 ernannt wurde \u2013 eine privilegierte Funktion, die mir eine gewisse Ruhe vor den Hackordnungen meiner Altersgenossen verschafft hat. Homoerotisches Begehren hat ganz sicher auch seinen Teil zu meinem schwierigen Verh\u00e4ltnis mit m\u00e4nnlich dominiertem Gruppenverhalten beigetragen \u2013 ich hoffe das ist jetzt kein Spoiler! Im Gegensatz zur Filmfigur Jakob war ich mir dieses verwirrenden Umstands allerdings recht fr\u00fch bewusst. Jakob ist im Film ja gr\u00f6\u00dftenteils damit besch\u00e4ftigt, derlei Dinge vor sich selbst zu verbergen \u2013 bis der ganze aufgestaute Frust sich dann eben doch auf ziemlich extreme Weise Bahn bricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Erfahrungen sind nicht Dorf-exklusiv, sie lassen sich aber meiner Meinung nach als Fiktion im l\u00e4ndlichen Raum anschaulicher und zwingender erz\u00e4hlen. \u00dcberhaupt scheinen mir D\u00f6rfer als mythische Angst- und Sehnsuchtsr\u00e4ume seit fr\u00fchester Kindheit viel n\u00e4her zu liegen als die irgendwie profanen, durch ein \u00dcberma\u00df von allem \u2013 handelnden Figuren, Lebensentw\u00fcrfen, Optionen \u2013 gepr\u00e4gten Stadtlandschaften Berlins. Das war Alltag, aber die wochenendlichen Besuche bei meinem Gro\u00dfvater im Barnim, einer waldreichen Region im Norden von Berlin, oder die sommerlichen Bootstouren an die mecklenburgische Seenplatte, waren aufregend, mystisch aufgeladen. Als recht scheues, \u00e4ngstliches Stadtkind hatte ich dabei meine Probleme mit allem m\u00f6glichen Dingen: Brennnesseln, Insekten, Spinnen, Tieren allgemein. Der gr\u00f6\u00dfte Horror war f\u00fcr mich, dass ich einmal in den Sommerferien auf ein vom Bauern vorbeigebrachtes Pferd steigen sollte. Ich bin ins Haus gerannt und erst rausgekommen, als das Tier und sein Besitzer wieder verschwunden waren. Ich war generell am liebsten drin, im Schatten, und habe gelesen, z.B. Abenteuer- und Indianerromane. Trotzdem w\u00fcrde ich behaupten, dass ich ausgesprochen gern auf dem Land war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_61d56cfa064441df8f53f8fc58c617ebmv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>Der Film war f\u00fcr mich klar erkennbar nicht nur als d\u00f6rflich, sondern auch als spezifisch deutsch d\u00f6rflich \u2013 diese Konkretheit scheint Genre-Filmen in der Regel gut zu tun, da sie das Generische erden. Bemerkenswerter Weise habe ich mich aber mit Bekannten aus dem franz\u00f6sischsprachigen Teil der Schweiz unterhalten, die kritisierten, der Ort sei f\u00fcr sie zu wenig greifbar geworden. Wie bewusst hast du dich dieser Problematik gestellt? Hattest du versucht, zwischen Lokalkolorit und Kitsch die Balance zu halten oder kam diese durch deinen Hintergrund und den Drehort quasi \u201enat\u00fcrlich\u201c zustande?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DER SAMURAI ist ja im Gro\u00dfen und Ganzen kein ausgesprochen realistischer Film \u2013 er ist aber an tats\u00e4chlich existierenden Orten gedreht worden, welche wie von dir beschrieben ihr Kolorit ganz automatisch mit einbringen. Aus dem Kontrast zwischen diesem eher bodenst\u00e4ndigen Flair und der \u00dcberdrehtheit der Geschichte entsteht eine eigent\u00fcmliche, manch einer w\u00fcrde auch sagen \u201atrashige\u2018 oder \u201acampe\u2018 oder \u201akitschige\u2018 Reibung, die ich grunds\u00e4tzlich spannend und begr\u00fc\u00dfenswert finde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass der Schauplatz der Handlung f\u00fcr manchen vielleicht ein bisschen schwer greifbar bleibt, kann damit zu tun haben, dass wir es faktisch nicht mit einem einzelnen Drehort, sondern einem aus verschiedenen D\u00f6rfern innerhalb eines Radius von etwa 30 Kilometern zusammengesetzten Amalgam zu tun haben. Ziel war es, durch diese Auswahl quasi die archetypische Quintessenz eines Barnimer Dorfes, wie es sich f\u00fcr mich als Kind zu Besuch bei meinem Gro\u00dfvater dargestellt hat, entstehen zu lassen; ein bisschen wie eine Modelleisenbahnplatte, die ja auch eine Art r\u00e4umlich verdichtetes, hyperreell \u00fcberh\u00f6htes Best-of tats\u00e4chlicher Ortschaften darstellt. Dabei haben wir gewisse Aspekte \u00fcberbetont (zum Beispiel die allgegenw\u00e4rtigen J\u00e4gerz\u00e4une, die Gedrungenheit und Modellhaftigkeit der Geb\u00e4ude, die Rott\u00f6nung des Lichts der Stra\u00dfenlaternen, das vermaledeite Hundegebell), w\u00e4hrend wir andere haben unter den Tisch fallen lassen (wie zum Beispiel den Gro\u00dfteil der Dorfbev\u00f6lkerung \u2013 was sich aber auch mit meinem tats\u00e4chlichen Eindruck einer oft bedr\u00fcckenden Menschenleere vor Ort deckt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt aber auch eine tats\u00e4chlich f\u00fcr viele dieser Barnimer D\u00f6rfer typische Eigenheit, die es f\u00fcr Au\u00dfenstehende, nicht nur aus dem Ausland, schwer macht, sie als \u201aganze\u2018, integre Orte zu erfassen: sie sind wahnsinnig weitl\u00e4ufig und zersiedelt, mit gro\u00dfen Waldfl\u00e4chen zwischen den Behausungen; und selbst in ihren dichtesten Ballungsr\u00e4umen fehlt in den meisten F\u00e4llen ein zentraler Platz mit Kirche. An seine Stelle tritt wenn\u2019s hochkommt eine Freiwillige Feuerwehr mit davor gelegener Festwiese bzw. Fu\u00dfballfeld. Meinen Kameramann Martin Hanslmayr, der aus dem eher l\u00e4ndlichen \u00d6sterreich kommt, hat diese Gottverlassenheit ganz fuchsig gemacht \u2013 er hat sich immer eine Kirche auf einem H\u00fcgel mit umliegenden H\u00e4usern gew\u00fcnscht, damit man den Ort mal quasi auf einen Blick \u201aganz\u2018 ins Bild nehmen kann. Genau damit k\u00f6nnen diese Barnimer Waldsiedlungen aber einfach nicht dienen. Insofern w\u00fcrde ich schon sagen, dass wir sehr dicht am tats\u00e4chlichen r\u00e4umlichen Gef\u00fchl der Region geblieben sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n<strong>Wie wurden die Dreharbeiten, in denen ihr prothetische K\u00f6pfe und einen blutenden Torso herumgeschleppt habt, aufgenommen in einer solchen Region? Wurden die Dorfbewohner einbezogen in die Dreharbeiten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, von au\u00dfen betrachtet hat sich unser Dreh nicht so sehr von einem x-beliebigen anderen unterschieden \u2013 das ist ja oft das Erschreckende, dass dieser klassische Film-Apparat so sehr mit seinen eigenen Abl\u00e4ufen und Ritualen verbunden ist, dass es f\u00fcr die Beteiligten auf der Basis des t\u00e4glichen Arbeitens eigentlich keinen gro\u00dfen Unterschied macht, was inhaltlich gerade umgesetzt wird. Es macht nat\u00fcrlich sehr viel Spa\u00df, sich mit den spezifischen Herausforderungen z.B. von Enthauptungsszenen zu befassen \u2013 die Technik dahinter ist aber am Set so omnipr\u00e4sent, dass sich diese Situationen auch f\u00fcr den au\u00dfenstehenden Zuschauer eher als interessantes organisatorisches Problem denn als bedrohlich darstellen. Das anf\u00e4ngliche Interesse der Leute verschwindet auch schnell, wenn sie merken, was f\u00fcr eine z\u00e4he und langwierige Arbeit so ein Dreh bedeutet; am wichtigsten war es f\u00fcr uns, bei den Nachtdrehs die Lautst\u00e4rke zwischen den Takes so weit zu reduzieren, dass die Anwohner uns auch am n\u00e4chsten Tag noch gern gegr\u00fc\u00dft haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Statisten sind Anwohner eigentlich nur in der \u2013 ich nenne es mal: Traumsequenz \u2013 mit dem Dorffest aufgetreten. Auf dem Fu\u00dfballfeld haben ein paar Mitglieder eines \u00f6rtlichen Vereins gekickt. Und die Motorradgang bestand zum Gro\u00dfteil aus einem MZ-Verein aus Waren an der M\u00fcritz. Unsere zweite Regieassistentin, die da aufgewachsen ist, hat die mobilisiert und sie sind extra zum Dreh angereist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n<strong>Popkultur als Filter und Einfluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_1ea5cdb0c5ce4375873b75235a5e0ceemv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>Kieron Gillen hat einmal die St\u00e4rke von Brian Lee O\u2019Malleys Comic Scott Pilgrim wie folgt beschrieben: \u201eThis isn\u2019t (just) gags. This is about how humans of a certain generation process reality. [\u2026] Point being, our art shapes how we relate to reality. Scott\u2019s joy \u2014 and why it speaks to so many people \u2014 is that it understands the pulp through which we see the world, and assumes that\u2019s as natural as blinking.\u201d Diese S\u00e4tze beschreiben f\u00fcr mich auch eine zentrale Qualit\u00e4t von DER SAMURAI: Er zeigt nicht (nur) eine Handlung, mit der sich jemand, der wie ich in einem Dorf aufgewachsen ist, identifizieren kann; er verwendet zudem \u201eFilter\u201c, die f\u00fcr ein gewisses Zuschauersegment sehr vertraut sind. Insofern w\u00fcrde ich gerne auch \u00fcber die popkulturellen Einfl\u00fcsse sprechen. \u00dcber welche Kan\u00e4le hast du deine (pop-)kulturellen Einfl\u00fcsse bezogen? Du geh\u00f6rst ja vermutlich noch zu der Kohorte, f\u00fcr die das Internet nicht selbstverst\u00e4ndlich verf\u00fcgbar war?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Internet hatte in den 90ern, die sicher meine pr\u00e4gende Popkulturphase waren, f\u00fcr mich keinerlei Relevanz. Fernsehen war auf jeden Fall wichtig, viele auch obskure Filme, die mich noch heute besch\u00e4ftigen, habe ich zum ersten Mal im Sp\u00e4tprogramm auf unserem winzigen Schwarz-Wei\u00df-Fernseher gesehen, z.B. DIE FAMILIE MIT DEM UMGEKEHRTEN D\u00dcSENANTRIEB von Sogo Ishii irgendeines Nachts auf Vox. Den Film, besonders seine wundersch\u00f6ne letzte Einstellung, zitiere ich immer noch gern. Ansonsten das \u00fcbliche: STAR TREK, AKTE X usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Comics habe ich viel gelesen, was sicherlich mit meiner eigenen Zeichenbegabung zu tun hatte \u2013 ich hatte lange die Vorstellung, sp\u00e4ter selber Comiczeichner zu werden. Zu Ostzeiten habe ich Mickymaus-Hefte aus dem Westen verschlungen, zu denen der Sohn eines Bekannten meiner Eltern Zugriff hatte. Sp\u00e4ter dann alles M\u00f6gliche aus dem Comicladen, erst die Franko-Belgier (ASTERIX, TIM UND STRUPPI, SPIROU), dann AKIRA. Alles aus dem DC Vertigo-Kosmos, gern unter dem Begriff Urban Fantasy subsummiert, hat mich ebenfalls stark beeindruckt: das SWAMP THING von Alan Moore, SANDMAN, HELLBLAZER, DIE B\u00dcCHER DER MAGIE, solche Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kino nat\u00fcrlich \u2013 in den 90ern gab es ja tats\u00e4chlich noch sowas wie eine Programmkino-Szene in Berlin, wo man auch nicht mehr ganz aktuelle Filme im Rahmen von Reihen sehen konnte. Das haben meine Freunde und ich gern in Anspruch genommen, nicht aus filmhistorischem Interesse, sondern weil die Filme so geil waren \u2013 PAT GARETT JAGT BILY THE KID, THE KILLER, AKIRA, DELICATESSEN, BLADE RUNNER, TERMINATOR 2, eine Anime-Retrospektive im Eiszeit-Kino\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die m\u00e4chtigste popkulturelle Wirkungsmacht ist und bleibt aber in meinen Augen die Musik. Gerade f\u00fcr jemanden wie mich, der sich \u2013 eine weitere biographische Parallele zu Jakob im SAMURAI \u2013 lange Zeit sehr geniert hat, in Gegenwart anderer zu tanzen, wirkt das Heilsversprechen der \u00dcberwindung der eigenen k\u00f6rperlichen Unbeholfenheit, der Selbst-Aufl\u00f6sung in der Kraft der Musik, sehr stark. Manchmal w\u00fcrde ich mir auch w\u00fcnschen, dass Filme mehr wie Rock- und Pop-Musik wirken und konsumiert werden w\u00fcrden \u2013 dass man im Kino ein \u00e4hnlich selbstvergessenes Erleben haben k\u00f6nnte, wie wenn man auf einem Konzert seiner Lieblingsband laut mitsingt oder seinen K\u00f6rper ekstatisch hin- und herwirft. Der Song am Ende vom SAMURAI, IT TAKES A FOOL TO REMAIN SAIN, der schwedischen Neo-Glam-Rock-Band The Ark, ist eines meiner absoluten Lieblingslieder. Es ist nat\u00fcrlich eigentlich super kitschig in seiner hymnisch-pathetischen Verteidigung des Au\u00dfenseitertums \u2013 aber es meint, was es sagt, und es schei\u00dft drauf, ob es sich damit l\u00e4cherlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ich auch toll finde: es ist bei Musik v\u00f6llig in Ordnung, wenn etwas \u00fcber eine bestimmte Nische hinaus kein Publikum findet, weil es zu spezifisch oder merkw\u00fcrdig ist \u2013 es ist dann eben Underground, und niemand w\u00fcrde auf die Idee kommen, es allein deshalb als einer massenkompatiblen Stadionrockband wie U2 gegen\u00fcber minderwertig zu empfinden. Das ist bei Filmen viel schwerer vermittelbar \u2013 dass nicht alles hundert Millionen kosten und dass nicht jeder mit allem etwas anfangen k\u00f6nnen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n<strong>Hatten auch Computerspiele einen Einfluss auf deine Sozialisierung? Hat das Medium immer noch eine Bedeutung in deinem Alltag? Und denkst du, dass die \u00c4sthetik deiner Filme vom Computerspiel allgemein beeinflusst wurde?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe phasenweise sehr viel gespielt in meiner Jugend und tue es auch heute noch. Fr\u00fcher vor allem Action-Adventures wie ZELDA auf dem SNES oder MYSTIC QUEST f\u00fcr den Game Boy \u2013 das habe ich bestimmt 10-mal durchgespielt. Allgemein Japan-Rollenspiele, am eindr\u00fccklichsten und pr\u00e4gendsten sicher FINAL FANTASY 7 \u2013 dessen tragischer, androgyner B\u00f6sewicht Sephiroth als Spiegel- und Schattengestalt des Helden Cloud ist ja eigentlich auch unschwer im SAMURAI wiederzuerkennen, wie mir neulich mit Schrecken auffiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche bombastischen, b\u00fchnenhaften Auftritte, die die B\u00f6sewichter in Videospiel-Cutscenes oft haben, haben die Inszenierung unseres \u201aEndgegners\u2018, wenn auch auf viel kleinerer Leinwand, sicher auch nicht unwesentlich beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_1a6358fbbe5149169513632a4a30add8mv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Aus heutiger, erwachsener Sicht erscheinen mir die meisten JRPGs spielerisch leider ziemlich formalistisch und gleichf\u00f6rmig \u2013 Dorf, Oberwelt, Aufleveln, Dungeon. Es waren immer eher die Plots und Character Designs, die mich an dem Genre gereizt haben; diese melodramatische, kosmische \u00dcberspanntheit der Erz\u00e4hlungen; eine sehr anziehende, fast schon geschlechtsneutrale, Kawaii- und Sexiness der Figuren. Das schl\u00e4gt dann auch die Br\u00fccke ins Manga- und Animefeld, in dem ich mich ebenfalls sehr zu Hause f\u00fchle, und dessen \u00c4sthetik DER SAMURAI sicherlich auch einiges verdankt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mich dann mit 19 wirklich gepackt und vermutlich auch meine ganze Horror-Affinit\u00e4t zur Bl\u00fcte gebracht hat, war SILENT HILL. Das Erforschen von Traumata und Psychosen in Form von entsprechend \u201aungut\u2018 aufgeladenen Orten und R\u00e4umen, die erschlossen und deren Geheimnisse gel\u00fcftet werden m\u00fcssen, ist ja seit jeher ein Hauptmotiv der unheimlichen Fiktion; aber w\u00e4hrend ich derartige Narrationen z.B. in Prosaform \u00e4sthetisch goutieren kann, mich aber selten wirklich f\u00fcrchte, habe ich beim Spielen von SILENT HILL wirklich Schwei\u00dfausbr\u00fcche erlebt. Man h\u00e4lt hier selber die Taschenlampe und muss allein entscheiden, ob man sich traut, die n\u00e4chste T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Ankl\u00e4nge an diese \u00c4sthetik des Erforschens mit Hilfe von Licht kann man auch im SAMURAI finden. Und dann ist da nat\u00fcrlich der Aspekt einer hinter den Dingen lauernden \u201aAlptraum\u2018-Version der wirklichen Welt, die zwar im SAMURAI nicht ganz so eindeutig Besitz von der \u201aRealit\u00e4t\u2018 ergreift wie in SILENT HILL, aber in Form des rot leuchtenden n\u00e4chtlichen Dorfes, das im Gegensatz zur Tagwelt von der Herrschaft des Wolfs bzw. des Samurai gepr\u00e4gt ist, mitklingt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute spiele ich eigentlich ausschlie\u00dflich DARK SOULS \u2013 das reicht aber auch. \ud83d\ude42<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das asiatische Kino scheint offensichtlich ebenfalls Spuren in DER SAMURAI hinterlassen zu haben\u2026 du hast in Neuch\u00e2tel erw\u00e4hnt, dass es dir eher um die \u00e4sthetische und erotische Aura des Samurai (und samurai-\u00e4hnlichen Figuren) ging; aber ist der Einfluss des in den 90er aufgekommenen und unter dem Label Asia Extreme sehr grobschl\u00e4chtig zusammengefassten Kinos auch direkter? (Um nicht zu fragen: wo kommt all das Blut her?)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit deiner Vermutung, dass das End-90er Asien- und insbesondere Japan-Extremkino, das vor allem der Verleih Rapid Eye Movies in die deutschen Off-Kinos gebracht hat, einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat, liegst du nat\u00fcrlich goldrichtig. Also Filme wie DEAD OR ALIVE oder AUDITION von Takashi Miike, die Filme von Sabu und Shinya Tsukamoto, oder Hongkong-Action wie das herrlich \u00fcberkandidelte, mein jugendliches Hirn in Fetzen sprengende HEROIC TRIO von Tsui Hark. Was mich an diesen Filmen am allermeisten gepackt hat, war der befreiende Irrsinn, von dem sie durchzogen waren \u2013 der Wille und Mut zur tonalen Inkonsistenz, zum Grellen und Vulg\u00e4ren, zum schlechten Geschmack; zum L\u00e4cherlichen, das dann wiederum die Pforten zum Erhabenen aufst\u00f6\u00dft. Amerikanische und europ\u00e4ische Filme schienen mir im Vergleich dazu oft sehr brav und aufger\u00e4umt \u2013 so als w\u00fcrden seine Macher Haltungsnoten daf\u00fcr erwarten, dass sie ihre Hausarbeiten gemacht und alle ihre k\u00fcnstlerischen Absichten sch\u00f6n in Ordnung gebracht haben. In den Asia-Extremfilmen pulsierte und wucherte im Vergleich dazu eine rohe, gef\u00e4hrliche, blutige Unruhe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und, fragen wir geradeaus, weil die Frage so krude wie letztlich eben doch furchtbar interessant ist: k\u00f6nntest du Lieblingsfilme oder Lieblingsregisseure benennen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klar. THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE von Tobe Hooper. THE WICKER MAN von Robin Hardy. DEAD OR ALIVE 2 von Takashi Miike. ALL ABOUT LILY CHOU-CHOU von Shunji Iwaii. NAUSICA\u00c4 AUS DEM TAL DER WINDE von Hayao Miyazaki. VIDEODROME von David Cronenberg. TOKYO FIST von Shinya Tsukamoto. THE NIGHT OF THE HUNTER von Charles Laughton. PAN\u2019S LABYRINTH von Guillermo del Toro. LET THE RIGHT ONE IN von Tomas Alfredsson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann, quasi als Gegenprogramm, eigentlich beinahe alles von Steven Spielberg. Ganz besonders EMPIRE OF THE SUN \u2013 ein spektakul\u00e4rer, aber auch sehr pers\u00f6nlicher Film, \u2019showmanship\u2018 im besten Sinne!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Thomas Groh schrieb auf Perlentaucher, DER SAMURAI \u201elege versch\u00fcttete Linien des hiesigen Kinos wieder frei\u201c. Ist dieser R\u00fcckbezug auf die besseren Zeiten des deutschsprachigen Genre-Kinoschaffens bewusst? Hast du eine Affinit\u00e4t f\u00fcr, sagen wir, die blutigeren Ecken des Bahnhofkinos, oder sind diese Einfl\u00fcsse vernachl\u00e4ssigbar gegen\u00fcber dem asiatischen oder US-amerikanischen Genrekino?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind definitiv vernachl\u00e4ssigbar. Ich bin ein zwar ein begeisterter, aber keineswegs sehr systematischer Filmgeschichts-Schauer \u2013 mir fehlt einfach das Wissen um tats\u00e4chlich bessere Zeiten der deutschen Genre-Produktion, von den 20er und fr\u00fchen 30er Jahren mit Murnau und Lang mal abgesehen. Was nicht hei\u00dfen soll, dass es sie nicht gegeben hat! Also, ich finde zum Beispiel die Filme von Roland Klick oder J\u00f6rg Buttgereit super; ich habe die aber nie so sehr als Vertreter bestimmter Str\u00f6mungen wahrgenommen, sondern eher als singul\u00e4re Erscheinungen. Was aber wieder auch meinem mangelnden filmgeschichtlichen Horizont geschuldet sein kann! Ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Das geheimnisumwobene Hofbauer-Kommando zum Beispiel scheint da ja in letzter Zeit einiges auszugraben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es gibt ja eine kleine, aber tapfere Speerspitze deutscher Regisseure wie Dominik Graf und Christian Petzold, die dem Genre-Kino die Treue halten, auch wenn sie es auf eine eher intellektuelle und vor allem weniger physische Weise behandeln. Gibt es hier einen Einfluss, oder zumindest Interesse deinerseits an diesem Schaffen? Oder ist dies, und sorry im Voraus f\u00fcr den Kalauer, eher zu blutleer?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde beide auf ihre Weise toll, wobei ich bei Petzold zugeben muss, dass ich seine Art \u00fcber Filme zu sprechen manchmal begeisternder finde als die Filme selber. Aber das ist Geschmackssache. In jedem Fall finde ich es v\u00f6llig bekloppt, wenn man solche eher intellektuell vermittelten Genre-Ans\u00e4tze komplett ablehnt, nur weil man es selber anders machen w\u00fcrde. Dass auf Macher-Ebene \u00fcberhaupt mal auf dem Niveau und in der Ernsthaftigkeit \u00fcber die b\u00f6sen Genres nachgedacht und gesprochen wird, ist doch irre! In die Diskussion k\u00f6nnte man eigentlich super mit einsteigen, anstatt sich immer nur zu mokieren, dass die Filme aus Deutschland alle so trocken und uncool daherkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein weiterer, wenn man so will, intertextueller Faden verl\u00e4uft zum M\u00e4rchen. DER SAMURAI zieht sich ja zur\u00fcck in das gewissermassen ur-deutsche Motiv des M\u00e4rchenwalds, und du hast bereits die unterschwellig (und nicht so unterschwellig) erotisch-sexuellen Konnotationen von M\u00e4rchen wie Rotk\u00e4ppchen und seinem Wolf erw\u00e4hnt im Q&amp;A. Der Film erinnerte aber auch an V\u00edt\u011bzslav Nezvals wunderbaren (im mehrfachen Sinn) VALERIE: EINE WOCHE VOLLER WUNDER und Neil Jordans davon beeinflussten THE COMPANY OF WOLVES. Neben dem bereits im M\u00e4rchen angelegten Motiv des ins Fantastische verschobenen sexuellen Erwachens scheint mir auch eine schwerer zu benennende, eher traumhaft atmosph\u00e4rische Qualit\u00e4t als eine gewisse Gemeinsamkeit aufzufallen. Sind diese Einfl\u00fcsse ein Hirngespinst meinerseits oder spielten die genannten Filme vielleicht eine Rolle f\u00fcr DER SAMURAI?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Einfluss der beiden genannten Filme ist schon deshalb nicht von der Hand zu weisen, weil ich sie sehr gut kenne und mag \u2013 auch wenn ich sie bei der Arbeit am SAMURAI nicht bewusst als Referenz herangezogen habe. Letztendlich verh\u00e4lt es sich mit all diesen Einfl\u00fcssen wohl einfach so, dass ich zum Gro\u00dfteil unbewusst auf sie zur\u00fcckgreife \u2013 wie eine Sprache, die man ohne gro\u00df nachzudenken spricht, weil man sie seit fr\u00fchester Kindheit gelernt hat, beginnend mit Grimms M\u00e4rchen, die mir meine Mutter vor dem Einschlafen vorgelesen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das von dir erw\u00e4hnte \u201aTraumartige\u2018 der Erz\u00e4hlung r\u00fchrt sicher auch von meiner Methode beim Entwickeln von Geschichten her: es beginnt eigentlich immer mit einem oder mehreren starken, zentralen Bildern in meinem Kopf, die ich dann versuche, zu erweitern und in einen Sinnzusammenhang zu bringen \u2013 ein bisschen so, als w\u00fcrde man einen Traum im Wachzustand weitertr\u00e4umen, w\u00e4hrend man ihn gleichzeitig deutet. Die bildhaften Zusammenh\u00e4nge, die sich w\u00e4hrend dieses Prozesses herstellen, sind nicht immer \u201arealistisch\u2018 im strengen Wortsinn, und auch manchmal nicht mit einer wasserdichten Plot-Logik vereinbar. In diesen F\u00e4llen tendiere ich dazu, der Kraft der Bilder zu vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kontext Filmhochschule<\/strong>\n <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_a8b46aebf3974c868df59fb906b655f8mv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong> Fast alle Kritiker bemerken mit Erstaunen, dass DER SAMURAI als Abschlussfilm an einer deutschen Hochschule entstanden ist. Die \u00dcberraschung wurzelt einerseits sicher in der Ambitioniertheit und der Qualit\u00e4t des Films, aber andererseits auch darin, dass man, salopp gesagt, \u201emit so etwas nicht gerechnet h\u00e4tte\u201c in einem solchen Kontext. Wie exotisch waren du und die anderen Schattenkante-Mitglieder an dieser Hochschule tats\u00e4chlich? Musste die Genre-N\u00e4he gegen Widerst\u00e4nde durchgesetzt werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Widerst\u00e4nde gegen unsere spezifischen Auffassungen von Genre und Genre-N\u00e4he haben wir auf Schulebene eigentlich nie erfahren, eher im Gegenteil. Sicher ist unser Wille zum Genre nicht die Norm im Umfeld der dffb (ein solcher wird eher mit der Filmakademie in Ludwigsburg assoziiert), was dann auch dazu f\u00fchrt, dass einem die Dozenten eher wenig mit den besonderen Herausforderungen dieser Form helfen k\u00f6nnen. Keiner wei\u00df so richtig wie Genre funktionieren soll, also versucht man es sich selber zusammenzureimen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es hat nie jemand versucht, \u2019so etwas\u2018 zu verhindern oder negativ Einfluss zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zudem scheinst du f\u00fcr DER SAMURAI auch gewisserma\u00dfen einen erh\u00f6hten Schwierigkeitslevel in Kauf genommen zu haben: viele Nachtaufnahmen, zudem gibt es eine ganze Reihe von Special Effect-Shots\u2026 gab es warnende Stimmen, die dies f\u00fcr \u00fcberambitioniert hielten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte beim Schreiben nie das Gef\u00fchl, dass irgendetwas von dem, was wir uns \u00fcberlegen, nicht umsetzbar sein k\u00f6nnte. Ich gleiche aber auch immer schon w\u00e4hrend der Drehbucharbeit das Geschriebene mit der Realit\u00e4t ab \u2013 so suchen wir zum Beispiel die Drehorte bereits viele Monate im Voraus, so dass ich im Zweifelsfall Szenen auf die Gegebenheiten vor Ort umschreiben kann. Und bei den Effekten entscheidet man sich eben irgendwann f\u00fcr ein Bild, an das man glaubt \u2013 und mit genug Vertrauen in dieses Bild und die Leute, mit denen man zusammenarbeitet, findet man dann auch irgendwie gemeinsam einen Weg, das umzusetzen. Das hat bisher eigentlich immer geklappt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Apropos Spezialeffekt: das Gros scheint noch der guten alten Buttgereit-Schule der handgemachten Prothesen und Kunstblutampullen zu entstammen. T\u00e4uscht der Eindruck? Falls nicht, war diese \u201edreckige \u00c4sthetik\u201c eher Mittel (bzw. mangelnde finanzielle Mittel) zum Zweck oder die erste Wahl, etwa im Sinne einer Hommage?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Eindruck t\u00e4uscht nicht. So gut wie alle Effekte sind \u2019stofflich\u2018, beim Dreh am Set hergestellt worden, wobei es zum Teil in der Postproduktion digitales Compositing gab, um tats\u00e4chlich gedrehte Elemente zusammenzuf\u00fcgen, z.B. bei dem Kopf im Feuer, dessen Haare schon Feuer fangen, w\u00e4hrend er dem Helden noch zul\u00e4chelt. Das h\u00e4tte man Kaja, der Schauspielerin, bei allem Low-Budget-Wahnsinn doch nicht zumuten wollen. Es ist also ein Dummy-Head, dessen Haare brennen, der dann digital mit ihrem tats\u00e4chlichen Gesicht zusammencollagiert wurde. So Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese Effekte stattdessen komplett digital hergestellt werden k\u00f6nnten, stand nie zur Debatte und w\u00e4re sicher auch mit einem Millionenbudget keine Option f\u00fcr uns gewesen. Vermutlich h\u00e4tte man einiges, was jetzt etwas grob daher kommt, mit mehr Sophistication im Detail umsetzen k\u00f6nnen; dass die Spezialeffekte aber eher grotesk und aberwitzig daherkommen als lebensecht, ist schon bewusster Teil unserer \u00e4sthetischen Strategie. Wir wollten sicherstellen, dass der Zuschauer auch den Gewaltausbr\u00fcchen noch mit einer gewissen amoralischen Distanz und Lust folgen kann, also sich nicht auf den letzten Metern vor lauter Schreck und direkter Angegriffenheit von unserem Verf\u00fchrer, dem Samurai, abwendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Positionierung des Films<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_c7641a4e29d0422aa25bed50df4d855fmv2.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>Abgesehen von der Berlinale wird DER SAMURAI vor allem an Queer- und Fantasyfilmfestivals gezeigt. Das ist eine bemerkenswerte Kombination, und sie wirft auch eine Frage auf: Wie James Berclaz-Lewis festgestellt hat, ist Sexismus und Homophobie gewissen Spielarten des Genre-Kinos ebenso eingeschrieben, wie er von Teilen des Publikums an entsprechenden Festivals zelebriert wird. Auch am NIFFF beobachtete Berclaz-Lewis dies \u2013 und die Irritation, die DER SAMURAI f\u00fcr diese Zuschauer bedeutete. Hast du in dieser Hinsicht je negative Erfahrungen gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt schon innerhalb der Horror- bzw. Genre-Crowd so eine Untergruppe, die sich, sag ich jetzt mal, durch einen eher regelverliebten, m\u00e4nnlichen und heterosexuellen Blick auszeichnet, der vielleicht mitunter irritiert oder auch beleidigt auf abweichlerische Angebote schaut. Ich hab da \u2013 interessanterweise aber nie direkt ins Gesicht \u2013 schon vereinzelte Negativreaktionen mitbekommen, die sich zum Beispiel an der \u201aTrashigkeit\u2018 (was immer das hei\u00dfen soll) des Films aufh\u00e4ngen, oder an Uneindeutigkeiten wie z.B. daran, dass es keine zufriedenstellende Kl\u00e4rung dar\u00fcber gibt, ob der Samurai nun \u201areal\u2018 ist oder wom\u00f6glich nur im Kopf unseres Helden existiert. Auch ein paar Leute, die sich mit einer mir unbegreiflichen Vehemenz an der Frage aufh\u00e4ngen, ob etwas freiwillig oder unfreiwillig komisch ist. Und solche, die sagen, dass es ja nun auch mal gut sei mit der ganzen schwulen Betroffenheit und dass das doch heute alles kein Problem mehr sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stimmt aber auch, und das merkt man gerade auf den Phantastischen Festivals, dass es eine erstaunlich gro\u00dfe Schnittmenge zwischen queeren und Horror-Sehbed\u00fcrfnissen gibt: man teilt eine gewisse Lust an der Grenz\u00fcberschreitung, an der \u00dcberwindung eines durch Normierung gepr\u00e4gten Alltags, an der Erforschung und dem Feiern des Abseitigen. In Sitges, dem gr\u00f6\u00dften Phantastischen Filmfestival Europas, wurden wir zum Beispiel in einem Double Feature mit PIERROT LUNAIRE, dem neuen Film von Bruce LaBruce, programmiert. Insofern passt das alles doch irgendwie schon zusammen. Und zum allergr\u00f6\u00dften Teil sind die Reaktionen auf diesen Festivals auch sehr positiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind eher die Queer-Festivals, die etwas zur\u00fcckhaltender auf den Film reagieren. Der Crossdresser als Angstgestalt und B\u00f6sewicht ist da in den Augen einiger sicher ein stark negativ aufgeladenes Motiv \u2013 wobei ich in unserem Samurai eigentlich vielmehr einen Erl\u00f6ser als einen Unhold sehe. Ich glaube, es gibt im LGBT-Kino momentan eine gro\u00dfe Tendenz zur Betonung der Gemeinsamkeiten mit der Mehrheitsgesellschaft, und das rigorose Zurschaustellen und Feiern des Andersseins, das lange Zeit bestimmend f\u00fcrs schwul-lesbische Selbstbewusstsein war, ger\u00e4t dar\u00fcber ins Hintertreffen. Dabei w\u00e4re das f\u00fcr mich eigentlich eine viel h\u00f6herwertige Form der gesellschaftlichen Akzeptanz, nicht nur in Bezug auf LGBT Menschen: eine tats\u00e4chliche Akzeptanz der Unterschiede, nicht nur eine Belohnung f\u00fcr die Anpassung an den Status Quo.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass der Film entsprechend schwer zu vermarkten ist. Lass uns zum Abschluss dennoch in die Zukunft blicken: Du hast gesagt, dass er immerhin eine limitierte Distribution in England erleben wird. Welche weiteren M\u00f6glichkeiten wird es geben, den Film zu sehen? Ist eine DVD-Ver\u00f6ffentlichung bereits absehbar?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film wird in Deutschland am 30. Oktober einen Kinostart durch die Edition Salzgeber erfahren und dann Anfang n\u00e4chsten Jahres auf Blu-ray und DVD erscheinen, \u00e4hnlich wie auch in Gro\u00dfbritannien, dort im Vertrieb von Peccadillo Pictures. Zootrope bringt ihn in Frankreich ins Kino, in den USA und Schweden (!) wird es n\u00e4chstes Jahr ebenfalls Releases geben, dort vermutlich nur Home Video.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest wird sich zeigen. Momentan sind wir ja noch auf internationaler Festivaltournee, schauen wir mal, was sich in dem Rahmen noch ergibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Interview erschien urspr\u00fcnglich <a href=\"http:\/\/www.negativ-film.de\/der-samurai-interview-mit-till-kleinert\/\">auf negativ-film.de<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MONSTER-INTERVIEW mit Till Kleinert zu seinem Film &#8220;Der Samurai&#8221;. 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