{"id":272,"date":"2017-03-04T08:04:56","date_gmt":"2017-03-04T08:04:56","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2017\/03\/04\/untitled"},"modified":"2026-09-04T08:26:13","modified_gmt":"2026-09-04T08:26:13","slug":"untitled","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=272","title":{"rendered":"Das Auge des Malers, oder der Schischkin-Test"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien3.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-500\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien3.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien3-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>23. bis 26.02.2017, Transsibirische Eisenbahn<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00e4tte ich jedes Mal hundert Rubel bekommen, wenn jemand, dem wir von unseren Transsib-Pl\u00e4nen erz\u00e4hlten, reagierte mit einer Variation von &#8220;Oh wow, davon tr\u00e4ume ich auch schon lange!&#8221;, nun, ich h\u00e4tte zumindest gen\u00fcgend Geld zusammen f\u00fcr eine schlecht aufgew\u00e4rmte Mahlzeit im Bordrestaurant. Es ist, offenbar, ein weitverbreiteter Traum, der zweifelsohne noch gen\u00e4hrt wurde durch die Unmenge von Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die 2017, zum hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Strecke, erschienen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Jubil\u00e4um, von dessen Existenz man auf der Strecke selbst \u00fcbrigens nichts, aber auch gar nichts mitbekommt. Keine Hochglanzprospekte mit historischen Abrissen, keine Lokomotiven, auf denen die Jahreszahlen goldig und fett prangen. Und mit Sicherheit keine Aktionen oder Sonderangebote. Dieses wohltuende Desinteresse am Ausnutzen einer Gelegenheit, f\u00fcr die sich im Westen zweifelsohne ganze Marketingabteilungen eine Fleischersch\u00fcrze umgebunden h\u00e4tten, um das Jubil\u00e4um fachgerecht auf den Schlachtblock zu hieven und nach Strich und Faden auszubeineln, ist kein Zufall. Die Realit\u00e4t (in die den Traum umzusetzen \u00fcbrigens weder wesentlich komplizierter noch kostspieliger ist als, sagen wir, die Organisation von zwei Wochen Strandurlaub in Dubai oder eine Woche Skiferien in den Schweizer Alpen) ist n\u00e4mlich: Die Transsibirische Eisenbahn ist ein eisernes Arbeitsross, eine Notwendigkeit ebenso sehr wie eine Sehnsuchtserf\u00fcllungsmaschine f\u00fcr westliche (und einige \u00f6stliche) Touristen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige wenige Menschen, die den mutigen mentalen Schritt gemacht haben, sich neben dem abstrakten Transsibirientraum auch den wesentlich trainingsanzugbehosteren Transsibierenalltag auszumalen, stellen denn auch gelegentlich eine wichtige und berechtigte Frage: Was zum Teufel tut man denn eigentlich sieben Tage lang auf dem Weg quer durch eine der unbesiedelsten Gegenden der Welt? Im Folgenden m\u00f6chte ich, dienstbeflissen und ungefragt wie immer, einige Antworten geben (neben der offensichtlichen, dass man Texte wie diesen auf der M\u00e4useklaviatur der von der vorbeiziehenden Landschaft eingelullten Emotionen schreiben kann) und einen Test vorschlagen, der auch f\u00fcr Sie daheim die brennende Frage beantworten kann: Die Transsibirische Eisenbahn und ich &#8212; na, w\u00e4r das was?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Option 1: AAA <\/strong>Das Reisen in der Transsibirischen Eisenbahn erfolgt ganz grunds\u00e4tzlich in drei Klassen, die diesen Namen in mehr als einer Hinsicht verdienen: Da sind zun\u00e4chst die Wagen, in denen sich bei voller Auslastung 54 Personen, getrennt nur durch die flottierenden Vorstellungen von Privatssph\u00e4re, w\u00e4hrend einer Woche ihre gegenseitige N\u00e4he teilen. F\u00fcr die meisten westlichen Touristen existieren diese Abteile nur als Google-Bildsuchresultat und vage Ahnung von einer anderen Welt am Ende des Zuges, die gelegentlich Fleisch wird, um kettenrauchend die Viertelstunde Haltezeit am n\u00e4chsten Bahnhof zu \u00fcberbr\u00fccken. Die Standardklasse f\u00fcr die meisten Touristen sind die Wagen mit Viererarbteil, die eine goldene Mitte versprechen zwischen Nachtruhe und der romantischen wodkagetr\u00e4nkten Instant-Kameraderie zwischen Fremden, die Russland-Reiseberichte so gerne besingen. (Zumindest wenn sie nicht, wie dieser hier, von socializing-behinderten Snobs geschrieben sind).  Und dann gibt es noch die erste Klasse, f\u00fcr wohlhabende socializing-behinderte Snobs wie uns, die sich im Wesentlichen durch drei Dinge von der Mittelklasse unterscheiden: Sie weisen nur zwei Pritschen pro Abteil auf, sie reduzieren dadurch die Zahl der Toiletten-Mitbenutzer im Wagen um die H\u00e4lfte, und sie sind mit TV-Ger\u00e4ten ausger\u00fcstet, was uns schnurstracks zur ersten Antwort auf die Frage bringt, womit man seine Zeit in der transsibirischen Eisenbahn verbringen kann. Mit Fernsehgucken, was, auf den ersten Blick, nicht nur eine merkw\u00fcrdige Entscheidung ist, sondern gewissermassen ein Paradebeispiel f\u00fcr einen AAA (einen Astreinen Arschlochakt). Ich stelle mir vor, dass die Dicke von Mauern in einem Land wie Russland in Faustst\u00e4rken gemessen wird, wobei eine Faustst\u00e4rke der Dichte entspricht, die ein durchschnittlich gesunder erwachsener (und eventuell stimulierend angetrunkener) Mann oder eine entsprechende Frau mit einem regul\u00e4ren Faustschlag penetrieren kann. Nun muss man wissen, dass die Faustst\u00e4rke der Abteilw\u00e4nde in der transsibirischen Eisenbahn stetig gegen Null strebt, was einerseits gut ist, weil es die Snobs in ihren Goldenen Abteilk\u00e4figen vor allzu falschen Illusionen bewahrt, andererseits aber f\u00fcr diese Snobs dennoch zu einem Stressfaktor werden kann, wenn der Nachbar, was durchaus nicht un\u00fcblich ist, auch nach 12, 14, oder auch 16 Stunden TV am Tag noch h\u00f6rbar begeistert ist vom hochdramatischen Angebot der postsowjetischen Rundfunkanstalten. Auf den zweiten, und korrekteren, Blick aber ist der vermeintliche AAA nichts Anderes als das \u00dcberschwappen des Arbeitsrosscharakters der Transsibirischen Eisenbahn in die Sph\u00e4re der Wunscherf\u00fcllungsmaschine: Die Chancen stehen gut, dass der Nachbar nicht zum Spass hier ist, sondern weil er von A nach B gelangen muss, und dass er die zigtausend Kilometer von A nach B zum x-ten Mal hinter sich bringt. In diese Art von Gleichung will man sich denn auch gar nicht als Unbekannte einmischen, weshalb man, \u00fcber kurz oder lang, die TV-Ger\u00e4usche aus der Nebenkabine als Teil des gesamtrussischen Klangteppichs, wenn nicht sogar Charmes, zu akzeptieren beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Option 2: Das Bordrestaurant<\/strong>  Es ist eine gemeinhin anerkannte Wahrheit, dass ein Sachverhalt, \u00fcber den sowohl vorteilhafte als auch weniger vorteilhafte Berichte im Umlauf sind, sich als wahr erweisen wird in Letzteren, aber selten in Ersterem. Oder so. Ein Beispiel: Ich habe eine Zeitlang ein Zubrot verdient als Stellvertreter eines Brieftr\u00e4geres in meinem Heimatdorf. \u00dcber Brieftr\u00e4ger kursieren, grosso modo, zwei Ger\u00fcchte: Dass die lokalen Hunde ein sehr angespanntes Verh\u00e4ltnis zu ihnen haben, aber die attraktiven jungen Hausfrauen daf\u00fcr ein, dr\u00fccken wir es galant aus, umso besseres. Nur eines von beiden ist wahr. \u00dcber das Bordrestaurant der transsibirischen Eisenbahn erz\u00e4hlt man sich ebenfalls zweierlei: Dass es ein exzellenter Ort ist, um Bekanntschaft oder gar Freundschaft zu schliessen mit anderen Reisenden \u00fcber einem geteilten Glas Wodka, und dass das Essen \u00fcberteuert, chronisch ausverkauft und in geradezu komischem Ausmass schlecht sei. Nur eines von beiden ist wahr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien4.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-499\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien4.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien4-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Option 3: Das Auge des Malers, oder der Schischkin-Test<\/strong> Was also tut man den lieben langen Tag, wenn man nur geringf\u00fcgig interessiert ist am Unterhaltungsangebot der russischen Fernsehsender und die Aussicht darauf, als einzige G\u00e4ste vor kaltem Reis in der Kantine zu sitzen, auch nur m\u00e4ssig attraktiv findet?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man bringt Zeit herum. (Was im \u00dcbrigen nicht dasselbe ist wie das englische &#8220;Killing Time&#8221;, das Umbringen von Zeit. Die Zeit ist zu gewaltig hier, als dass man ihr etwas anhaben k\u00f6nnte.) Klingt nicht nach viel oder gar nach nicht genug? Der Eindruck ist irref\u00fchrend, denn er zieht schlicht nicht in Betracht, in welchem Ausmass man Zeit hat hier. Man hat Zeit in rauen Mengen in diesem Zug. Man hat verdammt viel Zeit, man hat alle Zeit der Welt, Zeit in Unmengen, Zeit in einem solchen \u00dcbermass, dass man nie wusste oder v\u00f6llig vergessen hatte, dass es dies \u00fcberhaupt geben kann. Mit Langeweile hat dies allerdings nur am Rande zu tun, denn Langeweile ist Langeweile ist Warten wider Willen, ist das Unbehagen, nicht zu wissen, was man mit sich selbst und der Zeit anfangen soll zwischen zwei Zeitpunkten. Hier an Bord jedoch strebt die Zeit ins Unendliche, sie kennt keine Anf\u00e4nge und kaum Punkte, an denen sie gemessen werden kann. Selbst die \u00fcblichen Hilfsmittel dazu geraten hier an ihre Grenzen: Die Bahnh\u00f6fe zeigen keine lokale, sondern Moskauzeit an, die elektronischen Ger\u00e4te sind \u00fcberfordert mit den Signalen, oder ihrem Mangel, der sie eichen sollte auf die geradezu unberechenbar wechselnden Zeitzonen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so nimmt man sich die Zeit, und macht das Beste daraus. Man d\u00f6st. Man isst, brocken- und h\u00e4ppchenweise, ohne eigentliche Notwendigkeit und ohne jeden Rhythmus. Man liest. (In meinem Fall, ebenfalls ohne eigentlichen Rhythmus, eine Mischung als Bulgakow, Tolstoi, Timmerberg &#8212; wem diese Zeilen auf die Nerven gehen, beschwere sich also bei den russischen Meistern oder dem deutschen Althippie.) Man schreibt, man zeichnet. Und wenn der Tag, irgendwie, doch noch vorbei geht, l\u00e4sst man sich ein auf Nachtgedanken und -ger\u00e4usche, die einem andernorts den Schlaf rauben w\u00fcrden, aber sich hier ausleben k\u00f6nnen und sollen, denn sie haben Zeit, wir haben Zeit, morgen wird der Tag wiederum lang werden, lang genug f\u00fcrs Ausschlafen, f\u00fcrs Weiterdenken, f\u00fcr Alles M\u00f6gliche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem anderen aber blickt man aus dem Fenster, auf die Landschaft, mit ihrem st\u00e4ndig neu kombinierten, fixen Inventar: Dem Schnee, den Birken, der L\u00fccke zu den Gleisen. Den Stromm\u00e4sten, den Nadelbaumstummeln. Den Haufen von H\u00fctten inmitten ausschweifender H\u00f6fe, die so gedrungen sind, als d\u00fcrfe nichts im Haus ausser Sicht- und W\u00e4rmweite des Herdes stehen. Den eingedeckten Spuren von etwas, das im Sommer eine Strasse h\u00e4tte sein k\u00f6nnte. Den Transformatorstationen, den ausgeh\u00f6hlten H\u00fcllen von Fabriken. Den Kr\u00e4hen, den Elstern und diesen anderen fetten V\u00f6geln da auf den B\u00e4umen, die Rebh\u00fchner sein k\u00f6nnten, oder auch nicht (und f\u00fcr einmal ist es gut, keine M\u00f6glichkeit zu haben, dies zu \u00fcberpr\u00fcfen) Das ist so ziemlich alles, was man zu sehen bekommt, w\u00e4hrend Stunden, w\u00e4hrend Tagen: Eine Landschaft, so grenzenlos und gleichf\u00f6rmig wie die Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und letztlich liegt die Antwort auf die Frage, ob die Transsibirische Eisenbahn f\u00fcr einen ist oder nicht, genau hier. Ich hatte, vor langer, langer Zeit, einen Test versprochen. Der lautet wie folgt: In der grandiosen Tretyakov-Gallerie in Moskau, deren Reiz f\u00fcr einen kunsthistorisch nur begrenzt gebildeten Besucher nicht zuletzt darin besteht, dass sie sich auf russische K\u00fcnstler beschr\u00e4nkt und darum verh\u00e4ltnism\u00e4ssig arm ist an Superhits und -stars, die zu sehen man, bereits verstopft von den medial ausgebr\u00fcteten Vorstellungen von diesen Kunstwerken, sich verpflichtet f\u00fchlt, ist ein gesamter Saal Iwan Iwanowitsch Schischkin gewidmet. In diesem Saal finden sich Darstellungen von B\u00e4umen und W\u00e4ldern. Exklusiv und ausschliesslich. Manchmal zeigt ein Gem\u00e4lde ein spazierendes Paar, manchmal, in der Ferne, Forstarbeiter beim F\u00e4llen eines Baumes. Letztlich aber sind sie schm\u00fcckendes Beiwerk, denn daran, dass die Bilder vor allem B\u00e4ume zeigen, gibt es keinen Zweifel. Nehmen wir darum an, Schischkin habe, was dieser Saal nahelegt, sein Leben dem Malen von B\u00e4umen gewidmet. Der Perfektionierung des Borkenpinselstrichs, der Erlangung von Meisterschaft im Festhalten dieses einen entscheidenden Gr\u00fcntons und der Art, wie der Schattenwurf, einen Ast weiter, die Nadeln um eine Nuance dunkler erscheinen l\u00e4sst. Schischkin tat nichts anderes, war an nichts anderem interessiert: Sein Lebenszweck war das Malen von B\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun fragen Sie sich: Finden Sie das deprimierend, eine Verschwendung von Talent? Oder k\u00f6nnen Sie dieser Manie, dieser Idiotie, dieser Hingabe an das Ewiggleiche (in dem, manchmal, wenn wir Gl\u00fcck haben, das Ewige durchscheint), so etwas wie Respekt, vielleicht sogar Bewunderung abtrotzen? In letzterem Fall besteht eine Chance, dass Sie, wie ich, in der Transsibirischen Eisenbahn gl\u00fccklich werden k\u00f6nnten<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> 23. bis 26.02.2017, Transsibirische EisenbahnH\u00e4tte ich jedes Mal hundert Rubel bekommen, wenn jemand, dem wir von unseren Transsib-Pl\u00e4nen erz\u00e4hlten, reagierte mit einer Variation von &#8220;Oh wow, davon tr\u00e4ume ich auch schon lange!&#8221;, nun, ich h\u00e4tte zumindest gen\u00fcgend Geld zusammen f\u00fcr eine schlecht aufgew\u00e4rmte Mahlzeit im Bordrestaurant. 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