{"id":30,"date":"2013-04-11T07:58:00","date_gmt":"2013-04-11T07:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2013\/04\/11\/the-year-walk-letter-pt-i"},"modified":"2026-09-04T12:34:11","modified_gmt":"2026-09-04T12:34:11","slug":"the-year-walk-letter-pt-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=30","title":{"rendered":"The Year Walk Letters, Pt. I"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_5764ef924efb4d3ba3cca3a8efd508eamv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BRIEFWECHSEL mit Rainer Sigl von <\/strong> <strong>Video Game Tourism <\/strong> <strong>zu &#8220;Year Walk&#8221; von Simogo. Eigentlich aber zu Gott, die Welt, unsere Sehnsucht nach dem Unerkl\u00e4rlichen, und allem Anderen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Lieber Rainer,<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">wir m\u00fcssen reden. Als ich fr\u00fcher einmal meinem Befremden Ausdruck verschaffte \u00fcber die Entwurzelung fast aller Geschichten im Medium Computerspiel, warst du freundlich genug, mir zu antworten. Und du bewiest \u2014 wie so oft \u2013, dass du weisst, wo ich nur ahne. Wenn ich dich im Folgenden also transalpin missbrauchen werde als b\u00e4rtigen Weisen, der ratschlagend auf einem Berggipfel ennet der Grenze hockt, so ist das gewissermassen deine Schuld, oder, um ein zweites Wort zu verwenden, das in dieser Konversation noch \u00f6fters fallen d\u00fcrfte: Schicksal. Was ich damals bedauerte, und wor\u00fcber ich heute reden wollte, war der Unwillen oder die Unf\u00e4higkeit der Entwickler in diesem von uns beiden so oft liebevoll gescholtenen Medium, sich auf ihre eigenen kulturellen Urspr\u00fcnge zu besinnen: Manchmal kann es einem vorkommen, als g\u00e4be es kaum ein fantasieloseres Genre als die Fantasy im Computerspiel \u2014 ich vermutete, dass es unendlich aufgewertet werden k\u00f6nnte durch den narrativen Reichtum, der gerade in jenen Sagenwelten geborgen ist, den europ\u00e4ische Entwickler entdecken k\u00f6nnten, ohne auch nur vor die Haust\u00fcr treten zu m\u00fcssen. Doch wo Menschen wie ich nur jammern, gibt es zum Gl\u00fcck auch solche, die sch\u00f6pfen. Dass ich kaum ein Jahr warten musste, um meinen Traum von einem, wenn man so will, urw\u00fcchsigen, Spiel erf\u00fcllt zu sehen, kam dennoch als \u00dcberraschung; dass es mir ausgerechnet auf einem Ger\u00e4t begegnen w\u00fcrde, dem ich solche Erfahrungen am wenigsten zugetraut h\u00e4tte, umso mehr. (Dass das Spiel wenigstens aus dem von mir als besonders sagenhaft beschworenen Norden stammt, ist das Einzige, was ich kommen sah. Die Membran zwischen Gegenwart und Zukunft \u2014 f\u00fcr mich Blinden bleibt sie undurchdringlich.) Ich muss dich fragen, Rainer, hast du Year Walk gespielt? Hast du, wie ich, dein iPad im Schoss gehalten wie ein blut- und erdbeschmiertes Grimoire, das ein stummes Versprechen und eine wortlose Drohung zugleich auszusprechen schien? Hast du den Companion entdeckt, bevor oder nachdem du dich auf den Weg gemacht hast? Und vor allem: Wo warst du, als du den Marsch gemacht hast? Ich habe rein zuf\u00e4llig, aber ungeheuer passend, in der Osternacht damit angefangen, mit dem Blick auf eine Kirche, in einem dunkeln Zimmer, ohne Internetempfang, und einem schalldichten Kopfh\u00f6rer auf den Ohren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Year Walk anders spielen kann. Vielleicht aber irre ich mich. Wie hast du das Spiel erfahren? Mit echter Neugierde,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Christof<\/strong>\n <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">PS Rituale, Beschw\u00f6rungen, sie brauchen Regeln. Ich schlage nur eine vor: Lass uns die uns\u00e4gliche Angst vor dem Verrat zum Kyrkogrimen jagen. Year Walk erlaubt keine Spoiler-Warnung: Man will nichts dar\u00fcber wissen, oder alles. \u00dcber Year Walk zu sprechen heisst, seine Geheimnisse preiszugeben, weil es voll und ganz Geheimnis ist. Insofern: Keine falsche Zur\u00fcckhaltung. Ich glaube ohnehin nicht, dass unsere Worte gen\u00fcgen werden, um dieses Spiel seines Mysteriums zu berauben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_b90041abb91545d8aa74db59d0a3fc76mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Lieber Christof, <\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">als b\u00e4rtiger Weiser auf dem Berge betitelt zu werden, trifft auch angesichts meiner Gesichtsbehaarung nur so halb zu, aber auch als Gro\u00dfstadtbewohner hat man hierzulande halt sein alpines Erbe zu tragen. Und da wir schon dabei sind: Die schroffen T\u00e4ler und menschenfeindlichen Ein\u00f6den ebenjener Alpen sind ebenso <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=V_Y_sdV_Hug\">Orte lebendiger Volksmythologien<\/a> wie, scheint\u2019s, das dunkle Skandinavien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich muss ich dir erst mal voll und ganz in deinem Lamento zustimmen: Kaum ein Genre, das seinem Namen so wenig gerecht wird wie Fantasy. Auf jeden <a href=\"http:\/\/www.zenoclash.com\/\">Lichtblick <\/a>folgen Jahre der Einheitsfantasy mit generischen Spitzohrenelfen und schalen Zwergenwitzen (f\u00fcr die wird Peter Jackson hoffentlich von Laurins oder zumindest Tolkiens Geist heimgesucht). Dabei ist, wie du richtig schreibst, ein narrativer Reichtum gerade auf dem alten Kontinent direkt vor der Haust\u00fcr zu finden, und ein geh\u00f6rig d\u00fcsterer noch dazu. Interessanterweise hat diese niedere Mythologie aber anscheinend nur in Skandinavien ihren Weg bis in die Popul\u00e4rkultur des 20. Jahrhunderts gefunden; die Menagerie von Ronja R\u00e4ubertochter oder aus den verdammt gruseligen Mumins d\u00fcrfte sich in den nordeurop\u00e4ischen langen Wintern\u00e4chten eben besser gehalten haben als im gr\u00fcndlicher christianisierten S\u00fcden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Year Walk ist so etwas wie ein Beweis daf\u00fcr. Du fragst, wie ich Year Walk erfahren habe, und meine Antwort darauf lautet: nicht unter derart (fast mythisch!) perfekten Bedingungen wie du, aber dennoch mit Staunen und wachsendem Respekt vor den Machern. Und vor allem: mit gr\u00f6\u00dfter Begeisterung f\u00fcr ein R\u00e4tsel als Gesamtpaket. Mir gef\u00e4llt dein Begriff vom \u201eurw\u00fcchsigen\u201c Spiel, doch da beginnt meiner Meinung nach bereits das meisterhafte Verwirrspiel. Denn Year Walk ist nur oberfl\u00e4chlich simpel, genau so wie die \u201eniedere\u201c Mythologie nur oberfl\u00e4chlich betrachtet unterhalb der hohen Mythologie steht. Year Walk, so m\u00f6chte ich denn einmal behaupten, ist \u00fcberhaupt kein Puzzlespiel, kein Adventure, in dem man R\u00e4tsel l\u00f6st, sondern als Ganzes ein R\u00e4tsel, und noch dazu eines mit mehreren L\u00f6sungen, die zum Gutteil au\u00dferhalb seiner Spielmechaniken liegen. (Es ist au\u00dferdem wohl ebenso ein <a href=\"http:\/\/videogametourism.at\/node\/1736\">Quantenm\u00e4rchen<\/a>.). Wie siehst du das? Hat sich dir dieses \u201eGesamtpaket\u201c nat\u00fcrlich erschlossen? W\u00fcrdest du mir zustimmen, dass hier in Spuren jener Meta-Witz versucht wird, der Blair Witch Project und House of Leaves so bemerkenswert gemacht hat?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn alles, wirklich alles stimmt. Es ist eine so grandiose Chuzpe, den Companion lapidar als h\u00fcbsche Gratis-App dazuzustellen, und ebenso sch\u00f6n ist der kaltbl\u00fctige Verweis auf den erfundenen Anthropologen Theodor Almsten \u2013 niemand, schon gar nicht The Verge in seinem <a href=\"http:\/\/www.theverge.com\/2013\/2\/21\/4013456\/year-walk-iphone-ipad-vision-quest-game\">Review <\/a>noch die Kollegen von <a href=\"http:\/\/superlevel.de\/cast\/indiefresse\/indie-fresse-021-der-namenlose-schrecken\/#comments\">Superlevel<\/a>, hatten diesen genialen Mummenschanz in den ersten Tagen durchschaut. (Ich selbst war auch nur deshalb schneller skeptisch, weil ich, sozusagen als Kollege, den Wanderer zwischen Academia und Gameswelt sofort ausfindig machen und anschreiben wollte.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Widersprich mir bitte, falls ich \u00fcbertreibe, aber ich finde: Year Walk ist ein gro\u00dfes, ein wichtiges Experiment \u2013 wenn sich so etwas verkauft, sind wir mit der Akzeptanz wirklich anderer Spielkonzepte einen sch\u00f6nen Schritt weiter. Wie siehst du das?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Servus,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>Rainer<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Year Walk-Letters erschienen <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2013\/04\/11\/the-year-walk-letters-pt-1\/\">urspr\u00fcnglich auf nahaufnahmen.ch<\/a>. Teil 2 findet sich <a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2013\/04\/13\/the-year-walk-letters-pt-2\/\">hier<\/a>, der dritte und finale Teil<a href=\"http:\/\/www.nahaufnahmen.ch\/2013\/04\/15\/the-year-walk-letters-final-part\/\"> findet sich hier<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BRIEFWECHSEL mit Rainer Sigl von  Video Game Tourism  zu &#8220;Year Walk&#8221; von Simogo. 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