{"id":275,"date":"2017-03-16T14:23:00","date_gmt":"2017-03-16T14:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2017\/03\/29\/schamlos-in-der-wartenden-stadt"},"modified":"2026-09-04T10:13:32","modified_gmt":"2026-09-04T10:13:32","slug":"schamlos-in-der-wartenden-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=275","title":{"rendered":"Schamlos in der wartenden Stadt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"555\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/shangrila-1.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-505\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/shangrila-1.avif 740w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/shangrila-1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Irgendwann Mitte M\u00e4rz, Shangri-la, Yunnan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Folgenden geht es um die Abwesenheit von Scham, und deren Unbegreiflichkeit, weshalb der Text nicht anders beginnen kann als mit einem Gest\u00e4ndnis: Ich muss regelm\u00e4ssig Tr\u00e4nen der R\u00fchrung zur\u00fcckhalten, wenn ich Zeuge von etwas werde, das mir erstmals in Guilin begegnet ist, dann erneut, und diesmal in ausgereifterer Form, in Kunming und Lijiang, bevor ich es heute, in Shangri-la, erstmals in seiner Vollendung gesehen habe: Tanzende Menschen. Gemeinsam tanzende Menschen, die sich zusammenfinden, immer wieder, um sich in der allergr\u00f6ssten, alle Alters- und Standesunterschiede ignorierenden Selbstverst\u00e4ndlichkeit in aller \u00d6ffentlichkeit im Kreis zu drehen, h\u00fcpfend, die H\u00e4nde verwerfend, schwitzend, stundenlang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Art des Tanzes, \u00fcber die ich in aller Vorsicht nicht zu viel wissen, aber noch etwas schreiben will, scheint in ganz China (zumindest aber in ganz Yunnan) verbreitet zu sein, aber sie k\u00f6nnte wohl keinen passenderen Rahmen finden als diesen Ort. Shangri-la hiess Zhongdian, bevor die chinesische Regierung Ende 2001 beschloss, dieser auf mehr als 3000 m. \u00fc. M. gelegenen Stadt den Namen des Sehnsuchtsorts zu verleihen, den ein britischer Schriftsteller in den 30er Jahr erfunden und der, trotz intensiver Suche zahlloser Laowais, nie gefunden werden konnte. Die Stadt schien das Schicksal, zum Paradies auf Erden ernannt worden zu sein, etwas unerwartet zu treffen. Sie konnte zwar aufwarten mit einem selten reichen Gemisch an Br\u00e4uchen und Ethnien, einem der gr\u00f6ssten und beeindruckendsten Kl\u00f6ster des Landes und einer gut erhaltenen, zierlichen Altstadt. Aber mit allem anderen scheint man bis heute etwas \u00fcberfordert zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss nicht erst in Shangri-la ankommen um eine Ahnung davon zu bekommen, wie \u00fcbereilt die Gegenwart hier Einzug zu halten versucht hat. Der Reisecar h\u00e4lt bereits mehrere Kilometer vor der Stadt bei einer Reihe niedriger Geb\u00e4ude (halb Schuppen, halb Garage), vor denen Schweine im Staub w\u00fchlen und eine Gruppe von maschinengewehrbewehrten Polizisten in Stiefeln und dunklen Cowboyh\u00fcten sich die H\u00e4nde w\u00e4rmen an einem Feuer, das in einer aufgeschnittenen \u00d6ltonne flackert. Die Reisenden m\u00fcssen einzeln vortreten und sich auszuweisen; die Identit\u00e4tskarten der chinesischen Passagiere werden gescannt, w\u00e4hrend die Daten der Ausl\u00e4nder von Hand in ein Formular eingetragen werden von einem Polizisten, der offensichtlich nicht weiss, mit welchen Schriftzeichen &#8220;Japan&#8221; oder &#8220;Schweiz&#8221; zu schreiben ist. (Der Buschauffeur, rauchend und mit einem Blick zum Buddhaschrein, der als einziges im Halbdunkel der improvisierten Polizeistation zu sehen ist, diktiert sie ihm und bringt es fertig, es dabei weder an Respekt noch Am\u00fcsement mangeln zu lassen.) Das hier ist, wie A. feststellt, nicht nur Hochgebirge, es ist Leone-Territorium.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder unterwegs stellt man bald fest, dass die einzige Strasse, die Shangri-la mit dem Resten Chinas verbindet&#8230; schlicht nicht fertig ist. Der Bus m\u00fcht sich die letzten Kilometer vor der Stadt ab auf einer staubigen Piste voller Schlagl\u00f6cher, die auf einer (gesperrten) Spur planiert ist, aber nirgends asphaltiert. In der Ferne ist eine Eisenbahnbr\u00fccke zu sehen, die bereits aufgebaut wurde, obwohl noch nicht einmal die Pfeiler, auf denen die Gleise irgendwann Schnellz\u00fcge in die Stadt f\u00fchren sollen, gegossen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Neustadt (Shangri-la ist mittlerweile angewachsen auf mehr als 130&#8217;000 Einwohner) wirkt, als sei sie mit \u00e4hnlicher Planlosigkeit, aber mit grosser Eile aufgebaut worden: Strassen im Planquadrat, und sonst, buchst\u00e4blich, nichts. Keine Parkanlagen, keine Pl\u00e4tze, keine Fussg\u00e4ngerzonen, keine Versuche, den Fluss, der die Stadt durchquert, anders in Szene zu setzen denn als in Betonfesseln gelegte Kreatur. Eine Stadtplanung, als h\u00e4tte sich das Geodreieck von seinen menschlichen Beherrschern mit ihren k\u00fcmmerlichen Bed\u00fcrfnissen losgesagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht wurde bei der Planung auch schlicht auf die Altstadt gesetzt, die sich absolut sehen lassen kann: Enge Gassen, die sich unerm\u00fcdlich winden und kr\u00e4useln und, immer im richtigen Moment, \u00f6ffnen zu \u00fcberschaubaren Pl\u00e4tzen, die wirken wie ein Atemholen; alte (oder alt wirkende &#8212; diese Unterscheidung ist in China grunds\u00e4tzlich unerheblich) H\u00e4user mit geschnitzten Schiebet\u00fcren und durchh\u00e4ngenden D\u00e4chern, die mit verzierten Ziegeln gedeckt sind&#8230; die Altstadt von Shangri-la ist, wie man so sch\u00f6n sagt, pittoresk, ein organisch gewachsenes Naherholungsgebiet gewissermassen, um das herum die Neustadt krebsartig wachsen kann, ohne sich um das Wohlbefinden ihrer Bewohner k\u00fcmmern zu m\u00fcssen, die dort Zuflucht genug finden. Im Prinzip.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem bei alledem ist n\u00e4mlich: Die Altstadt von Shangri-la ist vor knapp f\u00fcnf Jahren niedergebrannt, und auch wenn die Wiederaufbaubem\u00fchungen gut vorangekommen sind und die Altstadt als verj\u00fcngte Kopie ihrer selbst zu einem guten Teil wiederauferstanden ist, sind die vielen verschlossenen T\u00fcren mit ihren &#8220;Zu vermieten&#8221;-Schildern doch ein Mahnmal daf\u00fcr, wie viele Existenzen im Feuer ihre Grundlagen verloren und bis heute nicht wiedergefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erste Bild, das ich in Shangri-la mache, ist insofern ein Symbolbild &#8212; es steht ganz oben in diesem Artikel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shangri-la ist eine wartende Stadt. Sie wartet auf die R\u00fcckkehr der Touristen, auf die Ankunft des Fortschritts, auf die Installation von Heizungen, auf die Strasse, auf den Zug, sie wartet auf die Wiederkehr der Guten Alten Zeiten und sie wartet, vor allem anderen, auf das Einl\u00f6sen des Versprechens, das ihr gemacht wurde, als sie ihren Namen eingetauscht hat gegen dieses verballhornte Hirngespinst, das vielleicht nur ein Ausl\u00e4nder sich in seiner ganzen Naivit\u00e4t ausdenken konnte und die meisten Chinesen nicht einmal aussprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shangri-la wartet, und w\u00e4hrend es wartet, tanzt es. Jeden Abend, p\u00fcnktlich um 19.00 Uhr, auf dem Hauptplatz der Altstadt, inmitten von H\u00e4usern, die vergessen machen wollen, dass sie vor Kurzem noch nicht mehr existierten. Ich werde mich h\u00fcten, etwas, das so offensichtlich aus dem K\u00f6rper, aus dem Bauch, und ja, nat\u00fcrlich, aus dem Herzen heraus entsteht, durch Recherche tot zu machen, weshalb ich nicht weiss und nicht wissen will, ob hier ein tibetischer Brauch oder einer der Naxi oder der Yi oder der Bai oder was weiss ich, gepflegt wird oder wir es hier mit etwas zu tun haben, dass die Menschen von Shangri-la ins Leben gerufen oder am Leben erhalten haben, um sich, immer wieder, ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, dass sie \u00fcberlebt haben, dass sie leben, und dass dies Grund genug zum Feiern ist. Jeden verdammten Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeden Tag finden sich mehrere Dutzend Personen auf diesem Platz ein, Greise, alte Frauen in traditionellen Kost\u00fcmen, Jugendliche in Trainingsanz\u00fcgen, M\u00fctter, Kinder, K\u00f6che, V\u00e4ter, um lassen aus Lautsprechern mit Schnatterb\u00e4ssen und Kitschsynthezisern aufgemotzte Volkslieder erklingen zu lassen , und zu tanzen, im Kreis, stundenlang, zu den immerselben Liedern, in einer Choreographie, die alle hier mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit ausf\u00fchren, dass unvorstellbar ist, dass sie dies irgendwann einmal gelernt haben. Eine Handvoll Touristen steht unweigerlich dagegen, manche von ihnen still beobachtend, andere bl\u00f6d gaffend, doch irgendwie scheinen sie alle zu respektieren, dass dies nicht ihre Sache ist, dass dies nicht f\u00fcr sie ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Shangri-La, im Winter 2017\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/M4mF-ue1CDw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und einer der Touristen, wenigstens, steht daneben, und kann es schier nicht fassen: Wie so viele Menschen in so grosser Selbstverst\u00e4ndlichkeit zusammenfinden k\u00f6nnen, zu etwas, das dort, wo er her kommt, nie stattfinden k\u00f6nnte ausserhalb eines eng gezogenen Rahmens, nie ohne Selbstbet\u00e4ubung oder -vergiftung, die helfen m\u00fcssten zu vergessen, dass man sich f\u00fcr so etwas zu sch\u00e4men hat, f\u00fcr die Unbeholfenheit, f\u00fcr die N\u00e4he, f\u00fcr die Offenheit und \u00d6ffentlichkeit. Und irgendwann, nach dem zweiten oder dritten Lied, bemerkt er pl\u00f6tzlich, dass er Tr\u00e4nen zur\u00fcckh\u00e4lt (nat\u00fcrlich h\u00e4lt er sie zur\u00fcck, denn er sch\u00e4mt sich, ein wenig), und dass das, was er nicht fassen kann, vor allem sein eigenes Gl\u00fcck ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Irgendwann Mitte M\u00e4rz, Shangri-la Im Folgenden geht es um die Abwesenheit von Scham, und deren Unbegreiflichkeit, weshalb der Text nicht anders beginnen kann als mit einem Gest\u00e4ndnis: Ich muss regelm\u00e4ssig Tr\u00e4nen der R\u00fchrung zur\u00fcckhalten, wenn ich Zeuge von etwas werde, das mir erstmals in Guilin begegnet ist, dann erneut, und diesmal in ausgereifterer Form, in Kunming und Lijiang, bevor ich es heute, in Shangri-la, erstmals in seiner Vollendung gesehen habe: Tanzende Menschen. 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