{"id":44,"date":"2015-05-26T06:18:00","date_gmt":"2015-05-26T06:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2015\/05\/26\/das-ende-der-magischen-stunde"},"modified":"2026-09-04T12:35:23","modified_gmt":"2026-09-04T12:35:23","slug":"das-ende-der-magischen-stunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=44","title":{"rendered":"&#8220;Dark Souls&#8221;: Das Ende der Magischen Stunde"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>\n  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized has-custom-border\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-310\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high-300x225.jpg 300w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high-768x576.jpg 768w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/albrecht-duerer-die-eroeffnung-des-sechsten-siegels-high.jpg 1781w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>ESSAY \u00fcber den Vertrauensbruch in &#8220;Dark Souls 2&#8221;, eigentlich aber \u00fcber das Geschenk, allein gelassen zu werden.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter all den gr\u00f6\u00dferen und kleineren Wandlungen, die die Souls-Serie im Laufe ihrer Geschichte erlebt hat, war vermutlich keine passender als die durch einen Publisher-Wechsel erzwungene Neuformulierung des Namens: Vom raunenden Demon\u2019s, das in seiner grammatikalischen Ungeschlachtheit die Tradition windschief \u00fcbersetzter, dabei aber seltsamer poetischer Spieletitel weiterf\u00fchrt, hin zum so unmissverst\u00e4ndlichen wie passenden Adjektiv: Dark. Nicht, dass der titelgebende D\u00e4mon des ersten Spiels im Nachfolger gebannt gewesen w\u00e4re \u2013 mit der Einzahl kann ohnehin keine der tausend Ungestalten gemeint sein, die den Limbus der Spielwelt heimsuchen, sondern nur jene Nemesis, die sich dem Spieler auf Schritt und Tritt in den Weg stellt: sein innerer Schweinehund. Auch in Dark Souls blieb er der ultimative Gegner, dessen Geheul jedes Mal zu vernehmen ist, wenn der Blick auf eine omin\u00f6se Gestalt f\u00e4llt, die unbeweglich, aber unverkennbar bereit, am anderen Ende eines Korridors steht, umgeben von den Blutlachen anderer Spieler, die hier ihr Ende gefunden haben, und unser Daumen f\u00fcr eine Sekunden vom Joystick rutscht, als h\u00e4tten wir eine Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dennoch diese Namens\u00e4nderung: Dark, und sie ist mehr als verdient. Der Beginn des Spiels mit seiner falschen Lagerfeueridylle am Fu\u00df eines gewaltig wirkenden Baums ist ein einziger Trugschluss \u2026 denn was danach kommt, sind zahllose Stunden in gebrochenen, in ewiges Zwielicht getauchte Burgen, in diesigen, kr\u00e4nklich vor sich hin wuchernden W\u00e4ldern und Verliesen, in denen selbst der Gedanke an ein Wort wie \u201eOberlicht\u201c wie blanker Hohn wirkt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_46840c3fd236406b8f57dd6598caa652mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist kein Zufall, dass die Orte, zu denen sich die Spieler meist blo\u00dfe Augenblicke vor dem Verrecken retten, Lagerfeuer sind, und ebenso wenig zuf\u00e4llig ist der eine Satz, der wie kein anderer mit der Souls-Serie verbunden wird, nicht das von der Marketingabteilung beschworene Prepare to die. Es ist vielmehr ein Mantra, ein Gebet, das diese Worte und die Dunkelheit zu bannen sucht: Praise the sun! Das Geheimnis der Souls-Spiele ist: Sie wissen um die Bedeutung der \u201eMagischen Stunde\u201c, jenem in der Fotografie so gesch\u00e4tzten fl\u00fcchtigen Moment, in dem Tag und Nacht in der perfekten Balance schweben. Und es ist abermals kein Zufall, dass das eindr\u00fccklichste Erlebnis in Dark Souls genau auf dieser Schwelle stattfindet. Dabei sind die Souls-Spiele an nachhaltigen Eindr\u00fccken alles andere als arm \u2013 es liegt in ihrer Natur, dass sie sich den zu permanenter Wachsamkeit angehaltenen Spielern in stetiger Wiederholung unausl\u00f6schlich einpr\u00e4gen. Und dennoch ragt eine Spitze heraus aus den ausufernden mentalen Karten der durchwanderten Welten, die zweifelsohne noch jahrzehntelang abrufbereit in unserem Ged\u00e4chtnis warten werden: Es ist der Augenblick, in dem sich der von uns gesteuerte Untote eine Passage erlitten hat durch eine selbst f\u00fcr Souls-Verh\u00e4ltnisse au\u00dfergew\u00f6hnlich b\u00f6swillige Festung, um auf ihren Zinnen einen jener unwahrscheinlichen Siege gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Gegner zu erringen, die den dunkel pulsierenden Rhythmus der Souls-Spiele vorgeben. Die wortw\u00f6rtlich aus heiterem Himmel kommende Belohnung sind zwei gefl\u00fcgelte D\u00e4monen, die den Untoten aufladen und mit ihm in die H\u00f6he entschwinden. Der Blick nach unten ist ein Geschenk, ein R\u00fcckblick auf die vergangenen zig Stunden, auf die Welt, die man sich Zoll um Zoll erk\u00e4mpft hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_34a00848ba6c4b58a73a9d26df438f5emv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Augenblick geh\u00f6rt nicht dem Blick zur\u00fcck, sondern dem nach vorne: Die D\u00e4monen tragen einen \u00fcber eine Klippe, die bislang f\u00fcr das Ende der Welt gehalten wurde, und offenbaren nichts weniger als eine gesamte neue Welt. Ein Meer von Zinnen und Erkern verr\u00e4t einen baulichen Reichtum, der all die durchaus eindr\u00fccklichen Gebiete, die man bereits durchstreift hat, in den Schatten stellen. Wortw\u00f6rtlich, denn was den Eindruck von Anor Londo so gewaltig macht, ist: die Sonne, das malerische Licht, das die verlorene Stadt durchflutet\u2026 erst in diesem Moment versteht man wirklich, wie sehr man sich all die Zeit \u00fcber nach ihr gesehnt hat, und auch wenn der Weg voran wieder in die Dunkelheit f\u00fchren wird, ist dieser Augenblick doch der vielleicht wichtigste der gesamten Reise durch Dark Souls: Er erinnert uns daran, was wir bereits geleistet haben, und vor allem auch: was wir noch leisten k\u00f6nnen werden. Praise the sun. In Dark Souls II, dem k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten ersten Nachfolger \u2013 dem ersten ohne Neuerfindung des Namens \u2013 gibt es einen Augenblick, der unzweifelhaft die Erinnerung an dieses Erlebnis aufruft, und er kommt zu einem unerwarteten Zeitpunkt: Das Spiel setzt ein mit einem Marsch durch ein in gr\u00e4uliche Lichtschlieren getauchtes Tal, das, wie jeder Auftakt innerhalb der Souls-Serie, neben einer verkappten Rahmung der Handlung und einigen grotesk verk\u00fcrzten Anweisungen vor allem erste Gelegenheiten zum Scheitern birgt. Doch ist dieser Initiationsritus erst einmal \u00fcberstanden und eine von dumpfer Symbolik widerhallende H\u00f6hle durchschritten, wird man, noch etwas feucht und zitternd vor lauter Metaphorik, mit einem unverhofften Anblick konfrontiert: Ein sanft abfallender Pfad f\u00fchrt zu einer Klippe hin, die \u00fcber einem in goldenes, immerw\u00e4hrendes Abendlicht getauchten Ozean aufragt. Gorgeous view, so der massenhaft im schemenhaften Nachrichtensystem der Souls-Reihe auf den Boden geschriebene Kommentar anderer Mitspieler, und, unfehlbar: Praise the sun. Ein Gebet, das zum ersten Mal nicht am Ende der Nacht erklingt, sondern einen Anfang markiert. Auch das kann in dieser Serie, die nichts dem Zufall \u00fcberl\u00e4sst, nicht anders als gewollt sein. Dieser strahlende Anblick: er ist keine Belohnung, sondern ein Willkommensgeschenk. Es ist die ins Licht geschriebene Bekr\u00e4ftigung der erkl\u00e4rten Absicht der Entwickler, auch neue, andere Spieler begr\u00fc\u00dfen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_3a2343f05529494fa15688ed6d1bb084mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesem Gedanken w\u00e4re an sich nichts auszusetzen. An der Geste mit ihren \u00fcberspannten Z\u00fcgen allerdings schon eher, und tats\u00e4chlich ist dies das gr\u00f6\u00dfte Problem einer Serie, die bislang ihren schartigen Charme als Ehrenmal trug, aber trotzdem alles richtig zu machen schien: Dark Souls II meint es, auch wenn es dem Spieler wie zur Bekr\u00e4ftigung seiner motherfuckbadassness immer wieder n\u00e4gelgespickte Kn\u00fcppel zwischen die Beine wirft, letztlich gut mit ihm. Und vergisst dabei gelegentlich, wie viel besser seine Vorg\u00e4nger den Spieler und die Natur seines Kampfs mit den inneren D\u00e4monen verstanden haben. In nichts wird dies deutlicher als im Entscheid, die Gegner, die in Demon\u2019s und Dark Souls nach jedem Ableben des Spielers mit ihm wiederauferstanden sind, nach dem zehnten Tod verschwinden zu lassen. Verfehlt dabei ist nicht, dass es dem Spieler die M\u00f6glichkeit entzieht, Erfahrungspunkte zu sammeln und dadurch seinen Spieler-Charakter st\u00e4rker zu machen \u2013 tragisch ist, dass diese Entscheidung es dem Spieler verunm\u00f6glicht, seinen Schweinehund zu bezwingen und damit seinen eigenen Charakter zu st\u00e4rken, der in diese Serie immer unendlich viel wichtiger war als die Statistiken der untoten Gestalt, die auf der anderen Seite des Bildschirms mitleidet. Das gr\u00f6\u00dfte Missverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber den Souls-Spielen ist es, dass sie \u00fcber die Ma\u00dfen \u201ehart\u201c seien \u2013 sie sind, oder waren, eigentlich nur hartn\u00e4ckig in ihrer Tendenz, den Spieler ernst zu nehmen. Demon\u2019s Souls und Dark Souls pr\u00fcgelten ihn mit einer Hand zu Tode und streckten ihm zugleich, in einer unendlich nobleren Geste, die andere hin, um zu signalisieren: \u201eDu kannst es schaffen. Gib nicht auf. Ich glaube an dich. Ich werde da sein, und warten, bis du bereit bist.\u201c Die Verweigerung der Auferstehung der Gegner in Dark Souls II tritt uns dagegen die F\u00fc\u00dfe unter den Beinen weg, um uns freundlich l\u00e4chelnd eine Kr\u00fccke hinhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_5e8c9739a1464e148f29f96ca1f816b1mv2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist dies nicht genug, um mit der Faszination der Souls-Reihe zu brechen. Alles andere ist immer noch da: Das Wissen um die Wahrung von Mysterien und die Heftigkeit von K\u00f6rpern, die aufeinanderprallen, die Forderung ungeteilter Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, f\u00fcr diese Aufmerksamkeit reich zu entsch\u00e4digen mit ungesehenen Welten, Wesen und dem so seltenen Gut unverbrauchter Ideen\u2026 Was gebrochen wurde, ist lediglich der Vertrag zwischen Spieler und Spiel, das beiderseitige Versprechen der Geduld, und der Kreislauf der ewigen Wiederkehr, der die Souls-Spiele so merkw\u00fcrdig aus der Zeit zu r\u00fccken schien. Mit Dark Souls II ist, mit einem Wort, das Ende der Magischen Stunde angebrochen. Die Balance zwischen Licht und Dunkelheit wird f\u00fcr eine letzte Wanderung halten\u2026 ob danach aber ein neuer Tag oder eine neue Nacht anbricht, wird sich erst zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text erschien urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Zeitschrift <a href=\"http:\/\/wasd-magazin.de\/\">WASD #5<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ESSAY \u00fcber den Vertrauensbruch in &#8220;Dark Souls 2&#8221;, eigentlich aber \u00fcber das Geschenk, allein gelassen zu werden. 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