{"id":5,"date":"2006-10-03T08:53:00","date_gmt":"2006-10-03T08:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chrigiz.wixsite.com\/gotohaneda\/post\/2006\/10\/03\/1-mom"},"modified":"2026-09-04T11:45:39","modified_gmt":"2026-09-04T11:45:39","slug":"1-mom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gotohaneda.com\/?p=5","title":{"rendered":"#1 Mom"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter is-resized has-custom-border\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gotohaneda.com\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/dd22cb_fa0dff8c9c754c888e4f70cbe229ddf5mv2.jpg\" alt=\"\" style=\"border-top-left-radius:22px;border-top-right-radius:22px;border-bottom-left-radius:22px;border-bottom-right-radius:22px;width:789px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n      <strong>KURZGESCHICHTE, in der ich, erneut, irgendwann anfangs 20 versucht habe, die T\u00fccken des \u00c4lterwerdens und Elternseins zu reflektieren. Den ersten Satz habe ich verbatim so getr\u00e4umt. Man verurteile mich, wie es mir geb\u00fchre.<\/strong>\n    <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn ich kaum \u00fcber dreissig war, meine ich, was ich sage, wenn ich behaupte: ich sah gut aus f\u00fcr mein Alter, wie ich da an der Ablage lehnte. Der Stoff des etwas zu engen Shirts spannte \u00fcber meinen durchaus ahnsehnlichen Br\u00fcsten (sie waren nicht grossartig, sondern genau das: ahnsehnlich), aber dennoch h\u00e4tte der Schriftzug darauf jede Anrede ausser \u201eMama\u201c von vornherein verbieten sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan trug ein K\u00fcchenmesser vor sich her, hinter dem sein spindeld\u00fcrrer K\u00f6rper zu verschwinden drohte, und ignorierte diese Tatsache geflissentlich \u2013 wenn er \u00fcberhaupt sprach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sagte nicht viel, und mit einem Anflug von schlechtem Gewissen bemerkte ich, dass ich gehofft hatte, er h\u00e4tte in der Zwischenzeit sprechen gelernt. Wie immer musste ich ihm die Worte aus der Nase ziehen, und es kam mir zugute, dass ich einige \u00dcbung darin hatte. Ich habe nie herausgefunden, ob seine Verschwiegenheit eine Art von Angst war, oder ob er sich aus R\u00fccksicht auf seinen Gespr\u00e4chspartner so verhielt, um ihn nicht zu langweilen oder zu verletzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan ist ein guter Junge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er vermied es, mich als \u201eMama\u201c anzusprechen, und so weit ich sehen konnte, war dies die einzige Ver\u00e4nderung, die das erste Jahr im Internat mit ihm angestellt hatte. Gut, er war wohl ein St\u00fcck gewachsen (nicht genug, um auf mich herabsehen zu k\u00f6nnen, dachte ich mit Genugtuung), sein K\u00f6rper hatte ein wenig von der niedlichen Umst\u00e4ndlichkeit seiner Kinderproportionen eingeb\u00fcsst, und sein Gesicht war spitzer geworden, seitdem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Doch all das waren Prozesse, Entwicklungen, die sich vermutlich schon lange im Verborgenen angebahnt hatten, und die ich notgedrungen auch zu akzeptieren bereit war \u2013 ganz im Gegensatz zu diesem \u201eRita\u201c, das ihm neuerdings immer \u00f6fter \u00fcber die Lippen kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jans Finger, spitzer geworden auch sie, hielten das grotesk grosse Messer verkrampft, wie immer, seitdem wir entdeckt hatten, dass es tats\u00e4chlich etwas gibt, das Jan mir entschieden voraushat: Er kann Zwiebeln schneiden, ohne dabei zu weinen. Dem kleinen Jan, in allen anderen Belangen durchaus ein empfindliches Kind, entlockten die Zwiebeld\u00e4mpfe keine Tr\u00e4nen, und da ihm diese Arbeit eine erstaunliche Freude zu bereiten schien, \u00fcberliess ich sie ihm f\u00fcr gew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich dr\u00fcckte die Zigarette im Aschenbecher aus, wusch mir die H\u00e4nde und machte mich daran, ihm beim Kochen zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich f\u00fcllte Wasser in die Pfanne, gab Salz hinein und schaltete den Herd an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Weisst du, wenn du das Salz erst dazu gibst, wenn das Wasser schon kocht, geht es schneller&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir entging die bem\u00fchte Beil\u00e4ufigkeit in Jans Tonfall nicht. Als er meinen Blick auf sich ruhen sp\u00fcrte, f\u00fcgte er rasch hinzu:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; &#8230;behauptet zumindest unsere Haushaltslehrerin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich betrachtete seinen schmalen R\u00fccken, die h\u00e4ngenden Schultern, die von meinen Fingern zerzausten Haare, und \u00fcberlegte, nichts zu erwidern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Na, daf\u00fcr ist es jetzt wohl ein wenig zu sp\u00e4t&#8230; Du hast nie erw\u00e4hnt, dass ihr auch Kochunterricht habt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schultern hoben sich kaum merklich und fielen wieder. Innerlich h\u00f6rte ich mich seufzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Und? Ich meine&#8230; Wie ist es so? Was kocht ihr denn? Ist die Lehrerin klein und faltig und laut, wie sie es zu meiner Zeit war? M\u00fcsst ihr auch immer die Bescherung aufessen, die ihr angerichtet habt? Kochen da Jungs und M\u00e4dchen zusammen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der Taktiken, Jan zum Reden zu bringen: ihn mit so vielen Fragen eindecken, dass er sie unm\u00f6glich alle ignorieren kann. Und tats\u00e4chlich unterbrach er sein klapperndes Tacktacktack, liess das Messer sinken und schaute mich \u00fcber die Schulter an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Mhm. Alle zusammen, auch wenn die Pfarrer und Nonnen es vielleicht bedenklich finden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er schenkte mir ein scheues L\u00e4cheln, ich erwiderte es, auch wenn mir irgendetwas in seiner Antwort nicht richtig gefallen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tomatensauce begann leise zu brodeln, Jan reagierte auf das Ger\u00e4usch wie auf einen Feueralarm, gab rasch die Zwiebeln hinzu, ich die Gew\u00fcrze, dann sch\u00fcttete er die Pasta ins Wasser, w\u00e4hrend ich mir eine weitere Zigarette ansteckte und mich gegen die Ablage lehnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan wusste nicht wohin mit seinen pl\u00f6tzlich nutzlos gewordenen H\u00e4nden. Er nestelte damit in seinen Haaren herum, strich sich \u00fcber ein Hosenbein, und begann schliesslich, den Tisch zu decken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich startete einen neuen Versuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Und&#8230; wie sind die M\u00e4dchen denn so? Irgendwas&#8230; Lohnenswertes darunter?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch eine Taktik im Umgang mit Jan: unbedingtes Ankn\u00fcpfen an einen bereits er\u00f6rterten Punkt der Unterhaltung. Er mag keine Gespr\u00e4che, die auseinander fallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan stockte nur kurz, bevor er einen zweiten Teller auf den Tisch stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211; Weisst du, Rita&#8230; die sind ganz okay, nur manchmal ein wenig anstrengend. Aber die Nonnen sorgen schon daf\u00fcr, dass sie eines Tages zu wunderbaren Ehefrauen und M\u00fcttern werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er l\u00e4chelte mir erneut zu, aber ich konnte sein L\u00e4cheln nicht erwidern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erkenntnis durchfuhr mich wie ein Blitz: War es m\u00f6glich, dass Jan, der kleine Jan mit seinem immer etwas schiefen Sinn f\u00fcr Humor, der s\u00fcsse Jan, der selten \u00fcber etwas zu lachen schien, sondern in seiner liebenswerten Weise immer nur f\u00fcr sich allein, in diesem letzten Jahr so etwas wie einen Sinn f\u00fcr Ironie entwickelt hatte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Blick fuhr \u00fcber mein T-Shirt \u2013 das ein wenig spannte, weil Jan doch nicht wissen konnte, welche Gr\u00f6sse ich trage \u2013 und blieb am Schriftzug h\u00e4ngen; cremiges Rosa auf weissem Hintergrund: No. 1 Mom, und ich vergass, den n\u00e4chsten Zug von meiner immer noch gl\u00fchenden Zigarette zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text erschien in der Anthologie <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Talwind-Oberwalliser-Gegenwartsliteratur-Charles-St%C3%BCnzi\/dp\/3908141451\">Talwind<\/a>. Damals, als &#8220;anfangs dreissig&#8221; noch unvorstellbar weit in der Zukunft zu liegen schien.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">  <br>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KURZGESCHICHTE, in der ich, erneut, irgendwann anfangs 20 versucht habe, die T\u00fccken des \u00c4lterwerdens und Elternseins zu reflektieren. Den ersten Satz habe ich verbatim so getr\u00e4umt. Man verurteile mich, wie es mir geb\u00fchre. Auch wenn ich kaum \u00fcber dreissig war, meine ich, was ich sage, wenn ich behaupte: ich sah gut aus f\u00fcr mein Alter, wie ich da an der Ablage lehnte. 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