{"id":271,"date":"2017-02-19T19:01:30","date_gmt":"2017-02-19T19:01:30","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2017\/02\/19\/k\u00f6rperliche-ert\u00fcchtigung"},"modified":"2026-09-04T05:52:27","modified_gmt":"2026-09-04T05:52:27","slug":"korperliche-ertuchtigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=271","title":{"rendered":"K\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"486\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/moskau2.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-523\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/moskau2.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/moskau2-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Samstag, 18.02.2017<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Im Zug zwischen Strasbourg und Moskau<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reisen ver\u00e4ndert. Bereits am ersten Tag erkennt man den Wahrheitsgehalt dieser Binsenweisheit, der sich in der endlosen Wiederholung der Phrase durch die berufenen M\u00fcnder und Federn von allen und jedem, von Gap Year-Teenagern bis zu Karl Baedeker selig, keineswegs abnutzt. Reisen ver\u00e4ndert. Was einem die Leute allerdings eher nicht sagen: Lange bevor sich die Ver\u00e4nderung im Geist niederschl\u00e4gt, wird der K\u00f6rper ihre fette Beute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keine Ahnung, wieviel davon damit zu tun hat, dass wir jenseits der 30 eine Reise antreten, an die die meisten Leute zehn Jahre fr\u00fcher gedacht h\u00e4tten. Tatsache ist: Das Verh\u00e4ltnis zum K\u00f6rper ver\u00e4ndert sich, bevor man noch die Landesgrenze \u00fcberschritten hat. In der Regel pflege ich zu meinem K\u00f6rper ungef\u00e4hr dasselbe Verh\u00e4ltnis wie zu einem WG-Mitbewohner, den man von Zeit zu Zeit in der K\u00fcche oder im Wohnzimmer antrifft. Man f\u00fchrt ein wenig Smalltalk. Man versichert sich der gegenseitigen Existenz. Der gegenseitigen allgemeinen Freundschaft. Und dann zieht man sich wieder in die eigene Sph\u00e4re zur\u00fcck. Leben und leben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz vor, und umso mehr w\u00e4hrend, der Reise wird der eigene K\u00f6rper aber pl\u00f6tzlich zu einem Kleinkind, und zwar zu einem \u00e4usserst hinterfotzigen. Man ist sich seiner Pr\u00e4senz bewusst, st\u00e4ndig, und tut alles, um ihm alles recht zu machen. Beim ersten Anzeichen dessen, dass dann doch nicht alles recht gemacht wurde, \u00e4ndert sich das f\u00fcrsorgliche Verh\u00e4ltnis schlagartig zu einem Zickenkrieg: Oh nein, du wirst es nicht wagen, mich gerade im R\u00fccken gezwickt zu haben. (12 Kilogramm Rucksack sind nicht viel, aber sie sind genug, um diese Verh\u00e4ltnis weiter zu belasten.) Nach allem, was ich f\u00fcr dich getan habe, meldest du mir jetzt gleich am ersten Tag, dass diese Schuhe dich dr\u00fccken? Und was zum Teufel meinst du \u00fcberhaupt mit: \u201cHust\u201d? Jetzt nur nicht im Stich gelassen werden. Alles ist easy zwischen uns, ich passe auf dich auf, wenn du dasselbe f\u00fcr mich tust, Deal?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reisen als Bodyhorror \u2013 es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis David Cronenberg seinen ersten Film \u00fcber Backpacker drehen wird: Die Ger\u00fcche, die doch unm\u00f6glich vom eigenen K\u00f6rper ausgehen k\u00f6nnen\u2026 selbst wenn niemand und nichts da ist, das sonst so riechen k\u00f6nnte. Die aufgekratzten, schorfen und wunden Stellen an K\u00f6rperteilen, deren Existenz man l\u00e4ngst vergessen hatte, als sie noch normal waren. Das b\u00e4rtige, pickelige Wesen, das einem aus dem Spiegel entgegenstarrt und das man nie zuvor gesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bedeutung k\u00f6rperlicher Fitness sind sich im \u00dcbrigen auch die Passagiere bewusst, die im Wagen mit uns von Strasbourg bis Moskau reisen. Die Wagen sind so neu, dass man sich mit ein wenig Phantasie ohne Weiteres den Geruch frischen Kunstleders vorstellen kann, der einem von den Sesseln entgegenstr\u00f6mt. Die Abteile sind komfortabel, insbesondere in der 1. Klasse, die wir uns, quasi als Pfand f\u00fcr die zus\u00e4tzlichen Jahre, geleistet haben. Es sind gute Wagen, es sind komfortable Wagen, es sind Wagen, von denen aus die ertrinkenden und schlotternden Felder Polens unter dem grauen Himmel wirken wie eine adrett drapierte Katastrophen-Touristenattraktion. Nur ein Einfall der Ingenieure scheint etwas kurios auf den ersten Blick: Die Tatsache n\u00e4mlich, dass die Abteilt\u00fcren nicht mit T\u00fcrfallen ausgestattet wurden. Ich kann nur vermuten dass dies nicht nur Absicht war, sondern ein Beitrag zur Volksgesundheit. Um diese ist es jedenfalls bei unseren Mitreisenden gut bestellt: Wir haben das Gl\u00fcck oder zumindest den Eindruck, mit der russischen T\u00fcrenschlenz-Nationalmannschaft zu reisen. Inklusive Ersatzbank. Keine Gelegenheit zum Training wird ausgelassen. Es knallt, nicht nur vereinzelt, sondern in einem Rhythmus, der Konterpunkte setzt zum monotonen Ratatat der R\u00e4der. Die Chancen stehen gut, dass Russland in absehbarer Zeit einen wichtigen internationalen T\u00fcrschlenz-Titel erringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Samstag, 18.02.2017Im Zug zwischen Strasbourg und MoskauReisen ver\u00e4ndert. Bereits am ersten Tag erkennt man den Wahrheitsgehalt dieser Binsenweisheit, der sich in der endlosen Wiederholung der Phrase durch die berufenen M\u00fcnder und Federn von allen und jedem, von Gap Year-Teenagern bis zu Karl Baedeker selig, keineswegs abnutzt. Reisen ver\u00e4ndert. Was einem die Leute allerdings eher nicht sagen: Lange bevor sich die Ver\u00e4nderung im Geist niederschl\u00e4gt, wird der K\u00f6rper ihre fette Beute. 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