{"id":274,"date":"2017-03-09T06:56:27","date_gmt":"2017-03-09T06:56:27","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2017\/03\/09\/grenzerfahrungen-pt-2-china"},"modified":"2026-09-04T10:05:14","modified_gmt":"2026-09-04T10:05:14","slug":"grenzerfahrungen-pt-2-china","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=274","title":{"rendered":"Grenzerfahrungen, Pt.II: China"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-504\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sich zwei Nationen, die so gerne gesundes Selbstbewusstsein demonstrieren wie Russland und China, direkt gegen\u00fcberstehen, ist eines eigentlich unvermeidbar: Ein Schwanzl\u00e4ngenvergleich. Und Jungejunge, haben die Chinesen aber darin investiert, mit allen Klischees \u00fcber asiatische Liebhaber ein f\u00fcr alle Mal aufzur\u00e4umen. Wo die russische Grenzstadt v\u00f6llig in post-sowjetischer Malaise aufgeht, stehen auf der chinesischen Seite Hochh\u00e4user, gross und stolz. Und offensichtlich fertig gebaut. Hell beleuchtet, nat\u00fcrlich, damit man ihren Glanz auch noch weit in die Steppe hinaus (und vor allen Dingen in den br\u00f6ckelnden Behausungen auf der anderen Seite) sieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch im Ablauf der Grenzkontrolle zeigen sich die feinen kulturellen Unterschiede zwischen den L\u00e4ndern. Verh\u00e4rmte Gesichter soldatischer Bauart auf der einen Seite, k\u00fchl kalkulierende B\u00fcrokratie auf der anderen &#8212; wenn man, wie wir zu diesem Zeitpunkt, derart m\u00fcde ist, ist man froh um die mentale Entlastung, die best\u00e4tigte Klischees mit sich bringen. Ein erster Beamter betritt das Abteil, wirkt ernst, aber verliert sich sofort in sympathische Anekdoten \u00fcber seine Heimat, sobald er mitbekommen hat, dass A. ein wenig Chinesisch beherrscht. (Sogar eine kurze Ber\u00fchrung des Schulterblatts liegt drin.) Nach dieser Good Cop- folgt die Bad Cop-Routine: Zwei weitere Beamte, wie alle Chinesen in schnittigen M\u00e4nteln, betreten das Abteil und schlagen andere T\u00f6ne an. Keine unfreundlichen, absolut nicht, aber solche, die keinen Zweifel daran lassen, dass zwischen ihre messerscharfe Professionalit\u00e4t und uns kein Milimeter Scherz passt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Russen haben zwei Dutzend M\u00e4nner und Hunde, die Chinesen haben diesen Ton und Handschuhe, und wirken dennoch keinen Deut weniger einsch\u00fcchternd. Und vielleicht ist diese eher subtile Herangehensweise sogar noch etwas perfider: Wo die Russen Autorit\u00e4t demonstrieren mit dem emsigen Ernst eines Probelaufs f\u00fcr eine Drogenrazzia, ist es die Strategie der Chinesen, einen schlicht im Dunkeln zu lassen, im w\u00f6rtlichen wie \u00fcbertragenen Sinn. W\u00e4hrend anderthalb Stunden warten wir in unserem Zugabteil, in dem aus Stromspargr\u00fcnden nur die Leselampen die l\u00e4ngst eingetroffene Nacht erhellen, darauf, dass wir unsere P\u00e4sse zur\u00fcckbekommen. Als Durchschnittsreisender, dessen explosive kriminelle Energie nur in den K\u00f6pfen von Zollbeamten existiert, wird man vermutlich keinen Moment erleben, in dem man sich verwundbarer f\u00fchlt als in jenen Augenblicken, in denen Grenzbeamte den Pass (und damit letztlich auch das Schicksal der Reise) in ihren H\u00e4nden halten. Zu bef\u00fcrchten gibt es nichts, im Prinzip, aber im Dunkeln werden dennoch Sorgen ausgebr\u00fctet. Was w\u00e4re wenn? Der Grenz\u00fcbertritt als mentaler Abenteuer- und Katastrophentourismus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze2.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-503\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze2.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/grenze2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>02. bis 03.03.2017, Transsibirische Eisenbahn<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem der Grenzbeamte unversehens ein Ende bereitet, als er, als man mit ihm schon fast nicht mehr gerechnet hat, zur\u00fcckkommt. Und den Pass auf den Tisch legt und einen sch\u00f6nen Tag w\u00fcnscht. Freundlich, einfach so. Als sei nichts gewesen. Dabei ist etwas gewesen. Etwas Grenzwertiges. Und das ist noch nicht vorbei, denn wirklich frei bewegen d\u00fcrfen wir uns nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Bahnhof, f\u00fcr den wir wie auf der russischen Seite den Zug verlassen m\u00fcssen (diesmal geht es darum, das chinesische Bordrestaurant anzukoppeln), widmet man sich wieder der Demonstration der Tatsache, dass sich das internationale Macht- und Prosperit\u00e4tsgef\u00e4lle in den letzten 20 Jahren entschieden verlagert hat auf diese Seite der Grenze. Die Russen haben eine Wartehalle aus Marmor, die Chinesen ein ganzes Geb\u00e4ude. Im Erdgeschoss betritt man einen weitl\u00e4ufigen Kontrollapparat aus Schleusen, Ebola-Warnplakaten und einem medizinischen Untersuchungszimmer, auf dessen T\u00fcre das Symbol f\u00fcr Radioaktivit\u00e4t prangt. Waffen und Drogen scheinen hier das kleinste Problem zu sein, oder aber im Gegenteil ganz andere Dimensionen anzunehmen. Ein Schild verspricht ein &#8220;Restoran&#8221; im 2. Stock, wir steigen, gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Reisender und der Bordcrew, hinauf und finden uns in einer enormen Wartehalle wieder, in die das chinesische \u00dcberlegensheitgef\u00fchl es noch nicht geschafft hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle St\u00fchle sind leer, daf\u00fcr sitzen sich zwei konkurrierende Geldwechslerinnen gegen\u00fcber, die ihre Gesch\u00e4fte mit einer Registrierkasse betreiben, die auf einem Pult aus leeren Whisky-Kartons steht. Zwei ebenfalls konkurrierende L\u00e4den, die genauso gut denselben Eingang haben k\u00f6nnten, teilen sich eine Ecke des Saals und sind auch in ihrem Angebot Spiegelbilder voneinander: Instantnudeln, Wachteleier, Bier, Taschen mit Sinnspr\u00fcchen aus der Pr\u00e4-Google-Translate-\u00c4ra. Und Schnapps, Schnapps, und nochmal Schnapps, mit eingelegten Tieren unbekannter Provenienz oder Etiketten, die wirken, als h\u00e4tte jemand vor langer Zeit ein verpixeltes Foto einer Jack Daniels-Flasche gesehen und diese, so gut es ging, aus dem Ged\u00e4chtnis nachgezeichnet. Fast niemand kauft etwas, ausser der Bordcrew, die sich dermassen versorgt mit Alkohol, dass wir nur hoffen k\u00f6nnen, sie kaufe Geschenke f\u00fcr die Lieben in der Heimat und nicht daf\u00fcr, die ungeliebte Reise ertr\u00e4glicher zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Restoran-Tour ist schnell gemacht, danach ist wieder Warten angesagt, was alle hier mittlerweile ganz gut beherrschen. Russische Jugendliche (die m\u00e4nnlichen) stehen unmotiviert herum, nachdem sie zaghaft Dosenbier gekauft haben oder (die weiblichen) versuchen kooperativ die chinesischen Schriftzeichen in der Umgebung zu entziffern. Wir entdecken die &#8220;Self-Abandonment Box&#8221; und sind nicht sicher, ob sie lediglich der freiwilligen Aufgabe unerlaubter G\u00fcter dienen soll oder eher das diskrete chinesische Pendant ist zum &#8220;Lasciate ogni speranza, voi ch&#8217;entrate&#8221;, mit dem Dante den Eintritt zur H\u00f6lle markiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ein chinesischer Beamter doch noch die \u00fcberdimensionierten Pforten zum Bahnhofgeb\u00e4ude aufgestossen hat, d\u00fcrfen wir zur\u00fcck zum Zug. Der ist noch immer dunkel, die Toiletten sind noch immer verschlossen. Bis er wieder losf\u00e4hrt, wird es weitere drei Stunden dauern. Damit k\u00f6nnen wir leben. Denn: Abgesehen von alledem steht unserer Reise durch China nun definitiv nichts mehr im Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Wenn sich zwei Nationen, die so gerne gesundes Selbstbewusstsein demonstrieren wie Russland und China, direkt gegen\u00fcberstehen, ist eines eigentlich unvermeidbar: Ein Schwanzl\u00e4ngenvergleich. Und Jungejunge, haben die Chinesen aber darin investiert, mit allen Klischees \u00fcber asiatische Liebhaber ein f\u00fcr alle Mal aufzur\u00e4umen. Wo die russische Grenzstadt v\u00f6llig in post-sowjetischer Malaise aufgeht, stehen auf der chinesischen Seite Hochh\u00e4user, gross und stolz. Und offensichtlich fertig gebaut. 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