{"id":29,"date":"2012-10-09T17:59:00","date_gmt":"2012-10-09T17:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2012\/10\/09\/polymorphe"},"modified":"2026-09-04T12:44:03","modified_gmt":"2026-09-04T12:44:03","slug":"polymorphe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=29","title":{"rendered":"&#8220;Polymorphous Perversity&#8221;: Vorzeitige Entt\u00e4uschung:"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_996695f7b9c648dc9de40c06c09473ecmv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>ESSAY Zu Nicolau Chauds &#8216;Polymorphous Perversity&#8217;, vers\u00e4umte Obsessionen und allgemeine Freud-Losigkeit.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den vergangenen drei Stunden habe ich einen Mann daf\u00fcr bezahlt, von einem Pferd in den Arsch gefickt zu werden, ich habe einen Transvestiten gefistet und Hinterw\u00e4ldlern geholfen, Inzucht zu betreiben. Ich habe mich an B\u00e4umen vergangen und sexuell ausgehungerte M\u00fctter befriedigt, ich habe mich in Lederkluft vollpinkeln lassen und selbst ungeh\u00f6rige Jungens genotz\u00fcchtigt. Ich habe 45 neue Namen gelernt f\u00fcr Menschen mit Vorlieben, die ich nie kennen wollte, ich habe gebumst, geblasen, gev\u00f6gelt und Liebe gemacht mit Kr\u00fcppeln, Models und Weisen allerlei Geschlechts, ich bin an den Rand der physischen und psychischen totalen Ersch\u00f6pfung geraten, und habe weiter gemacht, kopf\u00fcber dem Abgrund entgegen. Und nun, da alles vorbei ist, empfinde ich\u2026 nichts. Das ist die bittere Pointe von Polymorphous Perversity.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch was lag vor dieser ern\u00fcchtenden Erkenntnis? Je nachdem, wie schief man den Kopf legt, kann man in Polymorphous Perversity mindestens zwei Dinge erkennen: Ein kleines, kostenloses Spiel, ein in RPGMaker 2003 gefertigter schl\u00fcpfriger Witz, der auf dem Weg zwischen M\u00e4nnerumkleidekabine und Psychoanalyse-Proseminar beim Wichsen auf halber Treppe kollabiert ist. Und das j\u00fcngste Experiment des brasilianischen Psychologen, Therapeuten und Professors Nicolau Chaud, der hier nicht zum ersten Mal versucht, ausgerechnet mit einem Baukasten f\u00fcr japanische Retrorollenspiele Licht in die finstersten Ecken von Psyche und Eros zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinen besten Momenten ist Polymorphous Perversity beides zugleich: ein Vexierbild, in dem diese Perspektiven hin- und herkippen und der Anblick einer grotesken Abartigkeit ein Lachen hervorzwingt, das gleich wieder im Hals stecken bleibt. In seinen schlechtesten Momenten h\u00e4lt Polymorphous Perversity dagegen weder der einen noch der anderen Sichtweise stand, und Momente intendierter Ernsthaftigkeit ersticken in Schwaden von Axe und Testosteron.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <i>\u201cThis is a pretty cool place. I was a little overwhelmed at first, all the sex still makes me a little crazy.\u201d<\/i>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chauds Experimentierwille entspringt einer einfachen Erkenntnis: Computerspiele haben Sexualit\u00e4t bislang meistens ignoriert, allenfalls noch gezeigt, aber kaum je wirklich reflektiert. In einem Anfall von \u00dcberkompensation jagt Chaud deswegen alles durch den RPGMaker, was der unendlich dehnbare Begriff \u201cSex\u201d aushalten kann \u2013 im keinem geringeren Namen als dem Siegmund Freuds. Der Titel des Spiels bezieht sich auf eine seiner These, wonach das Kind, dieses scheinheilige Schlitzohr, es faustdick in der Hose hat: Dem Nachwuchs fehlt n\u00e4mlich das Gesp\u00fcr f\u00fcr die D\u00e4mme und W\u00e4lle, hinter die die Erwachsenenwelt das sozial und sexuell Nichtakzeptable verbannt. Insofern kommen wir, so der Buschdoktor aus Wien, alle vielf\u00e4ltig pervers veranlagt in diese Welt, und lernen sp\u00e4ter, so wir denn brav sind, unsere Triebe, unsere Paraphilien und Neurosen unter Kontrolle zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chauds Polymorphous Perversity ist alles andere als brav: Das Spiel wirft seinen Protagonisten in eine g\u00e4nzlich (und g\u00e4nzlich bewusst) m\u00e4nnlichen Fantasien entsprungene Welt, in der Palmen M\u00f6sen tragen, Plastik-Porno-Pop \u00fcber den Wipfeln schwebt und niemand \u00fcber die reine Versautheit kindlicher Sexualit\u00e4t hinausgekommen ist. Zwischen normal und pervers, Mann und Frau, Mensch und Tier mag man hier nicht so richtig unterscheiden; gefickt wird, was bei drei nicht seine L\u00f6cher verschlossen hat, und mit Vergn\u00fcgen hat das alles nichts zu tun. Der Protagonist sieht sich vielmehr von einer unkontrollierbaren Lust verfolgt, die befriedigt werden will, wenn nicht sein Penis explodieren soll. (Kein Euphemismus f\u00fcr den Cumshot, sondern blutige und finale Realit\u00e4t in dieser z\u00fcgellosen Welt.) Der Drang wird somit zur Tortur, und die Suche nach einem Weg zur\u00fcck in die Normalit\u00e4t zur obersten Priorit\u00e4t f\u00fcr den Protagonisten cum Spieler \u2013 ein Weg, der an tausend Abartigkeiten vorbei hin zu einer entgeisterten Erkenntnis f\u00fchrt. So weit Chauds ernstgemeinte Ambitionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <i>\u201cIf you are here, there are walls inside you that need to be broken. It is a quest for liberation.\u201d<\/i>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ebene wird aber st\u00e4ndig gekreuzt von einer zweiten, die unter der G\u00fcrtellinie verl\u00e4uft und Polymorphous Perversity zur reinen Farce macht. Das liegt durchaus in der Natur der Sache selbst: Die Idee, diese schrankenlose Welt ausgerechnet mit den beschr\u00e4nkten Mitteln des RPGMakers erschaffen zu wollen ist an sich schon grotesk genug. Chaud zieht die logische Konsequenz daraus: Die Welt, sie muss so grotesk wie m\u00f6glich gezeichnet werden. Dabei gewinnt Chaud der Kr\u00fcmmelengine, die in der Regel genutzt wird um unschuldige 16-Bit-Kindheitserinnerungen wiederzuerwecken, durchaus St\u00e4rken ab: So ist Polymorphous Perversity zwar entschieden porno, aber nur im weitesten Sinne graphisch, und erst dies macht das Spiel eigentlich ertr\u00e4glich: Chaud stie\u00df bei seinen Erkundungen der Untiefen des menschlichen Geschlechtstriebs auf Dinge, die selbst einem Psychoanalytiker die Lust aufs Beobachten nachhaltig austreiben k\u00f6nnen. Und er forderte, in einem konzeptuellen Kunstgriff \u00fcber die Grenzen der Fiktion hinaus, die Leser seines Blogs auf, ihm versaute Fotos und Fantasien zu schicken. Vieles, sehr vieles davon hat seinen Weg ins Spiel gefunden: Polymorphous Perversity bietet mehr Weichteile als ein Austerndiner auf Chatroulette. Aber da die Aufl\u00f6sung der RPGMaker-Engine \u00fcber die Grobpixel\u00e4sthetik japanischer Genitalienschnappsch\u00fcsse nie hinauskommt, bleibt doch vieles im Dunkeln des eigenen Vorstellungsverm\u00f6gens.Je nach dessen Beschaffenheit d\u00fcrfte dies zu unterschiedlichen Arten von Erregung f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_f18b2063d74c4016a86489792865b369mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Sache, die jedenfalls zweifelsohne erregt wird, ist \u00c4rger. Das Bedauerliche dabei ist, dass die Provokation nicht jene zu sein scheint, auf die Chaud es anlegt: Wer diese Welt mit ihren zahllosen Vergehen gegen den guten Geschmack freiwillig betritt, der wird sich an den grobgezeichneten Darstellungen von Abasiophilie bis Zoophilie kaum st\u00f6ren. St\u00f6rend sind vielmehr Momente, in denen \u2013 wie etwa im Fall der irritierend negativen Darstellung von Transsexualit\u00e4t \u2013 pl\u00f6tzlich unklar wird, ob wir es noch mit der Satire auf den M\u00e4nnlichen Blick zu tun haben oder mit einem Blick auf den entbl\u00f6\u00dften Sch\u00f6pfer dieser Welt. In der Regel versteht es Chaud immerhin, die schier endlosen Fallgruben zu umgehen, die sein Projekt aushebt \u2013 als Konzept bleibt Polymorphous Perversity, bis es zum Schluss- und H\u00f6hepunkt kommt, trotz aller gewollten und ungewollten Entgleisungen faszinierend. Es stellt wenige Fragen, aber vieles in Frage, und auch wenn die Antworten, die es darauf gibt, teilweise zu unklar sind, so hat es doch eine klare Linie: Eine Linie, die von der Durchkreuzung aller Selbstverst\u00e4ndlichkeiten konsequent weiter gezogen wird, bis sie eine deutliche Position markiert \u2013 eine durch und durch pessimistische, die letztlich provozierender ist all die exotischen Sexpraktiken, die das Spiel zeigt. Und es sind tats\u00e4chlich Gedanken, die Polymorphous Perversity provoziert, und nicht nur Gel\u00e4chter und Gest\u00f6hne. Insofern scheint Chauds Experiment gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n<i>\u201cLove? No such thing. Just a repressed way of dealing with animal sexual urges..\u201d<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch\u2026 all dies ist letztlich Kopfsache, und der ist bekanntlich nicht das einzige Geschlechtsorgan. Unterhalb des Kopfs, unterhalb des Theorie- und Konzeptgewichses, findet sich eben auch: Ein Spiel. Ein K\u00f6rper. Und der ultimative St\u00f6rfaktor. Denn die Reaktionen auf das Spiel, das Polymorphous Perversity trotz allem eben auch ist, sie sind durch und durch k\u00f6rperlich: Zerm\u00fcrbung. Frustration. Wut. Nicht auf das Konzept, sondern auf die Umsetzung. Chauds fr\u00fchere Experimente, allen voran das weit gelungenere und verst\u00f6rende Dungeoneer: Beautiful Escape, waren zwar nicht weniger verkopft, aber sie waren kurz, schnappende Angriffe auf das Empfindungsverm\u00f6gen, die in kaum drei\u00dfig Minuten mehr und heftiger trafen, als dies vielen Spielern lieb sein konnte. Mit Polymorphous Perversity hat sich Chaud aber gehen lassen. Als w\u00e4re die Kompaktheit von Chauds fr\u00fcheren Spielen nicht genug, um die Gesamtheit der Perversit\u00e4ten dieser Welt abbilden zu k\u00f6nnen, wurde Polymorphous Perversity \u00fcber die Ma\u00dfen aufgebl\u00e4ht: Thematisch deplatziert wirkende Minispiele erweisen sich als v\u00f6llig nutzlos, Nebenquests sind \u00f6fters nebul\u00f6s als stimmig-bizarr, und die K\u00e4mpfe, die hier als Wettficken inszeniert sind, laufen hinaus auf reines Trial&amp;Error, das nicht einmal dem Liebesleben eines 14-J\u00e4hrigen mit einer Freikarte f\u00fcr den Puff gerecht w\u00fcrde. Der endg\u00fcltige Lustt\u00f6ter sind aber absolut undurchsichtige und \u00fcberfl\u00fcssige Puzzles und ein vollkommen willk\u00fcrlicher Schwierigkeitsgrad, der nur mit einem \u00dcberma\u00df an Gl\u00fcck und schierem Willen \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n<i>\u201cThat is the worst feeling. That I\u2019m dead while still living. I think I need the rush, the thrill, but I may be doing it wrong.\u201d<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die traurige Wahrheit von Polymorphous Perversity ist letztlich, dass es jenseits seines \u00f6sterreichischen Theorieunterbaus vollkommen freud-los ist. Nur schon, dass man dar\u00fcber reden muss, scheint verkehrt: \u201eSpa\u00df\u201c ist selten etwas, das man erwarten sollte, wenn man sich auf ein Nicolau Chaud-Experiment einl\u00e4\u00dft. Polymorphous Perversity weckt diese Erwartungen aber selbst mit seinem st\u00e4ndigen halbherzigen Griff zum Genre-Grabbeltisch, bevor es diese Erwartungen konsequent und entgegen der eigenen Anspr\u00fcche wieder entt\u00e4uscht. Polymorphous Perversity will Spiel sein, doch es kann den damit einhergehenden Ma\u00dfst\u00e4ben nicht gerecht werden: Es langweilt, trotz all seiner Absonderlichkeiten, und es frustriert. Im Frust aber zeigt sich das Spiel nackt \u2013 reduziert auf reine Mechanismen, deren Justierung zuallererst Arbeit bedeutet, und einem daneben liegenden Stapel abgestreifter Sexattribute, die unter dem stumpfen Blick des ersch\u00f6pften und entt\u00e4uschen Spielers pl\u00f6tzlich billig auszusehen beginnen. Dies ist zwar durchaus nicht unpassend f\u00fcr das distanzierte Bild von Sex und Liebe, das Polymorphous Perversity schlussendlich zeichnet; aber als Pointe ist diese k\u00fchle Distanz nichtsdestoweniger nichts anderes als: unbefriedigend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <i>\u201cAbstinence is the key. SEX WILL RUIN EVERYTHING.\u201d<\/i>\n    <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Artikel erschien urspr\u00fcnglich<a href=\"http:\/\/superlevel.de\/spiele\/polymorphous-perversity\"> auf Superlevel<\/a> und sp\u00e4ter im <a href=\"http:\/\/wasd-magazin.de\/\">WASD-Magazin<\/a>. Ausserdem trug er mir <a href=\"http:\/\/kaliban.de\/2013\/01\/der-warme-handedruck\/\">Den Warmen H\u00e4ndedruck 2013<\/a> und Lob von hoher Stelle ein. Soll niemand sagen, schreiben \u00fcber Sodomie zahle sich nicht aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> ESSAY Zu Nicolau Chauds &#8216;Polymorphous Perversity&#8217;, vers\u00e4umte Obsessionen und allgemeine Freud-Losigkeit. 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