{"id":273,"date":"2017-03-05T01:44:50","date_gmt":"2017-03-05T01:44:50","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2017\/03\/05\/grenzerfahrungen-pt-i-russland"},"modified":"2026-09-04T10:05:49","modified_gmt":"2026-09-04T10:05:49","slug":"grenzerfahrungen-pt-i-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=273","title":{"rendered":"Grenzerfahrungen Pt. I: Russland"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien1.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-502\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien1.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>02. bis 03.03.2017, Transsibirische Eisenbahn<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Post Sowjet Desolation&#8221;, postsowjetische Verw\u00fcstung, sind die Worte, mit denen unser Guide das beschreibt, was jenseits des Balkaisees, im enormen Dreil\u00e4ndereck zwischen der Russland, China und der Mongolei auf einen wartet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Landschaft meint er damit nicht. Diese hat sich gewandelt, die Bausteine wurden ausgetauscht: Die Birken, diese allgegenw\u00e4rtigen Sichtblenden in schwarzweiss, sind verschwunden. \u00dcberhaupt gibt es kaum mehr B\u00e4ume, kaum noch Vegetation, abgesehen von einigen schwinds\u00fcchtigen Str\u00e4uchern und gefriergetrockneten Gr\u00e4sern. Das nimmt der Landschaft aber nichts von ihrer Gr\u00f6sse und Grossartigkeit, die sich nicht nur Augen bietet, die nicht nur schon durch die Aussicht auf Ver\u00e4nderung zur Begeisterung bereit sind. Die Berge, die wir gestern, 100 Kilometer jenseits des Baikalsees, noch gesehen haben, sind verschwunden. An ihrer Stelle bietet sich ein endloser Horizont, ein Schichtblattgericht aus erstaunlich vielf\u00e4ltigen Weiss- und Braunt\u00f6nen, unter einem Himmel, der nahtlos aus dem Schnee hervorgeht, bevor er sich in das klarste Bau ergiesst, das man sich nur vorstellen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die postsowjetische Stimmung steigt auf von den D\u00f6rfern, die hier seltener geworden sind. Es ist offensichtlich, dass sie irgendwann in produktiveren Zeiten gebaut wurden ausserhalb der Sichtweite jeder anderen Siedlung, um eine Fabrik zu erm\u00f6glichen und zu bedienen. In den allermeisten F\u00e4llen ist dieses feurige Herz der Siedlung aber erkaltet und erloschen. Ein einzelner, massiver Wohnblock steht noch in jedem dieser D\u00f6rfer, unverkennbar weit entfernt von dem, was sich die Anwohner trotzig als Dorfkern erbaut haben. Ein Geb\u00e4ude, das unverkennbar ein Neues Zeitalter hinklotzen sollte, das brutalistische Erzwingen von Fortschritt und der erste, \u00fcberdimensionierte Baustein von etwas Urbanem, das, so dachte man wohl, hier entstehen w\u00fcrde. Kaum einer dieser Plattenbauten ist allerdings noch bewohnt, einige waren es offensichtlich nie. Fensterlose L\u00f6cher starren einem wie die Augenh\u00f6hlen eines Totensch\u00e4dels entgegen, und was einem dahinter entgegenwinkt, sind einzig B\u00e4ume, die mit der Geduld und Zuversich des sicheren Siegers Stellung bezogen haben in diesen vertikalen Siedlungen. (Pripjat ist \u00fcberall.) Die menschlichen Bewohner der D\u00f6rfer bevorzugen dagegen menschliche H\u00e4user, dieselben einst\u00f6ckigen, flachgezogenen und weitumz\u00e4unten Holzh\u00fctten, die man in ganz Sibirien sehen kann. Hier jedoch, wo der Schnee und der Winter bloss zu Besuch sein scheint (wenn auch mit der ganzen R\u00fccksichtslosigkeit eines Steuereintreibers), scheint es schwieriger, die tr\u00f6stende Vorstellung des Herdfeuers heraufzubeschw\u00f6ren, das als oberste Notwendigkeit in Sibirien die Gestalt dieser H\u00e4user befriedigend erkl\u00e4rt. Nur manchmal, in zunehmend h\u00e4ufigen Momenten, f\u00fcr die man dankbar ist, entdekt man irgendwo in der Pr\u00e4rie frei herumstreunend eine Herde von breitschultrigen und gutm\u00fctig zotteligen K\u00fchen, die zumindest eine Antwort auf die Fragen bieten, die einem hier st\u00e4ndig im Kopf herumgehen: &#8220;Wie, warum und von was Leben Menschen hier?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Strafe daf\u00fcr, sich \u00fcber Fernsehger\u00e4te in der transsibirischen Eisenbahn zu beschweren, ist offenbar Isolationshaft. (Wir reisen ausserhalb der Hochsaison, in der transmandschurischen statt der transmongolischen Eisenbahn, die die erste Wahl der nach Peking reisenden Touristen ist). Isolationshaft und Hitzestau. Die Temperatur im Wagen hat mittlerweile 28 Grad erreicht. Der einzige weitere Fahrgast neben uns , ein dunkelhaariger Russe mittleren Alters am anderen Ende des Wagens, l\u00e4uft bereits mit blosser Brust herum. Unsere Provodnitsa (die M\u00e4dchen f\u00fcr Alles, die in der transsibirischen Eisenbahn jeweilsf\u00fcr einen Wagen zust\u00e4ndig sind) hat ihre Uniform mit dem adretten K\u00e4ppchen und dem langen Wintermantel aufgegeben, sie l\u00e4sst ihre blattgold gef\u00e4rbten Haare wallen und l\u00e4uft in Kleidern herum, die einen vermuten lassen, sie schaue in den m\u00fcssigen Stunden zwischen Bahnh\u00f6fen in ihrer Kabine heimlich Gymnastikvideos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum wir langsam gek\u00f6chelt werden, wird uns erst sp\u00e4ter klar. Es ist Teil der Grenzerfahrung, die uns beinahe den gesamten Tag lang besch\u00e4ftigen wird, an dessen Ende wir in 12 Stunden kaum 15 Kilometer zur\u00fcckgelegt haben werden. Die Sommertemperaturen im Wagen sind die pragmatische L\u00f6sung f\u00fcr das Problem, dass der Zug auf beiden Seiten der Grenze stundenlang stillstehen wird, bei zehn Grad minus Aussentemperatur, und langsam ausk\u00fchlen wird. Denn w\u00e4hrend seiner Stopps ist er still-, um nicht zu sagen auf Eis gelegt, ohne M\u00f6glichkeit, Strom zu produzieren oder zu nutzen. Gr\u00fcnde, weshalb der Stopp \u00fcberhaupt so lange dauert, dass der Wagen den vollen meterologischen Zyklus von Sommerriviera zu Sibirienwinter durchleben muss, gibt es eigentlich nur zwei: Erstens m\u00fcssen die R\u00e4der ausgewechselt werden, da die russischen Z\u00fcge, wie alles in diesem Land etwas breitbeinig drauf, eine gr\u00f6ssere Spurbreite haben als die Nachbarn. Zweitens aber m\u00fcssen Menschen kontrolliert werden, und wenn es darum geht, sind bekanntlich beide Grenzanreiner hier \u00e4usserst pflichtbewusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings geht nicht beides, Radwechsel und Ausweiskontrolle, gleichzeitig. Auf der russischen Seite hat man deshalb gut vier Stunden, die man in einer Grenzsstadt verbringen muss, die erbaut wurde mit dem geballten Charme eines von einem sowjetischen St\u00e4dteplaners erdachten Fegefeuers: Abfall all\u00fcberall, eine gegen den Bahnhof gerichtete Ladenfront weist noch eine verwahrloste Apotheke auf, einen ruinierten Supermarkt und einen Betrunkenen, der noch vor Mittag so voll ist, dass er es nicht mehr schafft, Kurs zu halten auf die zwei Touristen, die er lallend ansprechen will. Und, nat\u00fcrlich, ein prunkvolles Hotel, das wieder einmal mit einem kollektiven Schulterzucken irgendwo im pr\u00e4natalen Zustand aufgegeben wurde. Kein Kofe oder sonst etwas in Sicht, das helfen k\u00f6nnte, die Zeit herumzubringen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien2.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-501\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien2.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/sibirien2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleibt die Wartehalle des Bahnhofs, die man, als habe jemand doch noch Erbarmen gehabt mit den am Nicht-Ort festgesetzten Reisenden, immerhin grossz\u00fcgig gestaltet hat. Spiegelblanke Marmorfussb\u00f6den, die unweigerlich mit Strassenschlick zu verdrecken man sich sch\u00e4mt; meterhohe, mit Halbrosetten abgeschlossene Fenster und Kronleuchter, die aussehen, als h\u00e4tte die Bl\u00fcte des Frauenschuhs f\u00fcr sie Modell gestanden; und eine Gallerie, getragen von irgendwie korinthischen S\u00e4ulen. Es gibt sogar eine Bibliothek hier, die nicht etwa Flugh\u00e4fenromane bietet, sondern Edelausgaben von Walter Scott oder Balzac. (Allerdings alles strickt auf russisch.) Hier l\u00e4sst es sich aushalten, im Prinzip, auch wenn keiner der Reisenden den B\u00e4nden grosse Beachtung schenkt. Die Aufmerksamkeit gilt eher einem Fernseher, auf dem &#8220;Karusell TV&#8221; l\u00e4uft, das lokale Kinderfernsehen, und es h\u00e4lt definitiv mit nichts zur\u00fcck: Die Abgr\u00fcnde der internationalen Sparfuchs-Computeranimation und Pseudo-Anime-Produktion erstrecken sich l\u00fcckenlos vor einem. Noch davor haben wir jedoch Anrecht auf &#8220;Bum Tschoi&#8221;, die sendunggewordene (und 100% ironiefreie) Manifestation aller Schreckvorstellungen, die sich in die Jahre gekommene Kinderhasser von &#8220;Den Jungen heutzutage&#8221; machen. &#8220;Bum Tschoi&#8221; bietet, in geb\u00fchrend hoher Schnittfrequenz, unter anderem: Einen skateboardenden Moderator, der offensichtlich zeitlebens nie auf einem Skateboard gestanden ist; eine Moderatorin, die in sich den Sexappeal der fr\u00fchen Britney Spears mit dem der sp\u00e4ten Pippi Langstrump vereint; einen Superhelden im Latexkost\u00fcm mit obsz\u00f6n schwankender Gummiflamme auf der Stirn; und ein weises Hybridwesen, ins Leben gerufen durch die wild gestikulierenden H\u00e4nden eines unterbezahlten Schauspielers und einem Golden Retriever-Kopf unter einem Piratenhut, dessen Kiefer sich beim &#8220;Sprechen&#8221; zwar nicht bewegen, der aber auch so den existentiellen Weltschmerz aller nie laut ge\u00e4usserten &#8220;Was zur H\u00f6lle tue ich hier eigentlich?!&#8221;-Hilferufe zum Ausdruck bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wem das dann doch zu viel wird &#8212; und jeder hat seine Grenzen &#8212; sucht Ausflucht andernorts. Eine Frau mit rosa Strickm\u00fctze, modischen Stiefeln und einem gestrickten Kleid \u00fcber einer Trainerhose h\u00f6rt lautstark Metal auf ihrem Smartphone. Ein M\u00e4dchen mit pailletenbeschlagenen Abs\u00e4tzen und grenzasiatischen Z\u00fcgen schneidet sich mit einer Nagelschere die Haarspitzen und k\u00fcmmert sich nicht weiter darum, wohin diese fallen. Ein an\u00e4mischer Student mit Mitessern im Gesicht passt auf sein Euphonium auf und scheint so ziemlich der einzige Mensch hier zu sein mit mehr Interesse an Gesichtern als Bildschirmen. Und neben vielen von ihnen stehen enorme Taschen, in denen ganze Haushalte oder Leichen transportiert werden k\u00f6nnten, bauchig und mit Mustern wie pr\u00e4chtige 70er-Jahre-Tapeten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann sind selbst vier Stunden herum, und wir k\u00f6nnen zur\u00fcck in den Zug. Und jetzt beginnt die Grenzerfahrung erst richtig. Russische Zollbeamte kommen an Bord und tun, was Beamte in Russland am liebsten tun: Sie demonstrieren Autorit\u00e4t. In Russland ist dies, quasi von ganz oben verordnet, immer mit einem gewissen Machismo verbunden. Den Drogenhund k\u00f6nnen wir nach allem, was wir gesehen haben heute, zwar nicht mehr ernst nehmen, denn er ist ein Golden Retriever. (Ohne Piratenhut, immerhin.) Aber ansonsten wird uns die volle Show geboten: Eine kleinw\u00fcchsige, aber umso strenger dreinblickende Frau will unsere P\u00e4sse sehen. Sie befiehlt uns in knappen Worten, uns zu erheben und in den Gang zu treten. Daraufhin pr\u00fcft sie, wiederholt und als h\u00e4tten Russen Probleme damit, westeurop\u00e4ische Gesichter zu unterscheiden, ob die Abbildung auch der Realit\u00e4t entspricht. Brille aufsetzen. Brille abnehmen. Absitzen. Wie spricht man diesen Namen aus? (Wie wiederholt ihn 3x, mit zunehmendem Erfolg.) Was tun Sie in Russland? (Nicht mehr viel, denn wir reisen aus, nicht ein, was aber kein Grund daf\u00fcr ist, das Protokoll abzuk\u00fcrzen.) Die Frau verschwindet mit unseren P\u00e4ssen, darauf betreten mehrere M\u00e4nner in Uniform den Wagen und beginnen, ihn<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">auseinanderzunehmen: Potentielle Drogen und Waffen finden sich in den F\u00e4chern hinter unseren Kopfteilen. Unter unseren St\u00fchlen. \u00dcber unseren K\u00f6pfen. Die Drogen KOMMEN AUS DEN W\u00c4NDEN. (Potenziell, zumindest.) Bel\u00fcftungsgitter werden abmontiert. Eine Leiter kommt zum Einsatz. Unsere Rucks\u00e4cke will dagegen niemand sehen. Als wir auch noch Schritte auf dem Dach h\u00f6ren, sind wir zufrieden: Einsch\u00fcchterungsmasche &#8212; l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den P\u00e4ssen wieder &#8220;auf uns&#8221;, wie man als Reisender so beruhigend sagt, beginnt endlich die Weiterfahrt. (Selbst die Toiletten, die w\u00e4hrend alledem geschlossen bleiben m\u00fcssen, werden uns von unserem zuvorkommenden Schaffner f\u00fcr exakt sieben Minuten aufgeschlossen. Ihr kontrolliert vielleicht unsere Gesichter, als w\u00e4ren wir Verwandlungsk\u00fcnstler mit explosiver krimineller Energie, aber daf\u00fcr scheissen wir auf eure Grenze.) Sieben Minuten sp\u00e4ter steht der Zug erneut, und wir sind in China.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> 02. bis 03.03.2017, Transsibirische Eisenbahn &#8220;Post Sowjet Desolation&#8221;, postsowjetische Verw\u00fcstung, sind die Worte, mit denen unser Guide das beschreibt, was jenseits des Balkaisees, im enormen Dreil\u00e4ndereck zwischen der Russland, China und der Mongolei auf einen wartet.Die Landschaft meint er damit nicht. 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